04. April 2018, 10:00 Uhr

Gesund essen

Sind Bio-Lebensmittel wirklich gesünder?

Muss ich auf Bio-Lebensmittel zurückgreifen, wenn ich gesund essen will? Die Lindener Ernährungsexpertin Tanja Grebe erklärt, welchen Fehler die meisten machen und worauf man für eine gesunde Ernährung achten sollte.
04. April 2018, 10:00 Uhr
katharina_ganz
Von Katharina Ganz
Bio-Lebensmittel sind im Trend – Bio-Supermärkte auf dem Vormarsch. Dabei gibt es gesundheitlich betrachtet kaum einen Unterschied zu konventionell angebautem Obst- und Gemüse. (Foto: dpa)

Biologisch oder konventionell angebaute Lebensmittel – an dieser Frage scheiden sich häufig die Geister. Doch wie sieht es vom gesundheitlichen Aspekt betrachtet aus? Die Lindener Ernährungsexpertin Tanja Grebe klärt auf.

Frau Grebe, ganz direkt gefragt: Sind Bio-Lebensmittel denn gesünder als konventionell angebaute?
Tanja Grebe: Das ist eine Frage, die kann man vom Gesundheitsaspekt her nicht eindeutig beantworten.

Dann anders gefragt: Sind Bio-Lebensmittel besser?
Grebe: Da müsste man auch noch einmal differenzieren. Es kommt darauf an, ob für den Menschen, das Tier oder für die Ökologie. Eines kann man aber ganz klar sagen: Den Tieren geht es auf jeden Fall besser. Sie werden nicht mit Antibiotika und Hormonen behandelt, deshalb wachsen sie langsamer und leben länger. Zudem wechseln sich die Ackerfrüchte häufiger ab. Das macht den Boden fruchtbarer und es muss nicht so häufig gedüngt werden, was wiederum weniger Nitrat bedeutet. Deshalb ist es auch für die Umwelt besser.

Wie ist das für den Menschen?
Grebe: Für den Menschen muss man das von verschiedenen Seiten betrachten. Von Fachleuten wird man niemals die klare Antwort Ja oder Nein hören. Es kommt auch darauf an, über welche Lebensmittel wir reden.

Haben Sie da ein Beispiel?
Grebe: Etwa bei veganer Ernährung, also Menschen, die auch keine Milchprodukte zu sich nehmen. Im Handel gibt es Hafer-, Mandel- und Sojadrinks. In der Umgangssprache sagt man oft Milch dazu. Es ist aber keine, und solche Produkte dürfen sich auch nicht so nennen. Dabei ist den Nicht-Bio-Produkten in der Regel immer Calcium zugesetzt.

Ist das gut oder schlecht?
Grebe: Das ist gut. Weil wir Calcium ganz dringend für die Knochen brauchen. Bei Bio-Produkten sollte man deshalb sehr darauf achten, ob Calcium drin ist oder nicht. Es gibt zwar solche Drinks, bei denen es zugesetzt ist, aber viele enthalten keines.

Und wie kann man die benötigte Menge Calcium ausgleichen?
Grebe: Entweder durch richtige Milchprodukte, calciumreiches Mineralwasser oder angereicherte Lebensmittel. Alleine mit Gemüse lässt sich das kaum ausgleichen.

Es nutzt nichts, wenn ich Bio-Lebensmittel kaufe, aber nur einmal in der Woche Gemüse esse

Tanja Grebe

Aber bei Bio reden wir ja nicht nur über Gemüse.
Grebe: Das stimmt. Über Bio-Lebensmittel rede ich sowieso nur dann, wenn die Ernährung »rund« ist. Es nutzt nämlich nichts, wenn ich Bio-Lebensmittel kaufe, aber nur einmal in der Woche Gemüse esse.

Was ist denn ein »runder« Ernährungsstil?
Grebe:  Ganz grob gesagt: Wir brauchen ausreichend Nährstoffe durch eiweißreiche, kohlenhydratreiche und fettreiche Lebensmittel. Dazu sollte man drei Portionen Gemüse am Tag essen, das heißt drei Hände voll. Dazu kommen zwei Portionen Obst, eine davon kann man auch durch ein Glas Saft ersetzen. Dabei sollte man darauf achten, dass alles gerade Saison hat oder auf Tiefkühlware zurückgreifen.

Tiefgefroren, tatsächlich? Gehen dabei nicht auch Vitamine verloren?
Grebe: Nein, im Grunde genommen ist Tiefkühlgemüse fast noch gesünder als frisch gekauftes. Dabei gibt es keinen Lagerverlust und es wird sofort verarbeitet. Und zwar dann, wenn Saison ist und nicht irgendwann. Der einzige kleine Nachteil ist, dass nicht jedes eingefrorene Gemüse so wie frisches schmeckt. Das muss jeder für sich selbst ausprobieren.

Ist dann auch Bio-Tiefkühlware besser als Bio-Frischware?
Grebe: Ich sage mal so: Wenn jemand dreimal am Tag Gemüse isst und auf Tiefkühlware zurückgreift, hat er schon einmal etwas Gutes getan. So liegt das Gemüse nicht tagelang im Supermarkt und vergammelt.

Spielen bei Ernährungsfehlern Bio-Lebensmittel eine Rolle?
Grebe: Ja, das gibt es auch. Etwa, wenn ich höre »Aber Frau Grebe, die Pizza – das war schon eine Bio-Pizza«. Ja, sage ich dann, aber deshalb ist sie nicht gesünder. Sie enthält nicht weniger Fett oder ist ansonsten vom Gewichtsmanagement her besser. In dieser Hinsicht machen Bio-Lebensmittel nicht wirklich viel Sinn.

Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass der Gedanke »Bio-Lebensmittel machen weniger dick« häufiger verbreitet ist?
Grebe: Ich höre das schon, ja. Dabei hat bio aber nichts damit zutun, wie hoch der Fettgehalt ist oder welche Fette enthalten sind. Bio ist in allererster Linie die Herstellung und die Haltung.

Wenn man jetzt mal den Anbau, die Haltung und die Ökologie ausblendet und rein den Vitaminhaushalt betrachtet: Ist dann beides gleich gesund?
Grebe: Wenn Sie alle Ernährungsempfehlungen einhalten, dann haben Sie kein Vitaminproblem. Dann ist das unabhängig von Bio- oder konventionell angebauten Lebensmitteln. Das einzige, was in Bio-Produkten laut Studien höher ist, sind die sekundären Pflanzenstoffe.

Wofür sind die gut?
Grebe: Diesen werden viele positive Eigenschaften für den Körper zugesprochen. Sie schützen unter anderem möglicherweise vor verschiedenen Krebsarten und senken den Blutdruck.

Also ist es unterm Strich egal, ob ich mich von Bio-Lebensmitteln ernähre oder von konventionell angebauten. Hauptsache ich ernähre mich vielseitig und halte mich an die empfohlene Menge?
Grebe: Nein, das würde ich nicht so sagen. Ich würde nicht unbedingt Pestizide, große Nitratmengen oder antibiotikabehandeltes Fleisch zu mir nehmen wollen. Aber nur bio zu kaufen und sonst nicht auf die Ernährung zu achten, das nützt nichts. Ganz oben steht eine vernünftige Nährstoffversorgung. Und das funktioniert nur mit einer gesunden Ernährung. Bei konventionell angebautem Gemüse sollte man allerdings darauf achten, es unter fließendem Wasser zu waschen und mit einem Küchentuch abzureiben.
 
Und wie ist das bei Ihnen? Kaufen Sie hauptsächlich Bio-Produkte?
Grebe: Wenn ich die Auswahl habe, dann wähle ich Lebensmittel ohne Nitrate und Pestizide. Was man aber grundsätzlich auch noch dazu sagen muss – Bio-Anbau hin oder her – was nicht beeinflusst werden kann, ist die Umgebung. Wenn ich biologisch anbaue, aber in unmittelbarer Nachbarschaft eine Fabrik steht, ist das nicht unbedingt günstig. Deshalb sollte man auch immer ein bisschen danach schauen, wo sich der Betrieb befindet. Wenn man hundertprozentig sicher gehen will, muss man sich seine Lebensmittel im eigenen Garten, weitab von Industrieanlagen anbauen.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos