28. März 2017, 20:16 Uhr

»Schönster Kirchturm Oberhessens«

28. März 2017, 20:16 Uhr
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Aus der Redaktion

Die Baugeschichte der Jakobuskirche, ihre Namensgebung, Brände, gut ausgegangene Unglücksfälle und vieles mehr wurden beim Themenabend »Unserer Jakobuskirche« angesprochen. Eingeladen hatte die evangelische Frauenhilfe, Pfarrer Hartmut Völkner von der evangelischen Kirchengemeinde Lang-Göns begrüßte viele interessierte Besucher und als kompetenten Referenten den Lang-Gönser Heimatforscher Otto Berndt.

Otto Berndt lud das Publikum auf eine Zeitreise ein und verstand es einmal mehr, Historie lebendig und auch für den Laien überaus anschaulich darzustellen. »Der Vortrag spannt den Bogen über fast 800 Jahre von 1232 bis heute«, sagte er und verriet: »Bis auf die im Ort allseits bekannte Geschichte vom ›Paradiesgärtlein‹ sind alle Punkte meines Vortrags neu bzw. zum ersten Mal mit Zitaten unterlegt.«

Neubau am alten Standort

Die spätgotische Kirche wurde um 1470, noch vor der Reformation, gebaut und dem heiligen Jakobus geweiht. Aus Steuerakten von 1470 geht hervor, dass im Ort damals ca. 300 Einwohner bei 65 Familien lebten. Auf der Südseite des Kirchturms befindet sich noch heute ein Sandsteinrelief, auf dem Jakobus der Ältere in Pilgertracht und mit der Jakobsmuschel in der Hand neben Maria zu sehen ist. Ein älteres Relief, eine Kreuzigungsgruppe, stammt noch aus der »Vorgängerkirche«, und wurde um 1470 in den Turm eingebaut. Die erste urkundliche Erwähnung von Lang-Göns und seiner Kirche stammt von 1235 und steht im Zusammenhang mit einem »Wunder«, bei dem ein vermeintlich totgeborenes Kind doch noch lebte und getauft werden konnte. Dieses Ereignis sprach sich schnell herum und fand Aufnahme in das Verfahren zur Heiligsprechung der kurz zuvor verstorbenen Landgräfin Elisabeth, der späteren heiligen Elisabeth.

Ein Flurname »bey der kirchen« Am alten Stück, weist auf eine Kapelle hin. Diese Siedlung zwischen Schmittgraben, Am Alten Stück und Niederhofen wurde im Dreißigjährigen Krieg jedoch aufgegeben. Otto Berndt ging auch der Frage der Vorgängerkirche nach und kam zu dem Schluss, dass sie auf demselben Platz wie die Jakobuskirche gestanden haben muss: »Denn niemand wäre im Mittelalter auf die Idee gekommen, den Standort einer Kirche zu ändern, da doch in allen Fällen der Friedhof immer um die Kirchen angelegt wurde«, begründet er seine Annahme. Der Kirchturm ist inzwischen über 500 Jahre alt und hat die Zeit des Dreißigjährigen Krieges mit dem »Paradiesgärtlein«, Brände, die wechselvolle Geschichte der Glocken, den Aufbau der barocken Haube, den gewagten Sprung eines Geistlichen von der Kanzel, den Sturz eines Kindes aus einer Öffnung im Turm, das diesen unbeschadet überlebte, die Belagerung durch die Franzosen, Erneuerungen der Schieferdächer, zwei Weltkriege, die Errichtung zweier Denkmäler und heutiger Mahnmale, den Abriss des Langhauses und den Bau des Gemeindezentrums erlebt. »Die Auflistung ist damit noch lange nicht zu Ende!«, sagte Berndt. Der engagierte Heimatforscher erzählte u. a. von der Bedeutung der alten Heerstraße, den Kosaken im Ort, der Anschaffung einer neuen Marmorplatte für den Altar 1834, der Restaurierung der Kirche 1865, den Emporenmalereien des Kirchenmalers Daniel Hisgen im 18. Jahrhundert und von Pfarrer Wilhelm Wahl, der verhinderte, dass eine neue Glocke 1933 mit Hakenkreuzen verziert wurde. Die Baufälligkeit der Kirche, die 1971 zum Abbruch des alten Kirchenschiffs führte, war im Februar 1969 sogar der Hessenschau einen Beitrag wert. Darin hieß es damals: »Die Schließung der Kirche wurde notwendig, nachdem sich entlang der Deckenbalken immer mehr Risse zeigten. Außerdem fielen in den letzten Wochen größere Brocken Verputz von der Lehmdecke…«. Die Gottesdienste mussten notgedrungen in den Saal des evangelischen Gemeindehauses verlegt werden: »Da der Saal nur 200 Personen Platz bietet, sieht sich der Pfarrer gezwungen, sonntags zwei Gottesdienste abzuhalten«, berichtete die Hessenschau.

Bei der Turmsanierung 2006 fanden sich im sogenannten Turmknopf als älteste Urkunden zwei Dokumente von 1690 des Landgrafen von Hessen und des Grafen von Nassau-Saarbrücken, die es den Lang-Gönsern nach dem großen Brand vom 10./11. März 1690 erlaubten, in Nachbargemeinden um Spenden für den Wiederaufbau der zerstörten Gebäude zu bitten.

Zum Abschluss seines reich bebilderten, kurzweiligen Vortrags las Otto Berndt eine Passage aus der Evangelischen Sonntags-Zeitung vom 22. Oktober 1950 vor: Darin heißt es: »Der Kirchturm von Lang-Göns, nach dem Urteil Sachverständiger der schönste Dorfkirchturm Oberhessens…« Der Ortshistoriker sagte: »Dieser Beurteilung kann man sich vorbehaltlos anschließen!« Riesenapplaus signalisierte Zustimmung zu dieser Einschätzung und große Anerkennung für einen höchst informativen Themenabend, der den Zuhörern viele neue Erkenntnisse vermittelte.



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