Kreis Gießen

Schlafende Kinder missbraucht und gefilmt

Weil er schlafende Kinder missbraucht und das gefilmt hat, muss sich ein 40-Jähriger aus Lollar wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht verantworten. Zu Prozessbeginn gab er die Übergriffe zu.
04. April 2017, 13:00 Uhr
Steffen Hanak
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Der Angeklagte – mit Verteidiger Carsten Marx – räumt die Vorwürfe ein. (Foto: sha)

Monatelang stand der Angeklagte nachts heimlich auf und schlich ins Kinderzimmer. Dort verging er sich an der schlafenden Tochter seiner Lebensgefährtin. Er fasste das Mädchen unter der Kleidung an, berührte es mit seinem entblößten Penis und onanierte. Die Übergriffe filmte er mit dem Handy. Auch in einer späteren Beziehung zu einer anderen Frau vergriff sich der Mann an deren kleinem Sohn, während dieser bei ihm übernachtete. Ans Tageslicht kamen die Vorfälle nur, weil der 40-Jährige »ins Fahndungsraster der Kriminalpolizei gelaufen ist«, wie Richter Prof. Patrick Gödicke am Montag vor der Ersten Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts erläuterte. Auf dem Computer des Lollarers wurden Dateien mit Kinderpornos gefunden. Jetzt muss sich der Mann wegen sexuellen Missbrauchs verantworten.

Verteidiger Carsten Marx stellte klar, dass er ein »vernünftiges« Verfahren anstrebe. Heißt: Sein Mandant räume alle Vorwürfe »voll und ganz« ein. Das habe der Lollarer auch schon während des Ermittlungsverfahrens getan, sagte der Jurist. Damit solle vermieden werden, dass das zur Tatzeit zwölf Jahre alte Mädchen und der damals fünfjährige Junge vor Gericht als Zeugen aussagen müssen, unterstrich Marx.

Es gehe darum, eine erneute Traumatisierung der Kinder zu vermeiden. Auch für Nachfragen stünde der Mann zur Verfügung. Doch der tat sich damit äußerst schwer. Er antwortete nur sehr einsilbig und ausweichend auf die Fragen des Gerichts, schien die Übergriffe auf seinen Drogenkonsum schieben zu wollen. Zur Tatzeit habe er Marihuana und Amphetamin konsumiert. Allerdings griff Marx sofort korrigierend ein: Er habe nicht den Eindruck, dass sein Mandant so viele Drogen konsumiert habe, dass dies seine Schuldfähigkeit beeinträchtigt haben könnte, äußerte der Verteidiger.


Richter glaubt nicht an »Zufall«

Auf die kinderpornografischen Dateien will der Angeklagte durch »Zufall« gestoßen sein, als er im Internet nach Hintergrundbildern für seinen Computer gesucht habe. Richter Gödicke nahm ihm dies nicht ab. In anderen Verfahren hätten Ermittler bereits mehrfach berichtet, dass kinderpornografische Dateien sich nicht zufällig finden ließen. »Nach so etwas muss konkret gesucht werden!«

Auf die Frage, warum er die Taten auch noch gefilmt habe, antwortete der Angeklagte zunächst nicht. Er habe Tabletten wegen seines Rückens genommen und fühle sich deshalb gerade »etwas matschig im Kopf«. Erst auf mehrfaches Nachfragen räumte er ein, dass ihn dies zusätzlich erregt habe. Er gab auch zu, sich die Aufnahmen später noch einmal angesehen zu haben. Allerdings bestritt er vehement, dabei onaniert zu haben. »Das fällt mir schwer, zu glauben«, sagte Gödicke. Dem Gericht war außerdem aufgefallen, dass der Lollarer mit Hilfe eines Bearbeitungsprogramms die schlafenden Opfer später mit geöffneten Augen versehen hatte. Dies war aus Sicht des Angeklagten »ansprechender« gewesen. Gleichzeitig betonte er, wie wichtig es ihm gewesen sei, dass die Kinder währende der Übergriffe schliefen, da er Angst gehabt habe, sie könnten sonst ihren Müttern davon berichten.


Angeklagter will in Therapie

Als er die kinderpornografischen Dateien aus dem Internet herunterlud, will er zum ersten Mal gespürt haben, dass ihn diese Bilder erregt hätten. »Es ist für mich schwer, damit umzugehen«, sagte der 40-Jährige. Er wolle sich an einen Therapeuten wenden, »damit ich das alles verarbeiten kann und mir geholfen wird«. Zu den Opfern habe er noch keinen Kontakt aufgenommen. Was er glaube, wie es denen gehe, fragte der Richter. »Ich denke mal, nicht so toll«, war die Antwort. Der Prozess wird fortgesetzt.

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