18. Dezember 2017, 11:00 Uhr

Von oben

Stangenrod: Das steckt hinter den »Wirschtschoan«

Der Grünberger Stadtteil Stangenrod hat gerade einmal 570 Einwohner. Rudolf "Rudi" Hausmann kennt das intakte Dorfleben und so einige Geschichten. Zum Beispiel die Mär von einem Diebeszug.
18. Dezember 2017, 11:00 Uhr
Älteres Neubaugebiet auf »halb acht«: Stangenrod. (Foto: Henß)

Von oben

In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.

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Stangenrod, seit bald 47 Jahren Stadtteil von Grünberg, steht heute im Fokus unserer Serie »von oben«. Ein Ort tief im Osten des Kreises Gießen, mit einer intakten Gemeinschaft. Mal abgesehen von jener Geschichte, wohl eine Mär, über einen Diebeszug, handelt es sich also um ein Dorf wie viele andere.

Viel mehr als bei den bisherigen »Draufsichten« bewegen wir uns diesmal, gewissermaßen, auf Augenhöhe durch die Gemeinde. Will sagen aus der Perspektive eines der rund 560 Stangenröder: Rudolf Hausmann heißt der, freilich hat er’s lieber, wenn man ihn »Rudi« nennt.
 

Tagelang »geschubbt«

76 Jahre ist er alt, ist hier geboren, aufgewachsen, war nur mal kurz, als er zum »Barras« ging, weg. Rudi kennt sein Dorf, seine Stangenröder. Weiß, dass der Volksmund sie »Wirschtschoan« (Wurstschalen) nennt. Offen bleibt nur warum.

Hausmann hat in vielen Vereinen Verantwortung übernommen. Und hat angepackt: Als der SV Vorwärts 1923 in den 60ern den Fußballplatz baute, saß er, inzwischen beim Bauunternehmen Lemmer beschäftigt, tagelang auf der Raupe und hat »geschubbt«. Heißt: Mit schweren Gerät solange über den hartnäckigen Vogelsberger Erdboden gekratzt, solange die Krume geschoben, bis der Platz »plan« war, wie er als Straßenbauer sagen würde.

Für ein reges Vereinsleben sorgen neben dem SV der Gesangverein, Feuerwehr, Schützen, Burschenschaft, Frauenhilfe und die Bayern-Fans. Nicht zu vergessen die Kleintierzüchter, die große Erfolge erzielt haben – »vor allem bei de Hoase«, wie Rudi Hausmann sagt.
 

Wenn der Bürgermeister gegen 11 Uhr abends heimging, hat er die Straßenlampen abgeschaltet. Er hatte den Schlüssel für den Stromkasten

Rudi Hausmann


Das kleine Dorf hat sogar einen Musikverein. Dass wohl gesetzte und gespielte Töne die Kultur wie die Geselligkeit heben, ist bekannt. Ebenso die Narretei. Auch hier ist der Ort vorn dabei, der SCV stellt seit Jahrzehnten Fremdensitzungen auf die Beine. Rudi Hausmann ist einer der Vereinsgründer, stand selbst mit einer Gesangsgruppe auf der Bühne, nahm schon mal die »Politik« aufs Korn. Wie er nun erzählt, legte sich in den 50ern des Öfteren mal tiefe Dunkelheit über Stangenrod.


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»Wenn der Bürgermeister gegen 11 Uhr abends heimging, hat er die Straßenlampen abgeschaltet. Er hatte den Schlüssel für den Stromkasten.« Rudis Truppe griff das Thema auf, und aus der Bütt erschall es: »Gehen sie aus beim Otto die Laternen...« Das Narrenvolk bog sich vor Lachen, nur das Gemeindeoberhaupt war alles andere als amüsiert.
 

Von Hasenschau bis Damengymnastik

Apropos: Bis vor rund 60 Jahren gab’s noch eine Theatergruppe, die im Saal das Gaststätte »In der Ecke« an Weihnachten mal mit Komödien, mal mit ernsten Stücken ebenso für Kurzweil sorgte.

Für Hasenschauen, Damengymnastik und mehr hat man seit 1968, also noch vor der Eingemeindung, die Sport- und Kulturhalle, die jetzt für 775 000 Euro saniert worden ist. Hausmann: »Der Bau war damals nicht so teuer.« Was ebenso wie bei der Erweiterung der SKH durch die Schützen am hohen Maß an Eigenleistung liegt.

Was die jüngere Geschichte angeht, so ist auch für Stangenrod der immense Bevölkerungszuwachs nach dem Krieg bemerkenswert: 1939 waren es 374 Einwohner, 1950 534. Über 100 Flüchtlinge seien es bestimmt gewesen, erzählt der Ur-Stangenröder. Anfangs viele Frauen mit Kindern, Alte. Die Männer kamen erst später, nach der Gefangenschaft. »Viele haben Arbeit in Gießen gefunden, etwa bei Heyligenstaedt.« Frühmorgens marschierten sie über die bis Ende der 50er unasphaltierten Straßen und durchs Feld zum Bahnhof Grünberg. Hausmann nahm die andere Richtung, nach Beltershain, um die Lumdatalbahn nach Lollar, Sitz der Fa. Lemmer, zu nehmen.
 

Die Sage von der Rivalität

Einige der Neubürger blieben, schufen sich ein Heim. Ab 50ern entstand ein Baugebiet, »etwas« losgelöst vom Dorf. Dort, wo es vorher »Oarme-Leuts-Äcker« gab, also wegen des Bauxits im Untergrund wenig wertvolles Land der armen Leute.

Was Stangenrod noch auszeichnet: Es hatte fast immer eine Schule, und wenn mal nicht, holte man sie zurück ins Dorf: 1996 entstand der Neubau am Sonnenberg.

Erwähnenswert ebenso die Kirchengeschichte. Bereits um 1100 wurde hier eine Kapelle gebaut, anno 1200 geweiht. Noch heute erzählen sich viele, die Stangenröder hätten das Bauholz bei den Nachbarn in Lehnheim geklaut. »Eine Sage, wohl wegen der früheren Rivalität«, wie Rudi Hausmann betont. Sei’s drum, noch heute grüßt das später mehrfach renovierte Gotteshaus von der Anhöhe weit ins oberhessische Land.

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