01. Februar 2017, 18:00 Uhr

Lebensmittelverschwendung

Schlaraffenland mit Kehrseite

01. Februar 2017, 18:00 Uhr
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Von Christina Jung , 1 Kommentar
Viele unserer täglichen Lebensmittel wandern in die Tonne. Am meisten sind Obst und Gemüse sowie Backwaren betroffen. (Foto: Arno Burgi (dpa-Zentralbild))
Trocken, welk, runzelig, nicht der Norm entsprechend oder bereits abgelaufen. Zu viele Lebensmittel landen heute auf dem Müll. Verantwortlich will dafür niemand sein. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Allein in Deutschland geht es um rund 18 Millionen Tonnen Nahrung im Jahr. Wie sieht es im Landkreis Gießen aus?

Montagabend, kurz nach halb sieben. Die Auslage der Bäckereifiliale im Supermarkt ist im Vergleich zum Vormittag stark dezimiert. Dennoch wird auch der Späteinkäufer fündig. Ob Berliner, Brezeln oder Brote – die Auswahl ist reichlich. Sogar frisch gebackene Brötchen kommen gerade aus dem Ofen. Vermutlich nicht zum letzten Mal, denn bis 21 Uhr bietet die Heuchelheimer Firma Volkmann hier ihre Backwaren an. Was bis dahin nicht verkauft ist, geht zurück ins Stammhaus. Rund zehn Prozent sind es jeden Tag. Endstation Abfall?

»Nein«, versichert Volkmann-Chef Frank Pauly. »Effektiv im Müll landet bei uns nichts. Irgendwo werden die Reste wiederverwertet.« Soll heißen: Sie gehen an die Tafel, andere Nutzer oder in die Biogasanlage. Mit dieser Aussage steht die Bäckerei Volkmann nicht allein. Ob Supermarkt, Hotel-Restaurant oder Großkantine – das Wegwerfen von Lebensmitteln wird im Landkreis in vielen Branchen zu vermeiden versucht. Stattdessen ist ein bewusster und wertschätzender Umgang mit der Nahrung an der Tagesordnung.

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Jeden Abend bleiben etliche Brötchen in unseren Bäckereien liegen. Doch wohin damit?
Doch nicht viele plaudern beim Thema Lebensmittelverschwendung offen drauf los. Nur hinter vorgehaltener Hand wird über schwarze Schafe unter den Marktbetreibern gesprochen. Über konkrete Abfallmengen spricht fast niemand. Kein Wunder, wenn man einen Blick auf die Zahlen wirft: Rund 88 Millionen Tonnen Nahrung werden jährlich EU-weit verschwendet, etwa 20 Prozent der gesamten Produktion. Die damit verbundenen Kosten schätzen Experten auf 143 Milliarden Euro. Ein Reizthema also.

In einem aktuellen Bericht kritisiert der Europäische Rechnungshof, dass die EU zu wenig gegen das Problem unternimmt. In dem Papier, das jüngst veröffentlicht wurde, wird das bisherige Vorgehen als »bruchstückhaft und unzusammenhängend« bezeichnet.

Und wie sieht es hierzulande aus? Auch die deutschen Zahlen sind ernüchternd. Laut einer WWF-Studie werden pro Jahr mehr als 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Und das ist offenbar vor allem ein Problem des Verbrauchers.

Während Nahrung in ärmeren Ländern bereits bei Ernte, Transport oder Lagerung verloren geht, fallen in Deutschland 40 Prozent des Lebensmittelabfalls in Privathaushalten an. Dazu kommen Verluste bei der Produktion und in der Gastronomie. Am meisten landen Obst und Gemüse laut WWF im Müll, gefolgt von Getreideerzeugnissen, vor allem Backwaren.Vom welken Salat über den Apfel mit brauner Stelle bis hin zur abgelaufenen Sahne – ein Großteil der 18 Millionen Tonnen wäre noch genießbar.

Einkaufen im Supermarkt
Augen auf beim Einkauf: Viel zu oft landet nämlich ein Teil davon im Abfall.
Ein Grund für die Verschwendung ist nach Auffassung von Erika Apel, Mitinhaberin des Bioladens Naturkost Hagebutte in Großen-Buseck, das kulinarische Schlaraffenland, in dem wir heute leben. Wer isst schon gerne trockenes Brot, sattgelbe Bananen oder runzelige Paprika, wenn frischer Nachschub in ausreichender Menge jederzeit verfügbar ist? Zum anderen sieht die Unternehmerin ein Problem in der mangelnden Aufklärung der Kunden. Viele Menschen wissen nicht, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum lediglich den Zeitpunkt angibt, bis zu dem ein Lebensmittel unter angemessenen Aufbewahrungsbedingungen seine spezifischen Eigenschaften behält, also Geruch, Farbe oder Geschmack. Mit dem Ablauf sind die Produkte nicht automatisch verdorben.

Im Gegenteil: Viele können weit darüber hinaus bedenkenlos verzehrt werden. Doch unzureichend aufgeklärte Verbraucher sind nicht das einzige Problem. Vorgaben von Handel und Industrie sind ein weiteres. Sie zwingen beispielsweise Hersteller dazu, qualitativ gute Ware auszusortieren, weil sie optisch nicht der Norm entspricht. Krumme Gurken etwa oder zu große Kartoffeln. Nicht zu vergessen sind viele Kunden selbst Teil des Problems, denn sie fordern ein makelloses Produkt, weshalb in Supermärkten frühzeitig selektiert wird.

Zum Glück gibt es mittlerweile Initiativen wie Foodsharing, eine Internetplattform zum Verteilen von überschüssigen Lebensmitteln. Hier können Privatpersonen, Händler oder Produzenten Lebensmittel, die sonst weggeworfen würden, kostenlos anbieten oder abholen. Auch die Tafeln greifen dort zu, wo andernorts ausgemustert wird. Sie sammeln Essen ein und geben es an Bedürftige weiter.

Doch all das geschieht hier, im Gegensatz zu anderen EU-Staaten, auf freiwilliger Basis. Frankreich beispielsweise hat dem Handel vor gut eineinhalb Jahren per Gesetz verboten, Lebensmittel wegzuwerfen. Unverkaufte Ware soll gespendet, als Tiernahrung genutzt oder als Kompost für die Landwirtschaft verwendet werden. In Deutschland dagegen setzt man auf Aufklärung, beispielsweise über die Informationskampagne des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft »Zu gut für die Tonne«. Bleibt die Frage, ob das auf Dauer reichen wird, um eine Bewusstseinsänderung zu erreichen. Insbesondere beim Ver­braucher.
 

Blick ins Detail

 

Bioladen

60 Quadratmeter Verkaufsfläche hat der Bioladen Naturkost Hagebutte in Großen-Buseck. Wie viele Artikel zum Sortiment gehören, kann Mitinhaberin Erika Apel nicht genau beziffern. Eines aber weiß sie genau: Lebensmittelverschwendung gibt es hier nicht. Das hat vor allem mit ihrem überschaubaren, ökologisch sehr bewussten Kundenkreis zu tun, der samstags nicht selten zu jenem Obst und Gemüse greift, das sie und Mitinhaberin Maja Kraushaar-Dörr am Montag nicht mehr anbieten würden. Der Rest wird von den eigenen Familien verbraucht. »Außerdem können wir sehr gut einschätzen, was wir verkaufen.« Ware wird engmaschig bestellt und geliefert (viermal pro Woche). Wenn dennoch irgendwo ein Überhang entsteht, versuchen die beiden Frauen, diesen beispielsweise mittels spezieller Rezeptangebote zu reduzieren. Und: »Wir bieten nicht zu jeder Zeit alles an.« Ist tätsächlich etwas verdorben, wandert es auf den Kompost. Produkte, deren Mindesthaltbarkeitsdatum ab­gelaufen ist, werden in der Naturkost Hagebutte zunächst im Preis gesenkt. Finden sie dennoch keinen Abnehmer, »nehmen wir sie mit nach Hause«.


 

Bäckerei

24 Filialen der Bäckerei Volkmann gibt es in der Region, und in allen gilt: Was der Kunde nicht kauft, wird anderweitig verwertet. Was zum Ladenschluss noch in der Theke liegt, geht zurück an den Firmenstandort nach Heuchelheim, das sind etwa zehn Prozent, berichtet Juniorchef Frank Pauly im GAZ-Gespräch. Diese werden am Folgetag sortiert. Etwa ein Drittel davon, insbesondere Brot und süße Teilchen, erhält die Tafel, einen wesentlich kleineren Teil holen ein Schäfer und ein Landwirt, die es als Futtermittel verwerten. Helle Brötchen verarbeitet der Bäcker zu Paniermehl. Der größte Teil der Retoure kommt in eine Biogasanlage. »Effektiv im Müll landet bei uns nichts. Irgendwo wird es wiederverwertet.«


 

Gastronomie

Die Wertschätzung der Lebens­mittel wird beim Kochen im Grünberger Sporthotel großgeschrieben. Küchenchef Stefan Brot hält sein Team dazu an, mit so wenig Materialverlust wie möglich zu arbeiten. »Sparschäler statt Kneipchen« lautet die Devise. Bei der Paprika wird nicht der ganze Deckel ab-, sondern nur der Strunk aus der Frucht herausgeschnitten. Petersilienstängel kommen in der Soße auf den Teller. »Natürlich haben wir auch Abfälle, aber das hält sich im Rahmen«, sagt Brot. Überproduktionen von Gerichten versucht der altgelernte Küchenmeister ebenfalls zu vermeiden, hat an seinem Arbeitsplatz den Vorteil, dass er vorgerichtete Speisen in Hotel und Sportschule anbieten kann, ist also flexibler. »Auch durch das kurzfristige Umstellen von Speiseplänen können wir jonglieren und Überproduktionen auffangen«, sagt er. Was Buffetts angeht, wird in Grünberg versucht, kleinere Portionen herauszugeben und dafür mehrfach nachzulegen. Denn was die Küche verlassen hat, darf nicht wiederverwertet werden, so Brot.


 

Hersteller

Zu groß, zu klein, zu unförmig. Viele Lebensmittel gelangen erst gar nicht in den Supermarkt, weil sie nicht den geforderten Normen entsprechen. Ein Beispiel dafür war lange Zeit die »krumme Gurke«, die sich nicht so gut verpacken lässt wie eine gerade. Ein anderes Beispiel sind Kartoffeln. Liegt ihr Durchmesser unter 35 Millimeter, will sie der Handel ebenso wenig, wie jene mit mehr als 70 Millimetern. Bis zu 20 Prozent sortiert Kartoffelbauer Helge Timm aus Eberstadt von den dicken Erdäpfeln aus, je nach Sorte. Bei den kleinen sind es nur ein bis zwei Prozent. Was sich nicht mehr zum Einmachen oder als Back- und Grillkartoffel vermarkten lässt, landet in der Biogasanlage oder wird zu Tierfutter verarbeitet. Den Restabfall, darunter finden sich neben grünen und faulen auch die unförmigen Kartoffeln, schätzt Timm auf drei bis vier Prozent. Das Problem bei alldem sei der Handel. »Kartoffeln dürfen heute nicht zu groß, nicht zu klein und schon gar nicht dreckig sein«, kritisiert Timm. Früher kamen die Kartoffeln in den Sack, wie sie vom Acker kamen. Das ist heute undenkbar. Doch je enger die Vorgaben, desto höher die Abfallquote«, so der Experte. Landwirt Wolfgang Schadeck, der mit seiner Familie in Langsdorf den Johanneshof betreibt und mit seinen Produkten auch den Handel beliefert, kennt die Probleme. Zwischen sechs und 20 Prozent der Produktion werden bei ihm aussortiert. Immerhin: Bei dem Angebot im eigenen Hofladen muss er die Kartoffeln nicht nach Handelsnorm anbieten.
 
 

Großkantine

Knapp 2000 Mitarbeiter zählt die Firma Schunk in Heuchelheim und verfügt daher über eine entsprechend große Kantine. 700 Essen werden hier täglich zubereitet. »Weggeworfen wird fast nichts«, erklärt Pressesprecher Dr. Neill Busse. Möglich ist das, weil in kleinen Mengen gekocht und bei Bedarf frisch nachgelegt wird. Bleibt bei der Zubereitung etwas übrig, wird es am nächsten Tag weiterverwertet. Soll heißen: Der Rinderbraten vom Montag kommt am Dienstag vielleicht als Fleischsalat auf den Tisch, die Pasta vom Donnerstag landet am Freitag im Nudelsalat. »Darauf wird schon deshalb geachtet, um die Essen möglichst preisgünstig anbieten zu können«, sagt Busse. »Es hat also ökologische und ökonomische Vorteile.« Bliebe da noch die Frage nach den Resten auf den Tellern? Die Antwort: Biogasanlage.
 
 

Essensretter

Die Tafeln verwerten das, was anderswo aussortiert wird, weil es niemand mehr kaufen würde. So bewahren sie Lebensmittel vor der Vernichtung und helfen gleichzeitig jenen, die wenig haben. Aber auch sie können nicht alles an ihre Kunden weitergeben. 900 bis 1000 Tonnen Lebensmittel erhält die Gießener Tafel pro Jahr und verteilt sie an mehr als 2200 Menschen in rund 800 Haushalten. Neben der Stadt Gießen auch in elf Kreis­kommunen. Dazukommen ein Dutzend soziale Organisationen wie Lebenshilfe, verschiedene Jugendeinrichtungen oder Foodsharing. Jeden Tag sind für die Gießener Tafel drei große Kühlwagen unterwegs, pro Woche werden 70 Geschäfte angefahren, sagt Holger Claes, Leiter des Diakonischen Werks in Gießen, das Träger der Einrichtung ist. Was eingesammelt wurde, wird von Tafel-Mitarbeitern sortiert, denn nicht alles kann an die Bedürftigen weitergegeben werden. »Etwa ein Viertel von dem, was wir holen, kommt weg«, sagt Claes. Allerdings nicht in die Tonne, sondern in die Biogasanlage. Claes: »Wir pressen das letzte aus den Lebensmittlen raus.«
 
 

Klinik

Was in der Licher Asklepios-Klinik an Lebensmitteln weggeworfen wird, hält sich nach Angaben von Pressesprecherin Patricia Rembowski »im Rahmen«. Denn das Essen für die Patienten wird »grundsätzlich passgenau bestellt« und – dank des vor knapp fünf Jahren für viel Geld angeschafften »cook and freeze«-Systems – erst kurz vor dem Servieren abschließend zubereitet. Was die Küche einmal verlassen hat, aber nicht verzehrt wurde, muss im Krankenhaus weg. »Dazu sind wir aus Gründen der Hygiene verpflichtet«, sagt Rembowski. Doch die Speisereste landen nicht auf dem Müll, sondern in einer Biogasanlage. Ebenso Küchen- und andere organische Abfälle. »Sie werden energetisch verwertet und dem natürlichen Kreislauf in Form von Strom, Wärme und biologischem Dünger wieder zugeführt.«
 
 

Lebensmittelmarkt

22 000 Artikel führt Bruno Krenschker in seinem Edeka-Markt in Lollar, 80 Prozent davon sind Lebensmittel. Der Blick auf die Mindesthaltbarkeitsdaten und schnell verfallende Produkte gehören für ihn zum täglichen Geschäft. Nicht nur, weil die Kunden abgelaufene Waren, runzelige Äpfel und welke Salate nicht mehr kaufen wollen. Auch, weil er den Gang zum Müllcontainer um jeden Preis vermeiden will. »Wir verschwenden keine Lebensmittel, weil wir wissen, wie schwer sie zu produzieren sind«, sagt der Unternehmer. Deshalb werden in seinen Märkten in Lollar und Gießen beispielsweise Molkereiprodukte drei Tage vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums reduziert, ebenso Obst und Gemüse, »wenn es nicht mehr ansehnlich ist«. Finden die Waren dennoch keinen Käufer, gehen sie an Tafel und Bahnhofsmission. Krenschker: »Bei uns landet nur im Abfall, was keiner mehr essen würde.« Ähnlich sieht es bei den Kollegen in Grünberg aus. »Lieber reduzieren wir beizeiten, bevor wir Lebensmittel wegwerfen«, sagt Oliver Neeb, stellvertretender Marktleiter im Edeka Grünberg. Ganz vermeiden lässt sich Abfall aber nicht: Eine halbe graue Tonne voll Lebensmittel kommt wöchentlich zusammen, schätzt Neeb. »Dass etwas weggeworfen wird, ist nicht im Kreislauf vorgesehen«, sagt Katrin Allstädt, Rewe-Pressesprecherin für den Bereich Mitte. Produkte, die der Kunde nicht mehr kaufen würde, gehen an die Tafel. Was Obst und Gemüse angeht, wird anhand von Sichtkontrollen aussortiert, bei den restlichen Lebensmitteln vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums. Natürlich landen auch Waren im Abfall, beispielsweise faules Obst oder Gemüse. Allstädt: »Aber es ist nicht so, dass wir in großen Mengen wegschmeißen.«

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