13. Juli 2017, 05:00 Uhr

Sensationsfund

Sensationsfund aus Byzanz in Muschenheim

Sie ist klein wie eine Zwei-Euro-Münze – und eine archäologische Sensation. Bei Ausgrabungen in Muschenheim ist eine 1000 Jahre alte Gewandnadel aus Byzanz gefunden worden.
13. Juli 2017, 05:00 Uhr
An dieser Stelle im Ausgrabungsfeld bei Muschenheim ist die Scheibe aus Buntmetall gefunden worden, erklärt Archäologe Michael Gottwald. (Fotos: srs)

Ein Archäologiestudent buddelt im lehmigen Boden des Ausgrabungsfelds am nördlichen Ortsrand Muschenheims an einer Treppenstufe – und hält plötzlich inne. In seiner Hand liegt ein flaches, kreisförmiges Stück aus Kupfer, klein wie eine Zwei-Euro-Münze. »Ich habe etwas Cooles gefunden«, sagt der junge Niederländer dem Ausgrabungsleiter Michael Gottwald. Sein Fund vor wenigen Tagen ist indes nicht nur »cool«, sondern eine Sensation.

Heute würde man sagen: Die hatten die Telefonnummer des Kaisers

Dr. Udo Recker, Landesarchäologe

Er hat eine rund 1000 Jahre alte Gewandnadel entdeckt – eine Scheibenfibel, die aus dem byzantinischen Reich stammt. Nach bisherigen Erkenntnissen Gottwalds ist eine derartige Fibel noch nie bei Ausgrabungen in Deutschland gefunden worden. Sie wurde inzwischen nach Wiesbaden transportiert, wo sie restauriert wird.
 

Ausgrabungsleiter Michael Gottwald zeigt ein Bild der gefundenen Scheibenfibel. Das Fundstück selbst wird derzeit in Wiesbaden restauriert.
Ausgrabungsleiter Michael Gottwald zeigt ein Bild der gefundenen Scheibenfibel. Das Fundst...

Die Scheibe aus Buntmetall ist verziert »mit einer Darstellung von Christus als Weltenbeherrscher«, erklärt Landesarchäologe Dr. Udo Recker. »Verzierungen in genau diesem Stil kennen wir aus Byzanz. Daraus schließen wir, woher die Fibel stammt.«

Die Entdeckung in einem Grubenhaus der einstigen mittelalterlichen Siedlung »Villa Arnesburg« an der Wetter ist deshalb so bemerkenswert, weil sich die Scheibe spätestens um das Jahr 1174 dort bereits befunden haben muss. »Um diese Zeit wurde die Siedlung eingeebnet«, erläutert Gottwald. Das Dorf wurde einem Zisterzienserorden geschenkt, die Bewohner wurden umgesiedelt. »Mönche haben die Fläche landwirtschaftlich bebaut.«

Tausende Kilometer zurückgelegt

Die Gewandnadel legte also eine Entfernung von Tausenden Kilometern bis ins heutige Muschenheim zurück – zu einer Zeit, »als die Menschen zu Fuß oder bestenfalls noch reitend unterwegs waren«, hält Gottwald fest.

»Der Fund hat hohe Bedeutung«, betont auch der Landesarchäologe. Die Scheibe verdeutliche, welche gehobene Stellung die mittelalterliche Siedlung »Villa Arnesburg« früher hatte. »Das Dorf war das Versorgungszentrum für die 250 Meter entfernt gelegene Burg Arnsburg«, sagt Recker. Die Burg war der ursprüngliche Sitz der mächtigen Herren von Münzenberg, die Bewohner pflegten Kontakte zum Hof des Kaisers Heinrich IV. »Heute würde man sagen: Die hatten die Telefonnummer des Kaisers.«



Bereits im vergangenen Jahr entdeckten Archäologen an der Stelle der mittelalterlichen Siedlung »Villa Arnesburg« Fundamentreste eines bis zu acht Meter hohen Turms, der in das 11. und 12. Jahrhundert datiert wird. Steinbauten in einer ländlichen Siedlung sind in dieser Zeit äußerst selten. »Ein Adel hat sich eigentlich erst ab dem späten 12. Jahrhundert entwickelt«, erläutert Gottwald. »Die Menschen, die hier gelebt haben, hatten aber schon Ansätze von Adel.«


Grubenhäuser entdeckt

Seit 2014 führen Archäologen Ausgrabungen auf dem rund 600 Quadratmeter großen Gelände nahe des Tannenwäldchens durch. Auch in diesem Jahr legen Gottwald und Christoph Röder sowie ihre Mitarbeiter täglich Bodenspuren frei und sichern Fundobjekte. Geborgen haben sie unter anderem Ofenanlagen, Lanzenspitzen, Reitzubehör wie Sporen und Glasscherben. »Trinkgläser waren in der damaligen Zeit etwas ganz Besonderes«, erklärt Gottwald. Bei einfachen Bauern hätte man sie nicht gefunden.

In diesem Sommer wurden im Umfeld des steinernen Turms neun in den Boden eingetiefte Häuser entdeckt. Metall- und Keramikfunde belegen eine Nutzung vom 8. bis zum 12. Jahrhundert, eine bronzene Kreuzfibel stammt aus dem 9. oder 10. Jahrhundert. Es gibt auch Funde, die deutlich weiter zurückreichen: aus dem 4. und 5. Jahrhundert – Zeugnisse von Germanen, die sich nach dem Abzug der Römer unterhalb des ehemaligen Limeskastells Arnsburg-Alteburg niederließen. Gottwald ergänzt: »Wir haben hier auch schon Werkzeuge aus der Altsteinzeit gefunden. Sie sind über 40 000 Jahre alt.«

 

 

 

 

Ausgrabungen seit 1993

Ausstellung vorgeschlagen

Archäologen haben 1993 mit Ausgrabungen am nördlichen Ortsrand Muschenheims angefangen, auf Initiative der Kommission für Archäologische Landesforschung. 2014 nahm Hessen-Archäologie die Forschungen wieder auf. Auch Bürger aus Muschenheim schauen sich die Ausgrabungen immer wieder an und schlagen vor, die Fundstücke und die freigelegte Siedlung der Öffentlichkeit dauerhaft zu präsentieren. Man werde auf die Kommune zukommen, verspricht Landesarchäologe Dr. Udo Recker.

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