Kreis Gießen

"Speedmarathon" im Kreis Gießen: Polizei geht vor allem »Beifang« ins Netz

03. April 2019, 22:06 Uhr
Thomas Brückner
Kontrollstelle auf der B 457, kurz vor der Abfahrt Fernwald: Auch hier gehen der Polizei kaum Temposünder ins Netz, meist ist es "Beifang", wie die Beamten Zufallstreffer nennen. Ein Wetterauer etwa muss 100 Euro zahlen - ein teures Handy-Gespräch am Steuer. (Foto: tb)

"Speedmarathon" nennt sich vielsagend die konzertierte Aktion. Am Mittwoch war es wieder soweit, bauten Beamte der Polizei und Mitarbeiter kommunaler Ordnungsbehörden an einem halben Dutzend Stellen im Kreis, in der Regel Unfallschwerpunkte, die Blitzer scharf. Drei der Kontrollstellen werden wir besuchen.

Nicht anders als an anderen Tagen: Kurz vor acht herrscht vor der Grundschule Grünberg dichtes Gewusel. Lärmende Kinder, Bus an Bus und vor allem viele Pkw – am Steuer meist ein Elternteil – treffen da zu früher Stunde zusammen. Eine kritische Situation, die nicht zuletzt von den Lehrern der mit 390 Kindern größten Grundschule im Kreis Gießen erhöhte Aufmerksamkeit verlangt. Von daher nimmt es nicht Wunder, dass die Lehranstalt auch diesmal mit dabei ist beim »Speedmarathon«.

 

"Schlepper" im Polizeiauto unterwegs auf der A5

 

Zurück nach Grünberg: An diesem Mittwochmorgen scheint sich der Verkehr im Hegweg, Hauptzubringer zur Grundschule, besonders weit zurückzustauen. Zumindest dann, wenn der erste Pkw in der Kolonne den Dienstwagen des Ordnungsamtes identifiziert hat. In Absprache mit dem Polizeipräsidium Mittelhessen hat die städtische Behörde das Blitzermobil in einer Parkbucht vor der Schule aufgebaut.

Eine Stunde etwa, beginnend um kurz vor sieben, steht der VW-Bus in der Parkbucht im Hegweg. Wegen des erhöhten Gefahrenpotenzials ist diese Straße als Verkehrsberuhigte Zone ausgewiesen. Heißt gemäß StVO: »Schrittgeschwindigkeit!« – zumindest bei motorisierter Fortbewegung. Wie Julian Krämer, Mitarbeiter des Grünberger Ordnungsamtes, erklärt, darf der Autofahrer maximal 7 km/h schnell sein.

Gegen acht, mit Schulbeginn ebbt der Verkehr sichtlich ab, zieht Krämer Bilanz: Das Messgerät hat 42 Autos erfasst. Vergleichsweise wenig, es waren auch schon mal über 70 in einer Stunde. Nur vier waren diesmal zu schnell. Der Schnellste wird mit 27 km/h geblitzt, nach Abzug der Toleranz sind das 23 km/h – den Fahrer erwartet eine Verwarnung und ein Knöllchen über 25 Euro. Wie Krämer noch anmerkt, kontrolliert die Stadt im Schnitt einmal im Monat an dieser sensiblen Stelle. Nicht nur frühmorgens, auch mittags, wenn Kinder im direkt an der Straße gelegenen Schulhof spielen.

 

"An den anderen 364 Tagen im Jahr kündigen wir das nicht an"

 

Nächster Kontrollpunkt: Die Tangente, die von der A 480 auf die A 5 Richtung Kassel führt. Sehr wohl, so Polizeipressesprecher Guido Rehr (Dillenburg), handele es sich hier um einen Gefahrenpunkt: »Die Aussicht, bald wieder auf die dreispurige A 5 zu kommen, verleitet manche zum Gasgeben.« Gerade bei Regennässe drohten Autofahrer in der Linkskurve vom »rechten Weg« abzukommen. Weswegen seit Jahren bereits ein Tempolimit von 80 km/h gilt.

Geht ein Temposünder an diesem Morgen in die Radarfalle, platziert in einem unauffälligen Bus, wird per Funk der »Schlepper« informiert. So bezeichnet die Polizei selbst die PS-starke Limousine, die sich hinter den Raser setzt und ihn zum Kontrollpunkt lotst – in diesem Fall der Lkw-Parkplatz der Rastanlage Reinhardshain.

Von 9 bis 13 Uhr haben sich geschätzte 30 Beamte dort postiert. Bis gegen halb elf aber sind der Polizei nur »kleine Fische« ins Netz gegangen. Meist ist es »Beifang«, so wie jener polnische Brummi-Fahrer, der zu linkslastig geladen hatte. Der geringe »Fahndungserfolg« möge schon mit der Information über sämtliche Messstellen in den Medien zu tun haben, räumt der Polizeisprecher auf GAZ-Nachfrage ein. Um aber sogleich nachzuschieben: »An den anderen 364 Tagen kündigen wir das nicht an«.

Rehr wie auch Kontrollstellenleiter Frank Parr sowie Konstantin Becker von der Autobahnpolizei Butzbach freilich betonen eines vor allem: Sinn und Zweck des »Speedmarathons« sei in erster Linie die Aufklärung, das Sensibilisieren der Kraftfahrer für die Risiken des Rasens, »wenn sich der Verstand in den rechten Fuß verlagert«. Nicht nur für sich, sondern auch für andere. Nicht nur an Gefahrstellen wie jener auf der Tangente von der A 485 auf die A 5. Der Blick fällt da auf die Autobahn, wenige Meter vom Lkw-Parkplatz entfernt: Nach dem dreispurigen Ausbau in den Nullerjahren fiel hier das Tempolimit von 120 km/h, brettern nicht selten Limousinen mit 220 Sachen an der Raststättenausfahrt vorbei. Hohe Tempounterschiede, bestätigen die Experten, seien häufig Ursache schwerer Crashs. Dazu sei das Statistische Bundesamt zitiert: »Die meisten Menschen im Straßenverkehr sterben aufgrund unangepasster Geschwindigkeit.«

 

Unfallschwerpunkt B 457

 

Der Unfallschwerpunkt im Kreis schlechthin ist die B 457 zwischen Gießen und Hungen. Am »Hundeparkplatz« nahe der Abfahrt Fernwald berichten die Beamten ebenso von nur geringen Verstößen gegen hier geltendes Limit. Kurz nach elf sind es gerade mal drei Vorgänge, darunter ein Lastzugfahrer: Mit 67 km/h wird er geblitzt, sieben zu viel – »macht 15 Euro«, erklärt Kontrollstellenleiter Hartmut Klös. Auch auf der B 457 dominiert der »Beifang«: Ein Pkw-Fahrer aus der Wetterau wird mit dem Handy erwischt. Ein teures Gespräch: 100 Euro und ein Punkt sind fällig.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/Kreis-Giessen-Speedmarathon-im-Kreis-Giessen-Polizei-geht-vor-allem-Beifang-ins-Netz;art457,573451

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