07. Mai 2019, 22:18 Uhr

»Schinderei« und schlechte Laune

07. Mai 2019, 22:18 Uhr

Der Frühjahrsputz ist nach wie vor aktuell: In den Wochen um Ostern werden rund 40 Prozent mehr Reinigungsmittel verkauft als im Jahresschnitt. Doch der Aufwand ist deutlich geringer als in vergangenen Jahrzehnten. Das bestätigen GAZ-Leserinnen und ein Leser, die sich nach Erscheinen des Artikels »Warum Oma im Putz-Stress war« gemeldet haben. Ihre Erinnerungen an Kittelschürzen, gereizte Stimmung und harte Arbeit bestätigt: Wer beim Thema Haushaltsführung nostalgisch wird, blickt wohl allzu verklärt zurück.

Ihre Freude über moderne Materialien und Maschinen fasst Monika Bannert so zusammen: »Die Schinderei - Gottseidank vorbei.« Die Buseckerin musste als Kind beim Frühjahrsputz helfen, der in ihrer Familie meistens zu Beginn der Osterferien anstand. »Dann wurde das Unterste zuoberst gedreht, als wolle man den Winter aus dem Haus vertreiben.« Und dies ohne Staubsauger und andere heutige Selbstverständlichkeiten.

Bei schönem Wetter wurden alle Schränke gelüftet und ausgewaschen, die Kleider draußen aufgehängt auf eine Konstruktion aus zwei Stühlen und einem Besenstiel. Die dreiteiligen Matratzen wurden mit dem »Bettplätzer« (Teppichklopfer) malträtiert und ans offene Fenster gelegt. Das Entstauben der fest installierten Sprungfedern darunter mit einem Handfeger »war eine mühselige, zeitaufwendige Arbeit«. Schweiß floss beim Einwachsen und Polieren der Holztreppe wie auch beim Reinigen des Küchenherds, der viel schwerer zu säubern war als ein modernes Glaskeramikfeld.

»Auch heute noch kann ich mich nur mühsam zurückhalten, das damalige Großreinemachen in meinem Haushalt fortzuführen«, berichtet Bannert. »Man war es einfach gewöhnt, dass an hohen Feiertagen richtig saubergemacht wurde. Am Ende der Putzorgie war man zwar total erledigt, dafür aber stolz auf das Werk.«

Nicht alles Alte ist »von gestern«, weiß Ute Martschenke aus Hungen. Sie hat von ihrer Mutter die Broschüre »Die rechte Hand der Hausfrau - 1123 praktische Winke und Ratschläge« geerbt, die man im Jahr 1950 für 75 Pfennige kaufen konnte. Die Tipps sind zum Teil nach wie vor brauchbar, sagt Martschenke - und viele lesen sich amüsant. Detailliert wird etwa erläutert, wie man Elfenbein, Goldborten oder Zink-Badewannen reinigt.

»Ich mache bis heute um die Küche einen großen Bogen«, sagt Udo Kleinschmidt. Der Lollarer hatte als heute 81-jähriger Mann das Glück, dass einen Großteil seines Lebens Frauen da waren, die sich um den Haushalt kümmerten. In seiner Kindheit - mit einem deutlich jüngeren Bruder im Forsthaus Wißmar aufgewachsen - hatte der Junge Aufgaben zu erledigen wie Holzhacken und war auch beim Frühjahrsputz eingeplant. Mit leisem Schaudern erinnert er sich, wie er die weiß gestrichenen Fußleisten scheuern und Fußböden mit dem schweren Bohnerblock zum Glänzen bringen musste.

Adelheid Wehrenfennig, heute in Pohlheim zu Hause, lebte in den unmittelbaren Nachkriegsjahren in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung bei ihren Großeltern. Den alljährlichen »Großkampftag« zum Ende der Heizperiode erlebte das Mädchen wie einen »Albtraum«. Kein warmes Essen, tagelang Asche-Gestank und nervöse Stimmung bewirkten, dass sie sich »so unsichtbar machte, wie es in der Enge eben ging«. Aber natürlich musste auch sie den Erwachsenen zur Hand gehen.

Um das Ofenrohr zu säubern, musste der Großvater die so genannte »Lagerpfeife« aus dem Schornstein ziehen und nach draußen tragen. »Beim Transport durchs schmale Treppenhaus ging immer Ruß verloren, der mühsam aufgewischt werden musste«, erzählt Wehrenfennig, »was vielleicht dazu beigetragen hat, dass ich bis heute nicht gerne Staub wische«.

Die studierte Haushaltswissenschaftlerin und vierfache Mutter legt an ihren Haushalt nicht ganz so strenge Maßstäbe an wie vorige Generationen. Vor allem aber erleichtere moderne Technik - etwa die Waschmaschine - das Leben: »Ich bin dankbar für die Hilfsmittel, die man heute hat.«

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