Kreis Gießen

Sie wollen Deutschland sein

Ehrenamtlich engagiert und richtig gute Noten in der Schule – das zeichnet die Familie Ahmed aus Pakistan aus. Nun ist ihre Zukunft in Deutschland ungewiss.
16. Juni 2017, 10:00 Uhr
Kays Al-Khanak
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Großen-Buseck ist ihre zweite Heimat, hier fühlen sie sich wohl: Javeria Ahmed, Farhana Saleem, Hamza Ahmed und Saleem Ahmed (v. l.). (Foto: khn)

E in bedingungsloses Strahlen geht von dieser Familie aus. Saleem Ahmed, seine Ehefrau Farhana Saleem, ihr Sohn Hamza und ihre Tochter Javeria überschütten ihren Besuch mit Herzlichkeit. Die ist nicht gespielt, sondern in der familiären DNA verankert. Die Familie ist aus Pakistan geflohen und hat sich Großen-Buseck zur neuen Heimat gemacht. Hier engagieren sie sich über das normale Maß hinaus. »Wir wollen den Leuten in der Gemeinschaft und dem Dorf helfen«, sagt Saleem Ahmed. »Wir wollen nicht nur zu Hause rumsitzen, sondern etwas Besonderes machen. Wir wollen hier leben und gute Einwohner sein.« Es ist die Geschichte einer Familie, die darum kämpft, dazuzugehören.

Vor dreieinhalb Jahren kamen die vier Pakistaner nach Deutschland. Über die Gründe redet Saleem Ahmed ungern. Dabei könnte er das Kind beim Namen nennen: Vor allem in der Wirtschaftsmetropole Karachi, woher die Familie stammt, wird die politische Auseinandersetzung immer wieder mit Gewalt geführt. Genau das erlebte der 49-Jährige als Mitglied einer politischen Partei in Karachi. Gerade deren Mitglieder waren in der Vergangenheit Opfer von willkürlicher Strafverfolgung, wurden festgenommen, verschwanden oder wurden ermordet, heißt es bei Amnesty International. »Viele Parteimitglieder mussten fliehen«, sagt Saleem Ahmed. Und damit soll es auch gut sein. Der Familienvater will kein Opfer sein.

 

Die Balance aus Geben und Nehmen, die ist hier gegeben

Paulfried Spies

Anvertraut hat sich die Familie Dr. Walter Nicolai und Paulfried Spies, ehemaliger Pfarrer. Beide sind ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagiert und kümmern sich um die vierköpfige Familie. Kennengelernt haben sie sich über Christel Jost, die einen Sprachkurs für Frauen anbietet. Spies hat die Familie bei der Anhörung beim Bundesamt für Migration begleitet und weiß seitdem, was sie mitmachen mussten.

Es ist Ramadan, als das Gespräch in der Wohnung eines Mehrfamilienhauses in Großen-Buseck stattfindet. Auf dem Tisch stehen am Nachmittag trotzdem zahlreiche Speisen: Ein sagenhaft mächtiger Kuchen, frittierte Teigtaschen, Kekse mit Mandeln verziert – alles selbst gemacht. Keine Ahnung, wie lange die Familie dafür in der Küche stand. Hamza Ahmed flitzt zu seinen Gästen und serviert ihnen Kaffee und Milch. Spies und Nicolai ist das unangenehm. »Unfair«, sagen sie und lachen. »Wir essen euch jetzt hier was vor und ihr dürft nicht.« Für die Familie ist es aber selbstverständlich. Spies sagt: »Die Balance aus Geben und Nehmen, die ist hier gegeben.«

Und die Familie gibt viel. Der Vater hilft an der Gesamtschule Busecker Tal Kindern und Jugendlichen bei den Englisch-Aufgaben. Die Mutter engagiert sich in der Schul-Bibliothek. Außerdem unterstützt Farhana Saleem eine über 80 Jahre alte Buseckerin im Haushalt. Auch hier springt Spies bei: »Die ältere Dame ist so zufrieden und glücklich.« Als kürzlich das Schlossparkfest in Großen-Buseck anstand, meldete sich das Ehepaar freiwillig, um vorher Müll aufzusammeln. Der 17-jährige Hamza ist Mitglied in der Jugendfeuerwehr in Großen-Buseck. In seiner Mitgliedsbescheinigung, die sein Vater auf den Tisch legt, steht: Hamza habe sich sehr gut in die Gruppe integriert, seine Sprache erheblich verbessert, sei immer hilfsbereit und habe sich toll entwickelt. »Auch die anderen Jugendfeuerwehrmitglieder lernten von ihm und konnten Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen abbauen.« Nächstes Jahr soll er in die Einsatzabteilung übernommen werden. »So Menschen braucht unsere Gesellschaft, ihr Einsatz ist beispielhaft«, sagt Spies.

Ich bin so stolz auf meine Kinder

Saleem Ahmed

Die Mutter, in der Heimat Hausfrau, hat ein Praktikum in der Kita »Panama« gemacht, die Tochter könnte sich auch vorstellen, in dem Bereich einmal zu arbeiten. Der Sohn schaut demnächst in der Gemeinde den Mitarbeitern über die Schulter – am liebsten in der Bauabteilung. Denn er denkt darüber nach, Ingenieur zu werden. Saleem Ahmed, der in Pakistan als Pharmareferent gearbeitet hat, öffnet einen Leitz-Ordner und zeigt die Zeugnisse seiner Kinder: Der Notendurchschnitt ist durchweg gut. »Ich bin so stolz auf meine Kinder«, sagt er und lächelt.

Saleem Ahmed versucht die meiste Zeit auf Deutsch zu sprechen. Er hat dafür geübt, das ist ihm anzumerken. Nur bei einem Thema wechselt er ins Englische. Weil er so viel mehr sagen will. Obwohl sie so engagiert seien, sei ihre Zukunft in Deutschland ungewiss. Sie haben, seitdem sie hier leben, nur eine befristete Aufenthaltsgenehmigung. Der Gedanke, dass seine Familie wieder nach Pakistan zurückgeschickt werden könnte, den kann er schwer ertragen. Auch deshalb, weil er emotional an die neue Heimat gebunden ist. Denn mit seiner Ehefrau und seinen Kinder war auch seine Mutter mit nach Deutschland geflohen. Sie starb 2015 und ist hier begraben. »Es ist unmöglich, dass ich sie hier zurücklasse«, sagt er.

Ein paar Tage später. Es gibt noch Nachfragen. Am Ende des Telefonats will Saleem Ahmed etwas loswerden. »Schreiben Sie nicht so viel von den Problemen«, sagt er. »Das ist nicht so wichtig«. Wichtiger sei das, was seine Familie bisher in Deutschland erreicht habe – und noch erreichen will.

Info

Asylbewerber aus Pakistan

2016 kamen nur etwa 5 Prozent der Asylbewerber in Hessen aus Pakistan. Das Gros bilden Syrer (23 Prozent), Afghanen (22) und Iraker (15). Von 15 500 Asylanträgen von Pakistanern gab es in fast 13 000 Fällen eine Entscheidung: 8200 Anträge lehnte das Bundesamt für Migration (BAMF) ab, 4300 Fälle fallen unter das Dublin-Abkommen, also die Drittstaatenregelung, sind zurückgenommen worden oder haben sich anderweitig erledigt. Die Schutzquote beträgt 3,3 Prozent. Das BAMF betont, dass es sich immer um eine Einzelfallprüfung handele und die Herkunft nicht automatisch zum Schutz oder zur Ablehung führe. (khn)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/Kreis-Giessen-Sie-wollen-Deutschland-sein;art457,270232

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