Kreis Gießen

Schöner wohnen mitten in der Stadt

Man braucht Ideen, Tatkraft und viel Geduld. Dann kann aus einer verfallenen Hofreite eine ganz besondere Wohnanlage werden. Zu Besuch in der Moltkestraße 4 in Hungen.
22. Mai 2018, 22:32 Uhr
Ursula Sommerlad
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So chic kann eine Mansarde sein. Der Pfeiler in der Mitte diente in einem früheren Leben als Straßenlaterne in Berlin.

Manche Abenteuer beginnen im Kleinen. Zum Beispiel bei einem Spaziergang. Bodo Friedrich ist es vor mehr als 20 Jahren so ergangen. Er schob den Kinderwagen durch Hungen, als ihm in der Moltkestraße eine alte Hofreite ins Auge fiel. Verwunschen lag sie da, wie im Dornröschenschlaf. Bodo Friedrich hat die verborgene Schöne wachgeküsst. Aber er hat lange dafür gebraucht. Und er war nicht alleine. Zehn Jahre lang haben er und sein Kompagnon Wolfgang Osterhoff geackert, bis sich das verfallene Anwesen zu einer Anlage mit elf modernen, sehr besonderen und unterschiedlich großen Wohnungen gemausert hatte.

Nachhaltige Stadtentwicklung

Kürzlich durfte auch die interessierte Öffentlichkeit einen Blick in diese eigentlich privaten Räume werfen. Bei einem Workshop des Naturschutzbundes Horlofftal und der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz zur nachhaltigen Stadtentwicklung wurde die Anlage in der Moltkestraße als nachahmenswertes Beispiel präsentiert. Nachahmenswert, weil hier keine neuen Flächen versiegelt, sondern ein Grundstück mitten in der Stadt neu genutzt wurde. Nachahmenswert aber auch, weil mit Hilfe recycelter und umweltfreundlicher Materialien Wohnungen mit Niedrigenergiestandard geschaffen wurden.

Erbaut wurde die Hofreite in der Moltkestraße 1938 vom Sägewerksbesitzer Hermann Schäfer. Als Bodo Friedrich und sein vor zwei Jahren verstorbener Freund Wolfgang Osterhoff die Anlage 1996 kauften, bestand sie aus einer großen Scheune, einem Pferdestall, einigen Remisen und einem klitzekleinen Häuschen. Was Friedrich von Anfang an so begeisterte, war das Verwunschene, der »Dornröschenflair«, wie er es nennt. »Diese Atmosphäre bei einer Modernisierung nicht zu zerstören, das ist die Kunst.«

Friedrich und Osterhoff stellten sich dieser Aufgabe. »Wir hatten Visionen, Ideen und den Willen, es unkonventionell umzusetzen.« Dabei waren die beiden Geschäftspartner von Berufs wegen nicht unbedingt für dieses Projekt geeignet. Friedrich ist Zahnarzt, Osterhoff war Sozialpädagoge, allerdings, wie sich sein Kompagnon erinnert, einer mit handwerklicher Begabung und viel Erfahrung. »Er hat Großartiges geleistet.« – »Quadratisch, praktisch, schnell«: Das wollten die beiden detailverliebten Bauherren auf keinen Fall. Deshalb entschieden sie sich, auf ihrem Bau keine Firmen zu beschäftigen. »Wir haben die Leute selbst eingestellt«, erzählt Friedrich. Auch arbeitslose Jugendliche seien darunter gewesen, die bei diesem Job Spaß am Handwerk fanden und später entsprechende Berufe ergriffen hätten. »Wir haben ihnen geholfen, eine Lehrstelle zu finden.«

Ein zweiter Grundsatz lautete: keine neuen Materialien. Die alten Balken – dank Sägewerksbesitzer Schäfer waren sie von exzellenter Qualität – wurden wiederverwendet. Das Pflaster im Innenhof, der von allen genutzt wird, ist alt, das schmiedeeiserne Hoftor stammt aus der Wende zum 20. Jahrhundert. Und dass der Wohntrakt auf der rechten Hofseite neu ist, würde niemand glauben, denn er wurde aus alten Backsteinen und Findlingen hoch gezogen. »Der am besten getürkte Neubau, den ich kenne«, soll der Architekt gesagt haben, der die beiden Bauherren bei den notwendigen Genehmigungen unterstützte. Aber die Ideen, darauf legt Friedrich Wert, hätten sie schon selbst geschmiedet. »Das entwickelt sich, wenn man so lange baut. Man weiß am Anfang nicht, was am Ende rauskommt.«

Zwei Aspekte sind Friedrich auch in der Rückschau besonders wichtig. Er und sein Partner haben die Wohnanlage komplett ohne staatliche Fördermittel realisiert. Rund 2,5 Millionen Euro haben sie investiert. Und von Anfang an seien sie nicht auf Gewinn fixiert gewesen. »Uns ging es darum, ein interessantes Projekt zu verwirklichen, ohne uns einem wirtschaftlichen Diktat zu unterwerfen«, sagt der Hungener, der während der langen Bauphase den organisatorischen Teil gestemmt hat, die Verhandlungen mit Behörden, Steuerberatern und Geldinstituten. Manchmal sei es nicht einfach gewesen. »Man braucht für so ein Projekt eine gewisse finanzielle Sicherheit. Die bekommt man nicht von den Banken.«

Mehr als zwei Jahrzehnte sind seit dem Kauf der alten Hofreite vergangen, doch Friedrich will unter das Projekt keinen Schlusspunkt setzen. »Ich sage nicht: Das bleibt jetzt so. Die Wohnungen werden immer wieder auf einen Top-Stand gebracht.« Durch seine Mieter sieht sich der Eigentümer bestätigt. »Wir haben hier nur eine ganz geringe Fluktuation.« Und wenn, wie in zwei Monaten, mal eine Wohnung frei wird, dann schaut sich der Vermieter die Bewerber genau an. Sie sollen zu den anderen Bewohnern passen, die aus allen Ecken der Bundesrepublik stammen.

Hat er jemals bereut, sich in dieses Abenteuer gestürzt zu haben? »Nein«, sagt der 64-Jährige. Nichts sei so richtig schief gegangen. Er würde es begrüßen, wenn andere seinem Beispiel folgen. »Gerade auf den Dörfern gibt es alte Häuser, die man günstig erwerben und modernisieren könnte!«

Blickfang mitten in Hungen: Die Wohnanlage in der Moltkestraße 4 gilt als Paradebeispiel für nachhaltige Stadtentwicklung. Auf dem Gelände einer alten Hofreite sind elf besondere Wohnungen entstanden. Eigentümer Bodo Friedrich legt Wert auf ein gutes Miteinander mit den Bewohnern. (Fotos: us)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/Kreis-Giessen-Schoener-wohnen-mitten-in-der-Stadt;art457,435325

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