Kreis Gießen

Schläge und schwere Verletzungen: Wie eine Zehnjährige aus Linden Ärzte und Betreuer überfordert

Sie ist hoch aggressiv, schlägt wild und wahllos um sich: Ein zehn Jahre altes Mädchen aus Linden hat einer Lehrerin einen Stift in die Hand gerammt, einem Erzieher hat sie mit einem Pinsel das Trommelfell durchstochen. Die Eltern wissen nicht mehr weiter. Auch Ärzte, Betreuer, Pädagogen und soziale Einrichtungen sind überfordert.
24. Oktober 2019, 10:00 Uhr
Stefan Schaal

Freunde treffen. Hausaufgaben erledigen. Austoben im Sportverein. Herumalbern. Was Zehnjährige in ihrem Alltag eben so erleben. Ein Mädchen aus Linden hat all das noch nie erfahren. In einer Klinik in Kassel-Wilhelmshöhe sitzt oder liegt sie in diesem Moment. Die Tür ist verschlossen. In ihrem Zimmer befindet sich nur eine Matratze. Nichts soll das Kind dazu verleiten, sich oder andere zu verletzen. Plötzlich, mit unheimlicher Kraft, bricht aus ihr immer wieder die Gewalt heraus.

Zu Hause in Linden hat sie einmal einem Erzieher einen Pinsel mit voller Wucht ins Ohr gehauen und sein Trommelfell durchstochen. Sie hat Mitarbeiter in mehreren Krankenhäusern mit Nadeln attackiert und hat ihnen Nasenbeine gebrochen. Und sie verletzt sich selbst. Bisweilen zieht sie sich die Haut vom Körper, ohne anscheinend Schmerzen zu empfinden. Einmal hat sie eine Zahnbürste zerbrochen und sich damit malträtiert, bis sie stark blutete.

Wer sich mit der Leidengeschichte der jungen Lindenerin und ihrer Familie beschäftigt, stößt auf die erschreckende Erkenntnis: Für Kinder wie sie scheint es keine Behandlung zu geben. Bis heute ist keine angemessene Betreuung für das Mädchen gefunden.

Für Ärzte ist das Mädchen aus Linden ein Rätsel. Ein Krankenhaus hat ihr eine komplexe Entwicklungsstörung attestiert. Das Kind ist wohlgemerkt nicht schwer behindert, es redet und spielt beispielsweise mit den Eltern auch ohne Auffälligkeiten. Hört sie allerdings ein Nein, schlägt die Situation in einem Augenblick um - und sie schlägt zu. Das Gehirn und insbesondere der für Empathie erforderliche Bereich könnte geschädigt sein. Umfassende Untersuchungen und Tests sind mit dem aggressiven Mädchen nicht möglich.

Die Eltern glauben, dass eine Hirnhautentzündung in der frühen Kindheit des Mädchen hinter der Gewalttätigkeit steckt. Belegen lässt sich dies nicht.

Ein Besuch in Linden. Der Vater des Mädchens sitzt im Wohnzimmer eines Mehrfamilienhauses. Der 39 Jahre alte Industriemeister spricht mit leiser Stimme, er wirkt müde. Fünf Jobs habe er in den vergangenen Jahren verloren, erzählt er. Alle Kraft widmet er seiner Tochter und der Odyssee durch Krankenhäuser und Betreuungseinrichtungen. »Wenn die Klinik anruft und ich kurzfristig fünf Tage an einer Familientherapie teilnehmen soll, stoße ich bei Arbeitgebern nicht immer auf Verständnis.«

Nebenan ist das Kinderzimmer. Auf Regalen liegen Häschen, die das Mädchen gebastelt hat, der Raum ist in Weiß und Lila tapeziert. Das typische Zimmer einer Zehnjährigen, denkt man für einen Moment - bis eine oben an der Wand montierte Kamera ins Auge fällt. Wenn das Mädchen daheim ist, wolle man sie auch mal im Zimmer alleine lassen, sagt der Vater. »Sie kann dann die Tür zumachen, hat ihre Privatsphäre.« Unbeobachtet bleibt sie durch die Kamera allerdings nie. Dies irritiert und wirft Fragen auf. Es fällt allerdings schwer, sich ein Urteil über die Eltern zu erlauben, die mit der Situation überfordert sind.

Zur Schule ging das Mädchen nur einmal für wenige Monate in Gießen, sie erhielt Einzelunterricht. Sie erledigte Aufgaben, beschäftigte sich mit den Materialien. In einem unbeobachteten Moment aber rammte sie einen Stift durch die Hand ihrer Lehrerin.

Bei allen Schilderungen bleibt es dennoch schwer vorstellbar, wie Ärzte, Pfleger und Pädagogen ein zehn Jahre junges Mädchen nicht in den Griff bekommen. »Sie attackiert so plötzlich und so impulsiv«, sagt ihr Vater. Er habe gelernt, mit der Situation zu leben. »Ich kenne jede Mimik und jede Bewegung von ihr. Ich male mir ständig aus, was als nächstes passieren könnte.« Man sehe nur die Zehnjährige, sagt der Vater. »Man sieht nicht das Teufelchen.« Man müsse dem Mädchen begegnen wie ein Dompteur einem Tiger, sagt die Rechtsanwältin der Familie. »Man darf ihr nicht den Rücken zukehren.«

Bis zum vierten Lebensjahr sei die Tochter nicht auffällig gewesen, erzählt der Vater. Im Kindergarten in Linden aber habe sie irgendwann angefangen, andere Kinder zu schlagen. Die Eltern betreuten sie schließlich zu Hause, sie engagierten Pfleger. Diese nahmen aber nach Attacken des Mädchens schnell Reißaus. Und so begann mit der Suche nach der richtigen Behandlung die Odyssee. Das Kind hat zahlreiche Aufenthalte in Krankenhäusern sowie verhaltenstherapeutische Behandlungen hinter sich, Psychopharmaka wurden ihm verabreicht, ohne dass diese, wie der Vater berichtet, ausreichend geholfen haben.

Am längsten, für 20 Monate, war das Mädchen bislang von Ende 2017 an in einer Spezialklinik in Würzburg untergebracht. Sie habe sich dort stabilisiert, erzählt der Vater. Allerdings legte die Betreuung des Mädchens den Betrieb der Klinik teilweise lahm, wie die Mainpost berichtet. Aufgrund der Gewaltbereitschaft des Mädchens wurde die Belegung der Klinik aus Sicherheitsgründen reduziert, die Lindenerin wurde gleichzeitig mit hohem personellen Aufwand betreut. Am Ende verzeichnete die Klinik dadurch ein Defizit in Höhe von 348 000 Euro. Es sei gar nicht möglich, das Mädchen zu behandeln oder gar zu heilen, hieß es außerdem. Es gehe nur um Betreuung, ein Krankenhaus sei daher der falsche Ort.

So erscheinen neben den Eltern auch Ärzte, Betreuer, Pädagogen und soziale Einrichtungen überfordert. Ein Versuch vor wenigen Monaten, das Mädchen in Wabern in einem Haus zu betreuen, getragen von einer gemeinnützigen Einrichtung, ist nach wenigen Tagen gescheitert. »Die haben gekitzelt und gekuschelt«, sagt die Rechtsanwältin. »Ich wusste sofort, dass das schiefgeht.«

Kompliziert und schwierig einzuschätzen ist der Fall auch, weil die Eltern sich immer wieder mit Vorwürfen auseinandersetzen müssen. »Wenn wir sie in den Griff bekommen wollen, hat sie am Ende eben auch mal blaue Flecken«, sagt der Vater. Ein Pflegedienst hat sie angezeigt, ein Strafverfahren wurde eingestellt.

Die Eltern haben Angst, dass sie allein gelassen werden. Vor wenigen Tagen gab es ein Treffen zwischen Einrichtungen der Region, die in der Betreuung von Kindern und Jugendlichen involviert sind, auch die Eltern waren dabei. Ein Betreuungsangebot ist in Planung, gesucht wird noch ein Träger. Es gibt also Hoffnung.

Hilflos und ratlos sitzt währenddessen in Kassel in einem Zimmer ein zehn Jahre altes Mädchen aus Linden, das sich selbst und seine Gewaltausbrüche nicht versteht. Vielleicht ist heute ein guter Tag. Ein Tag, an dem sie sich nicht selbst oder andere verletzt. Auf die Frage, wie sich die Eltern eine langfristige Lösung vorstellen, sagt der Vater, er werde seiner Tochter immer beistehen. »Aber viel mehr stellt sich für uns die Frage: Was ist morgen?« (Symbolfoto: dpa)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/Kreis-Giessen-Schlaege-und-schwere-Verletzungen-Wie-eine-Zehnjaehrige-aus-Linden-AErzte-und-Betreuer-ueberfordert;art457,638508

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