Kreis Gießen

Schlaganfall mit drei Jahren, doch Fynn aus Bieber kämpft

Der kleine Fynn aus Bieber hat im März einen Schlaganfall erlitten. Seither ringt die Familie um Normalität. Ein Trost: Von vielen Seiten kommt Unterstützung.
10. Juni 2018, 18:00 Uhr
Ursula Sommerlad
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Als Fynn (rechts) im März die Diagnose Schlaganfall erhält, bricht für seine Eltern Stefanie Jung und Lukas Sanner die Welt zusammen. Der bald Vierjährige hat sich gut erholt, aber vor der Familie, zu der auch der sieben Monate alte Jonas gehört, liegt noch ein weiter Weg.

Am 26. Juni hat Fynn Geburtstag. Doch eine großes Fest mit vielen Gästen wird es nicht geben. Das wäre zu anstrengend. Hinter dem bald Vierjährige aus Bieber und seiner Familie liegen dramatische Wochen. Am 28. Februar hat Fynn einen Schlaganfall erlitten. Im Alter von dreieinhalb Jahren.

Dass ihr Ältester mal wieder mit dem Roller über den Hof kurven, im Sandkasten Kuchen backen und mit dem kernigen Hundehern Jacky spielen würde, davon hätte Stefanie Jung vor drei Monaten nicht zu träumen gewagt. Nach der niederschmetternden Diagnose hatten die Ärzte in der Gießener Kinderklinik ihr und ihrem Mann Lukas Sanner wenig Hoffnung gemacht. Fynn, der in den ersten Tagen stumm und regungslos in einem dem Wachkoma ähnlichen Zustand im Bett lag, werde wohl ein Pflegefall bleiben. So lauteten damals die Prognosen.

 

Der letzte unbeschwerte Tag

 

Begonnen hatte das Drama für die junge Familie, zu der auch der mittlerweile sieben Monate alte Jonas gehört, kurz nach Fasching mit einem Infekt, wie Kinder ihn nunmal bekommen. Fynn hustete stark und bekam sehr hohes Fieber. Als alle Wadenwickel, Züpfchen und Säfte nicht wirkten, brachte seine Mutter ihn in die Gießener Kinderklinik. Dort, so erzählt sie, diagnostizierte man schließlich eine Lungenentzündung. Überraschend für alle durfte der Dreijährige am nächsten Tag schon wieder nach Hause. »Wir waren bei McDonalds, haben später zusammen gespielt, und ich habe noch Fotos gemacht, erinnert sich die Mutter. Was sie damals nicht ahnte: Es sollte bis auf weiteres der letzte unbeschwerte Nachmittag für die Familie gewesen sein.

Der Junge wird nicht richtig wach

Am nächsten Morgen wollte Fynn, normalerweise ein Frühaufsteher, nicht richtig wach werden. »Er war weinerlich und ist wieder eingeschlafen.« Die Mutter denkt zunächst an einen Rückschlag. Doch als sie ihren Sohn nachmittags weckt, kann er kaum noch sprechen und nicht mehr sitzen. Erneut bringt sie Fynn ins Krankenhaus. Dort, nach zahlreichen Untersuchungen, erhalten die Eltern am Morgen des 1. März die unfassbare Diagnose: Schlaganfall. Ein Gefäßwand-riss habe zum Verschluss von Fynns linker Halsvene geführt, sein Gehirn sei nicht mehr richtig mit Sauerstoff versorgt gewesen, Mikrothromben hätten das Kleinhirn und Teile des Großhirns verstopft, berichtet Stefanie Jung: »Das war für uns der Weltuntergang.«

Das war für uns der Weltuntergang

Fynns Mutter Stefanie Jung

Sie bleibt Tag und Nacht bei ihrem reglosen Sohn. Ihr Mann kümmert sich um den vier Monate alten Jonas, der zunächst wegen der Infektionsgefahr nicht ins Krankenhaus mitkommen darf. Stefanie Jung und Lukas Sanner setzen schließlich durch, dass er seinen großen Bruder doch besuchen kann. »Ich wusste, das ist wichtig für Fynn«, erzählt die Mutter. Und sie fühlt sich durch den weiteren Lauf der Ereignisse bestätigt. Kaum sitzt der Kleine am Krankenbett, tastet Fynn nach dessen weichen Babyhand. Fortan kommt Jonas jeden Tag, und sein großer Bruder fängt an zu kämpfen. Die Mutter tut das auch. »Ich wollte mich nicht damit abfinden, dass sein Zustand so bleibt.«

Weil ihr Sohn nicht sprechen kann, malt sie Bilder, auf die er deutet, um sich verständlich zu machen. Sie übt mit ihm schlucken, sie bringt ihn zur Toilette, sie füttert ihn mit klitzekleinen Bissen Nutella-Brötchen. Nach dreieinhalb Wochen kann Fynn die Kinderklinik verlassen. Acht Wochen Reha in Brandenburg schließen sich an, und der kranke Bub macht riesige Fortschritte. Als die ganze Familie am 10. Mai wieder vereint zu Hause in Bieber ist, merkt man Fynn äußerlich nichts mehr an.

Manchmal fällt er einfach um

Aber der Junge und seine Familie haben noch einen weiten Weg vor sich. Fynns rechte Seite ist nach wie vor geschwächt. Er kann manche Buchstaben nicht richtig artikulieren, zum Beispiel das F. Seinen Vornamen spricht er wie »Chynn« aus. Er hat plötzliche Aussetzer. »Dann fällt er einfach um«, erzählt Stefanie Jung. »Deshalb bekommt er demnächst einen Fallschutzhelm, der extra für ihn angefertigt werden muss.«

Ergotherapie, Logopädie und Krankengymnastik gibt es jede Woche, täglich macht seine Mutter mit ihm spielerisch Übungen. Auch psychisch habe sich ihr Sohn verändert, sagt die 32-Jährige. Er habe ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis, bekomme jäh Wutanfälle, wolle abends nicht mehr alleine bleiben. Und auch die Schlaganfall-Gefahr sei nicht gebannt. »Das Blutgerinnsel steckt noch in der Halsvene.« Fynn bekomme Blutverdünner, in der Hoffnung, dass es sich auflöst.

Große Hilfsbereitschaft

Die Familie versucht, all diese Herausforderungen in ihren Alltag zu integrieren. »Ich will das Beste für Fynn«, sagt Stefanie Jung., die eigentlich im Oktober an ihren alten Arbeitsplatz bei der Sparkasse in Gießen zurückkehren wollte. »Aber so weit denke ich momentan nicht.« Ob, wann und wie lange Fynn wieder in den Kindergarten gehen kann, weiß momentan niemand.

Ein ganz großer Lichtblick für Fynns Familie ist die große Hilfsbereitschaft, die ihr von vielen Seiten entgegengebracht wird. Eine Freundin initiierte eine Spendenaktion über Facebook, die Eltern des ev. Kindergartens Bieber organisierten verschiedene Benefiz-Aktionen, um wenigstens die finanziellen Sorgen abzumildern. Das vor zwei Jahren gekaufte Haus will abbezahlt werden, auch wenn ein Einkommen wegfällt.

Mit ihrem Schicksal so in der Öffentlichkeit zu stehen, ist für Fynns Eltern ungewohnt. »Aber wir sind unendlich dankbar für die Unterstützung und sehr gerührt«, sagt Stefanie Jung. »Wir wissen gar nicht, wie wir Danke sagen sollen.« (Foto: us)

Info-Kasten

Spendenkonto

Kontoinhaber: Fynn Jung IBAN: DE 0451 3500 2500 0532 3126 Betreff: Spenden Fynn Spendenkonto bei Facebook: https://www.facebook.com/donate/436904956730288/

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