30. Mai 2018, 13:00 Uhr

Echo-Preisträger

Starorganist Schmitt: »Die Laubacher Orgel ist wie ein guter VW Passat mit Sonderausstattung«

Christian Schmitt ist einer der charismatischsten Konzertorganisten. 2013 gewann er den »Echo«. Am Samstag gastiert er in Laubach. Im Interview erzählt er, warum er Orgeln mit Autos vergleicht.
30. Mai 2018, 13:00 Uhr
Mit elf Jahren hat Christian Schmitt auf der Kirchenorgel angefangen. (Foto: Uwe Arens)

Christian Schmitt ist einer der charismatischsten Konzertorganisten unserer Zeit. 2013 gewann er den »Echo«. Am Samstag gastiert er zusammen mit seiner Frau bei der Konzertreihe »Mixtur« in Laubach. Im Interview spricht Schmitt über seinen ersten Nebenjob, warum er Orgeln mit Autos vergleicht, und ob es Vorteile hat, als Paar aufzutreten.

Herr Schmitt, in den Augen mancher hat die Orgel ein eher verstaubtes Kirchen-Image. Was hat Sie an dem Instrument einst begeistert?

Christian Schmitt: Mich hat der sehr mächtige und imposante Klang begeistert. Und damals, als junger Organist mit 14, 15 Jahren, war das auch ein schöner Zuverdienst. Ich konnte mir von meinen sechs Messen die Woche ein schönes Fahrrad kaufen, einen schönen Tennisschläger. Als Jugendlicher war das einfach eine gute Sache. Ich hatte sozusagen einen permanenten Nebenjob, der auch noch Spaß gemacht hat.

Sie haben auf der Heimorgel angefangen, also zunächst in keinem kirchlichen Kontext. Wie wichtig ist Ihnen die Verbindung von Kirche und Orgel?

Schmitt: Ich war in jungen Jahren Messdiener. Ich bin katholisch und damit auf dem Land, in einem kleinen Ort im Saarland, aufgewachsen. Mit 15, 16 hatte ich zwei Gemeinden, die ich regelmäßig in Gottesdiensten betreut habe, es war ein Teil meines Lebens. Ich habe das komplett ausgeübt bis ich 28 war. Aber dann hat mich mehr interessiert, wie die Orgel als Konzertinstrument funktioniert. Natürlich legt man das nicht ab wie einen Mantel, sondern man ist natürlich in der Sache verwurzelt.

Nun hat man eine Konzertorgel nicht einfach mal so zu Hause stehen. Wie machen Sie das mit dem Üben?

Schmitt: Ich habe seit einem Jahr wirklich eine Orgel zu Hause. In Stuttgart haben wir uns im vierten Stock einen Raum schallisoliert ausbauen lassen. Meine Frau ist Solo-Flötistin. Wir haben uns überlegt, dass wir diese 15 000 Euro investieren, weil es uns unser Leben lang begleitet. So gehen wir den Nachbarn nicht so auf den Wecker.

Die Orgel bei mir zu Hause ist eher ein Smart

Christian Schmitt

Wie muss man sich diese Orgel vorstellen?

Schmitt: Das ist ein kleines, mechanisches Instrument mit vier Registern und zwei Manualen, sieht aus wie ein Schrank. Damit kann ich gut arbeiten. Hier in Stuttgart habe ich auch sehr gute Verbindungen zu einer Kantorin. Ich habe den Schlüssel für eine sehr gute neue Orgel mit zwei Manualen und 24 Registern. Das kann man mit einem Golf vergleichen. Die Orgel bei mir zu Hause ist eher ein Smart.

Organisten spielen mit Händen und Füßen. Ist das so anstrengend, wie es aussieht?

Schmitt: Das ist schon eine monotone Bewegung. Man muss für seinen Rücken etwas tun und aufpassen, dass die ganzen Sehnenstränge sich nicht verkürzen. Auch auf Pausen im täglichen Üben sollte man achten. Das ist wie in jedem Beruf, der gewisse monotone Bewegungen mit sich bringt. Da muss man schon sehen, dass man dem Körper über 30, 40 Jahren nicht zu einseitige Bewegungen zumutet. Aber es gibt auch Organisten, die spielen mit 88 noch.

Dann haben Sie ja noch ein paar Jahrzehnte vor sich.

Schmitt: Ich muss natürlich mit meiner Frau noch abklären, wie lange das sein darf (lacht).

Ich finde es gut, wenn die Leute einen sehen

Christian Schmitt

Das Spezielle an der Orgel ist ja, dass der Musiker in der Regel nicht sichtbar ist. Wäre es für Sie merkwürdig, wenn man Sie sehen könnte?

Schmitt: Ich finde es sehr gut, wenn die Leute einen sehen können. In Laubach hat man ja von der zweiten Empore die Möglichkeit, den Organisten zu sehen. Wenn Sie selbst in einem Konzert sind: Zählen Sie mal nach, wie oft Sie dem Geiger auf die Finger gucken, wie oft Sie den Dirigenten anschauen – diese Interaktion ist bei einem Orgelkonzert meist einfach nicht möglich. Aber es gibt Konzertsäle, es gibt inzwischen Video-Übertragung. Ich finde es gut, wenn die Leute einen sehen, man hat auch mehr Draht zum Publikum.

Sie sind am Samstag nicht zum ersten Mal in Laubach, sonst aber viel international unterwegs. Wie passt ein kleinerer Ort da ins Bild?

Schmitt: Ich habe zu Laubach eine Beziehung, die schon über etwa 20 Jahre geht. Damals gab es auf der alten Orgel einen Wettbewerb für Nachwuchsorganisten, an dem ich teilgenommen habe. Seitdem kenne ich die dortige Kantorin (Anja Martiné, Anm. d. Red.) ganz gut. Ich schätze sehr, was sie an Arbeit investiert. Als in Laubach die Orgel restauriert wurde, wurde ich auch um Rat gefragt. Ich war bestimmt schon sechs, sieben Mal dort. Da passt alles zusammen. Und wenn man früher dort engagiert wurde, sollte man das nicht vergessen.

Was macht die Orgel in der evangelischen Stadtkirche in Laubach aus?

Schmitt: Ich finde, man kann das Laien mit Auto-Vergleichen immer gut begreiflich machen. Die Laubacher Orgel hat durch den Raum eine sehr schöne Grundierung, ist gut ausgestattet. Sie bietet zahlreiche Möglichkeiten und präsentiert sich vor allem in der Barockmusik und Moderne sehr gut. Deswegen ist auch unser Programm so gewählt, vor allem in Richtung Bach und Moderne. Ich würde sagen: Ein guter VW Passat mit Sonderausstattung (lacht).

Haben Sie eine Lieblingsorgel, auf der Sie besonders gern spielen?

Schmitt: Ja, mehrere. Es ist so, dass die Literatur, die unterschiedliche Komponisten geschrieben haben, einfach mit bestimmten Orgeln in Verbindung stehen. Wenn Sie zum Beispiel Johann Sebastian Bach nehmen, dann steht dessen Werk in Verbindung mit Silbermann-Orgeln, mit Orgeln aus dem Umkreis von Leipzig, wo Bach gewirkt hat. Aber wir haben auch sehr gute neue Musiksaal-Orgeln, etwa im Wiener Musikverein. Ich bin auch in der Kommission für eine neue Orgel in der Tonhalle Zürich, das ist vielleicht meine Lieblingsorgel. Sowas kostet dann auch rund 2,8 Millionen Franken. Da haben Sie sozusagen den A8 mit Vollausstattung.

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Flötistin Tatjana Ruhland (Foto: Marco Borggreve)

Sie werden in Laubach gemeinsam mit Ihrer Frau, der Flötistin Tatjana Ruhland (Foto), auftreten. Ist es schwierig, als Paar zusammen Musik zu machen – oder gerade eine günstige Kombination?

Schmitt: Ich würde sagen, das hat schon Vorteile. Auch weil wir im Alltag mitunter spontan entscheiden können, wann wir was proben. Das erleichtert manches. Aber es gibt natürlich auch kleine Hürden wie in jeder Partnerschaft, die man dann ganz locker bewältigen muss.

Sie haben 2013 den »Echo Klassik« in der Kategorie »Konzerteinspielung des Jahres« bekommen. Das ist natürlich etwas anderes als der Pop-Echo, wo es kürzlich zum Eklat kam. Manche Gewinner haben ihren Echo zurückgegeben. Haben Sie auch darüber nachgedacht?

Schmitt: Das ist natürlich ein schwieriges Thema. Für mich war der Klassik-Echo ein Schub. Das hat gerade die Literatur, für die ich den Preis bekommen habe, in ein breiteres Bewusstsein gerückt. Ich finde es schade, dass der Preis solchen Schaden genommen hat durch Leute, die eigentlich mit dem Klassik-Echo nichts zutun haben. Deswegen habe ich jetzt den Preis nicht zurückgegeben.

Künftig wird der »Echo« wohl nicht mehr verliehen werden. Bedauern Sie das?

Schmitt: Ich fände das schade, weil die Leute mit dem Begriff »Echo Klassik« etwas verbunden haben und es eine Sendung im Fernsehen gab, die die Klassik präsentiert und einem Millionenpublikum zugeführt hat. Wenn es all das jetzt nicht mehr gibt, ist es ein sehr, sehr großer Nachteil für die Klassik.

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