08. November 2017, 05:00 Uhr

Ausbildung

So werben Firmen um Azubis

Der Fachkräftemangel sorgt dafür, dass Betriebe immer intensiver um Jugendliche werben – auch im Kreis Gießen gibt es beachtliche Angebote.
08. November 2017, 05:00 Uhr
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Von Eva Diehl
In immer mehr Ausbildungsberufen suchen Betriebe händeringend nach Nachwuchs. (Fotos: dpa)

Immer mehr junge Menschen entscheiden sich in Deutschland für ein Studium und gegen eine Ausbildung. In der Folge finden Betriebe kurzfristig schwieriger Auszubildende und langfristig fehlen qualifizierte Fachkräfte. Ein Viertel der hessischen Industrie- und Handelsunternehmen konnte 2016 nicht alle Ausbildungsplätze besetzen, wie eine Umfrage der IHK zeigt.

Auch im Kreis Gießen sind im vergangenen Ausbildungsjahr insgesamt rund 150 Stellen unbesetzt geblieben. Doch einige Firmen versuchen dem Trend entgegenzusteuern und locken junge Menschen mitunter mit unbefristeten Arbeitsverträgen, Geschenken und attraktiven Angeboten.

Rewe verschenkt Tablets

»Rewe schenkt dir ein Tablet zum Lernen und für die Freizeit«, ist etwa auf der Internetseite der Supermarktkette zu lesen. Den mobilen Computer mit Lern-Apps erhält jeder Azubi im Supermarkt seit 2015 und im Bereich Logistik seit 2016. Explizit dürfen die Auszubildenden das Tablet aber auch privat nutzen und nach der Ausbildung behalten. Damit will Rewe das moderne, internetbasierte Lernen fördern und Modernität und Attraktivität nach außen vermitteln, erklärt Anja Krauskopf, Pressesprecherin der Zweigniederlassung Rewe Mitte.
 

Wir stehen zunehmend in Konkurrenz um Bewerber für Ausbildungsplätze

Anja Krauskopf, Rewe

Die Supermarktkette mit mehr als 15 Filialen im Kreisgebiet wirbt zudem mit einer Übernahmegarantie für Auszubildende und Studenten bei guter Leistung – in Vollzeit und unbefristet. »Wir stehen zunehmend in Konkurrenz um Bewerber für Ausbildungsplätze«, sagte Krauskopf.

Die Entwicklung, dass Betriebe sich stärker um Auszubildende bemühen, stellt auch Matthias Körner, DGB-Regionsgeschäftsführer in Mittelhessen fest. Prämien wie Tablets seien jedoch eine neue Erscheinung. Mit der unbefristeten Übernahme könnten die Betriebe dem Trend entgegenwirken, dass nur höhere Qualifikation vor Jobverlust schützt und mehr junge Menschen für eine Ausbildung gewinnen, die sich sonst für ein Studium entscheiden würden. »Mit einer Übernahmegarantie bringt sich ein Unternehmen in eine günstigere Marktposition«, ist der Gewerkschafter überzeugt.

Übernahme nach der Ausbildung bei Schunk und Bosch

Der Technikkonzern Schunk mit Standorten in Heuchelheim, Reiskirchen und Wettenberg verspricht ebenfalls ihre Auszubildenden bei persönlicher und fachlicher Einung zu übernehmen. Das treffe auf die große Mehrheit der Auszubildenden zu, sagte Neill Busse, Pressesprecher von Schunk. Das Unternehmen qualifiziert etwa Mechatroniker, Elektroniker und Industriekeramiker und ist mit 122 Azubis einer der größten Ausbilder in der Region.

Eine uneingeschränkte Übernahmegarantie gibt es bei Bosch in Lollar. »Wir wollen das Handwerk als Rückgrat der Industrie wieder attraktiver machen«, sagt Rick Hilchner, Leiter der Bosch KWK Systeme GmbH. In Lollar lernen rund 50 Auszubildende, etwa die Berufe Elektroniker Betriebstechnik, Gießereimechaniker, Mechatroniker oder Industriemechaniker.


In den letzten zwei Jahrzehnte haben sie weniger Arbeitskräfte ausgebildet als sie vor dem Hintergrund der Demographie benötigen

Matthias Körner, DGB-Regionsgeschäftsführer in Mittelhessen
Alle Auszubildenden der Jahrgänge 2017, 2018 und 2019 bei Bosch erhalten nach ihrem Abschluss einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Eine einjährige Übernahme ist in tarifgebundenen Unternehmen der Stahlindustrie ohnehin vorgesehen. Auf die Entfristung hatten sich die Werksleiter mit dem Personalrat geeinigt.

 

Die starke Konkurrenz um Auszubildende ist auch den Betrieben selbst zuzuschreiben, meint Körner. »In den letzten zwei Jahrzehnte haben sie weniger Arbeitskräfte ausgebildet als sie vor dem Hintergrund der Demographie benötigen«, sagt Gewerkschafter Körner.

Info

Ausbildungsstellen im Kreis
  • Die meisten, aber nicht alle Arbeitgeber suchen über die Agentur für Arbeit Bewerber für ihre Ausbildungsplätze. Im vergangenen Jahr wurden im Kreis Gießen 1856 verfügbare Ausbildungsstellen gemeldet Das waren 52 Stellen mehr als im Jahr zuvor 8 Über zwei Drittel der Ausbildungsstellen wurden im Dienstleistungsbereich angeboten. An zweiter Position stand das Handwerk. 8 152 Stellen blieben in diesem Ausbildungsjahr unbesetzt, zwölf mehr als im Vorjahr. 8 Mehr zur aktuellen Ausbildungssstatistik in Hessen auf Seite 6 (Quelle: Agentur für Arbeit)
  • »In der Vergangenheit konnten sich die Unternehmen die Jugendlichen aussuchen, heute müssen sie aktiv Werbung betreiben«, sagt auch Johannes Paul, Pressesprecher der Agentur für Arbeit in Gießen. »Der Bedarf ist so groß, dass die Betriebe gar nicht anders können.« Neben Übernahmegarantien, würden zum Beispiel auch Firmenwagen oder Gruppenreisen angeboten.
  • Paul beobachtet einen weiteren Trend, der Betriebe angesichts des Fachkräftemangels künftig vielleicht zu neuen Angeboten anregen wird: Viele Jugendliche und junge Erwachsene legen heute viel wert auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance, also auch auf das Privatleben und nicht ausschließlich auf die Karriere. Einige Unternehmen haben darauf bereits reagiert. Wer Kinder betreut oder Angehörige pflegt, kann bei Rewe zum Beispiel eine Ausbildung in Teilzeit machen.


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