22. April 2017, 14:00 Uhr

Frankreich

Schicksalswahl: Gießener Land blickt nach Paris

Am Sonntag entscheidet Frankreich bei der Präsidentschaftswahl auch über Europas Zukunft. Wir haben im Landkreis bei denen nachgefragt, die eine besondere Beziehung in unser Nachbarland haben.
22. April 2017, 14:00 Uhr
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Aus der Redaktion
Geht Frankreich weiter auf Europa zu oder der einen Schritt zurück? Der erste Wahlgang bei den Präsidentschaftswahlen wird es zeigen. (Foto: thinkstock encrier/bearbeitet: J. Engel)

Am Sonntag wird in Frankreich gewählt. Wer zieht als Nachfolger von Präsident Francois Hollande in den Élysée-Palast ein? Elf Kandidaten stehen zur Wahl. Die Umfragen sehen den unabhängigen und proeuropäischen Emmanuel Macron und die rechte Populistin Marine Le Pen in der möglichen Stichwahl am 7. Mai.

Le Pen, die Chefin des Front National, will Frankreich aus der EU herausführen. Ihr Wahlsieg, so die Befürchtung, könnte der Anfang vom Ende des europäischen Projekts sein und der Schlusspunkt einer Entwicklung, die mit den Römischen Verträgen 1957 und dem Élysée-Vertrag 1963 ihren Anfang genommen hatte. Die von Adenauer und de Gaulle begründete deutsch-französische Partnerschaft, die als tragender Pfeiler der EU gilt, war nicht nur ein Ding der großen Politik. Sie wurde ein Erfolg, weil sich viele Menschen von der Idee begeistern ließen. Weil Schulen, Städte und Gemeinden, Vereine und Unternehmen Kontakte knüpften und pflegten.

Allein im Landkreis Gießen gibt es 13 deutsch-französische Partnerschaften. Deutsche Schüler fahren nach Frankreich und umgekehrt. Unternehmen kooperieren. Franzosen haben in Deutschland ein Zuhause gefunden und Deutsche in Frankreich. Wir haben mit Menschen gesprochen, die eine besondere Beziehung zu Frankreich haben. Sie haben Auskunft gegeben, welche Gedanken und Gefühle sie in Anbetracht der bevorstehenden Wahl bewegen.


Barbara Aff: »Französisch gilt als schwierig«

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Französischlehrerin Barbara Aff (vorn, l.) hofft auf eine Niederlage der Europa-Gegner. (F...

Barbara Aff ist Französischlehrerin mit Leib und Seele. Dass der deutsch-französische Motor ins Stottern geraten ist, bekommt sie bei ihrer täglichen Arbeit an der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Lich zu spüren. Auch deshalb blickt sie den Wahlen im Nachbarland mit besonderem Interesse entgegen. Aff bringt ihren Schülern die französische Sprache und Kultur nicht nur im Unterricht näher. Seit Jahrzehnten ist sie die tragende Säule des Schüleraustauschs mit Lichs Partnerstadt Dieulefit. Aber an der Partnerschaule, dem Collège Ernest Chalamel, ist Deutsch auf dem absteigenden Ast. Weil dort immer weniger Schüler Deutsch lernen, war der Schüleraustausch schon vor einigen Jahren ins Stocken geraten. Die Wiederbelebung gelang, war aber nicht von Dauer. In diesem Schuljahr kommt erneut kein Austausch zustande. Jetzt hält Aff Ausschau nach einer anderen Partnerschule.

Dass auch in deutschen Schulen die französische Sprache auf dem Rückzug ist, mache die Sache nicht leichter, sagt die Pädagogin. Woran das liegt? Französisch gelte als schwierig, die Konkurrenz durch Spanisch sei groß. Immerhin: Es gibt sie noch, die Schüler, die Französisch nicht nur mit Freude lernen, sondern auch mit großem Erfolg. Mit Mavie Beisheim entsendet die Dietrich-Bonhoeffer-Schule in diesem Jahr eine Regionalsiegerin zum Landesentscheid des Vorlesewettbewerbs Französisch.

In Affs Unterricht spielen die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen nur am Rande eine Rolle. Das Thema sei zu schwierig, um es im Sprachunterricht bis zur 10. Klasse zu vertiefen, sagt die Lehrerin. Sie persönlich hegt die Hoffnung, dass die Franzosen nicht die Europa-Gegner vom Front National wählen – »wenigstens nicht in der Stichwahl«. (us)


Norbert Schmidt: »EU braucht deutsch­französisches Zugpferd«

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Der Vorsitzende der Deutsch-Französischen Gesellschaft Wettenberg, Norbert Schmidt (r.), g...

Norbert Schmidt ist Vorsitzender der Deutsch-Französischen Gesellschaft Wettenberg. Der Verein, der die Partnerschaft mit dem südfranzösischen Sorgues pflegt, agiert in einem schwierigen politischen Umfeld. Der Front National ist hier stark, Marion Maréchal-Le Pen, die Nichte von FN-Chefin Marine Le Pen, sitzt für das Departement Vaucluse in der Nationalversammlung, in Sorgues holte sie immerhin 44 Prozent. Für den 63-jährigen Schmidt ist klar: In diesem Jahr entscheidet sich, »mit welcher Dynamik Europa vorankommt. Und ob es überhaupt vorankommt«.

Dabei hat er nicht allein die Präsidentschaftswahlen an diesem Sonntag und die Stichwahl am 7. Mai im Blick. Die Wahlen zur französischen Nationalversammlung am 11. und 18. Juni und die Bundestagswahlen im September hält er für ebenso wichtig. Die EU stecke momentan fest, sie brauche das deutsch-französische Zugpferd, um wieder voranzukommen. »Nach den Wahlen muss ein neuer Anschub her.«

Dass die deutsch-französische Zusammenarbeit an Dynamik verloren hat, weiß er aus seiner eigenen Arbeit. In der Zivilgesellschaft spiele sie längst nicht mehr die Rolle, die die Politik ihr einst zugemessen hat. »Die Leute suchen sich heute ihre internationalen Kontakte wo sie wollen.« Doch Schmidt hält dagegen: »Über den Schüleraustausch oder mit der Jugendmannschaft nach Frankreich, das prägt. Das ist nach wie vor wichtig.« (us)


Francoise Hönle: »Europa spielt Rechtsextremen in die Hand«

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Francoise Hönle (l.) ist Französin und lebt seit über vier Jahrzehnten in Mittelhessen. Si...

Die Präsidentschaftswahlen? »Jedes Mal, wenn ich zuletzt in Frankreich war, war davon die Rede«, sagt Françoise Hönle. Die Französin lebt seit über vier Jahrzehnten in Mittelhessen, war Vorsitzende des Kreisausländerbeirates. Seit vielen Jahren ist Hönle in Lich zu Hause. Aber sie hat auch einen Wohnsitz in Frankreich, in Lothringen. Dort wird sie am Sonntag zur Wahl gehen. Françoise Hönle ist ein politischer Mensch. Über die Entwicklungen in Frankreich hält sie sich stets auf dem Laufenden. Sie höre französisches Radio, lese französische Zeitungen und könne sich so ein differenziertes Bild machen, sagt sie. Bei dieser Präsidentschaftswahl stehe vieles auf dem Prüfstand, nicht nur die Haltung der Franzosen zu Europa.

Marine Le Pen, die Kandidatin des Front National, sei die Einzige, die nach dem Brexit-Vorbild einen Austritt Frankreichs aus der EU propagiere, sagt Hönle. »Die anderen wollen das nicht.« Aber unter den Kandidaten gebe es durchaus solche, die ein anderes Europa wollen. Das wünscht sich Hönle auch. Beim französischen Referendum über den Maastricht-Vertrag habe sie einst mit Nein gestimmt. »Dieses Europa wurde nicht für die Menschen gemacht, sondern für das Kapital«, sagt sie. Ihre Befürchtungen hätten sich leider bewahrheitet: Wer alle Lebensbereiche den Regeln des Markts unterwerfe, spiele den Rechtsextremen in die Hand. »Das habe ich damals schon gesagt. Und so ist es gekommen.« (us)

Thomas Rinn: »Jeder französische Politiker hat Affären«

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Thomas Rinn arbeitet für die Heuchelheimer Schunk Group. Er hat keine Angst vor der Wahl. ...

Neben seinem ganz persönlichen Blick auf die Frankreich-Wahl hat Thomas Rinn vor allem auch einen wirtschaftlichen. Der 57-Jährige ist Geschäftsbereichsleiter in der Heuchelheimer Schunk Group, arbeitete für das Unternehmen einige Jahre in Frankreich und pflegt weiter berufliche Kontakte zur »Grand Nation«. Etwaige Wahl-Konsequenzen wie etwa einen EU-Austritt oder die Abschaffung des Euro in Frankreich befürchtet er nicht: »Frankreich und Deutschland sind als Rückgrat von Europa zu sehr abhängig voneinander.«

Rinn kennt die Befindlichkeiten in Frankreich, verbrachte er doch 20 Jahre dort. In Bezug auf die Wahl sagt er, habe er gespaltene Gefühle: »Die Linken sind verkracht, insbesondere durch die Zeit mit Francois Hollande. Ich befürchte, dass der Front National mit Marie Le Pen im ersten Wahlgang die Mehrheit bekommt. Ich denke aber auch, dass es für die Stichwahl nicht reicht. Da hoffe ich auf die Vernunft der Franzosen.« Die Gründe für den Rechtsruck in Frankreich sieht Rinn in dem verlorenen ­Vertrauen in die Politiker. Diese seien sich alle ähnlich und kennen sich von den Elite-Schulen. Überhaupt sei die französische Gesellschaft gespalten: »Die Diskrepanzen zwischen Stadt und Land, Arm und Reich und den Minder­heiten mit der Oberschicht sind sehr groß. Es wurde verpasst, entsprechende Reformen auf den Weg zu bringen.« Genau deshalb sieht Rinn Chancen für Emmanuel Macron: »Wäre ich wahlberechtigt, würde ich ihn unterstützen, weil sein Programm als wirtschaftsliberal, sozialliberal und proeuropäisch eingeordnet wird.« Zudem habe er »keine Affären, wobei eigentlich jeder französische ­Politiker Affären hat.« Sollte ­dennoch Le Pen als Wahlsieger hervorgehen, würde sich für Rinn nichts ändern: »Ich werde meine Freunde in Frankreich weiterhin besuchen und werde weiterhin im Partnerschaftsverein aktiv sein.« (esa)


Burkhard Mraz: »Le Pen profitiert von Protestwählern«

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Burkhard Mraz (2. v. l.) ist vor 42 Jahren nach Frankreich ausgewandert. Er sagt über die ...

»Ja, es ist furchtbar. Keiner weiß so recht, was er wählen soll.« Auch Burkhard Mraz kann sich noch nicht entscheiden. Der Grünberger ist vor 42 Jahren nach Frankreich ausgewandert, seiner Frau Danielle wegen, die er über die Städtepartnerschaft mit Condom kennengelernt hatte.

Als junger Mann war »Laggo«, wie er in Grünberg genannt wird, bei den Jusos, sein Herz schlägt noch immer links. Nur: Die Partie Socialiste (PS) habe sich mit ihren Grabenkämpfen selbst aus dem Rennen geworfen, erzählt er im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen. Auch kann er die Forderung des PS-Kandidaten Benoît Hamon – laut Prognose vom 19. April, also vor dem Attentat in Paris, bei acht Prozent – nach einem bedingungslosen Grundeinkommen von 700 Euro nicht unterschreiben. Und Jean-Luc Mélenchon, Mitbegründer der Linkspartei und nach jüngsten Umfragen mit 19 Prozent auf Rang 4 hinter dem unabhängigen Kandidaten und Ex-Bankier Emmanuel Macron (23 Prozent), Marine Le Pen (22 Prozent) und dem Konservativen François Fillon (20 Prozent)? Der sei ja nicht schlecht, seine EU-Gegnerschaft aber macht ihn unwählbar für den 62-jährigen Mraz. Der hatte sich schon früh für die französische Staatsbürgerschaft entschieden; lieber wäre ihm der »Doppelpass« gewesen, doch war der nicht erlaubt. Erst recht unwählbar ist für den gelernten Elektromechaniker, der im Dorf Caussens nahe Condom Landwirt und Winzer wurde, Le Pen. Dass das Aufkommen der Gallionsfigur des Front National eine neue Welle der Politisierung in Frankreich bewirkt hätte, vermag der »Grimmicher Südfranzos« in seiner Umgebung nicht festzustellen. Zumal, anders als in Deutschland, nicht das erste Mal eine rechtslastige Partei relativ hohen Zuspruch in der Bevölkerung erziele. Für Mraz gibt es da Parallelen: »Das sind auch bei uns meistens Protestwähler.« Und dieses Potenzial sei westlich des Rheins noch größer. Nicht ganz ohne Grund: Fehler bei der Integration von Zuwanderern, in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik und ein viel schlechterer Ruf der Politiker, die sich nur die Taschen vollstopfen wollten, kämen da zusammen.

Trotz der hohen Zustimmungswerte für Le Pen: Einen Stimmungswandel hin zu einem Austritt aus der EU gibt es nach Wahrnehmung von Burkhard Mraz nicht. »Die Leute wissen: Wenn Europa auseinanderfällt, kriegen wir ganz andere Probleme. Und Trump und Putin lachen sich ins Fäustchen.« Der ehemalige Grünberger geht davon aus, dass die Prognosen zutreffen, dass Le Pen und Macron (»bei euch wäre der bei der FDP«) in die zweite Runde kommen. Dann werde er wohl für den alerten Liberalen stimmen. Dass der gewinnt, darin ist er sich mit Frankreichs Demoskopen sicher. (tb)



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