01. Oktober 2018, 13:00 Uhr

»Von oben«

Salzböden punktet als Ausflugsziel

Ein Vater des Grundgesetzes kam hierher, auch einige berühmte Kinderlieder sind in Salzböden entstanden. Der Lollarer Stadtteil hat sich eine enge Dorfgemeinschaft erhalten.
01. Oktober 2018, 13:00 Uhr
Etwa auf halber Strecke zwischen Gießen und Marburg liegt der Lollarer Stadtteil Salzböden. (Luftbild: Henß)

Von oben

In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.

Zum Dossier


Wenn Geologen über Salzböden sprechen, meinen sie Untergrund mit einem hohen Gehalt an Natriumsalzen. Wenn in Mittelhessen von Salzböden die Rede ist, geht es meist um ein beschauliches Dorf mit rund 1200 Einwohnern, etwa auf halber Strecke zwischen Gießen und Marburg gelegen. Gut möglich, dass der Ortsname sich ursprünglich von Salzwasserquellen im Salzbödetal ableitet, mit Gewissheit lässt sich das heute nicht mehr sagen.

 

Beliebt bei Radlern und Wanderern

Fest steht dagegen, dass Salzböden ein Anziehungspunkt für Menschen ist, die die idyllische Tallage zu schätzen wissen – und sei es auch nur für einen Kurztrip als Wanderer oder Radler. Das gilt vor allem für einen etwas abgelegen Teil im Nordwesten: die Schmelz. Einst wurde hier Eisenerz geschmolzen, heute ist das Areal ein beliebtes Ausflugsziel. Das Mühlengasthaus lockt mit feiner Gastronomie und ist weit über das Tal hinaus zur Marke geworden.

Auch in der Schönemühle werden kulinarische Leckereien gereicht. Die Kuchen und Torten halten manche für mit die besten, die es im Landkreis Gießen gibt. Nicht zuletzt ist das Schmelzer Hofgut, der Kronauer Hof, noch immer von Bedeutung, mittlerweile als Biohof samt Ferienwohnungen.

 

Gemeinschaft wird großgeschrieben

Einen anderen Teil des Ortes hat Salzböden dagegen nach dem Zweiten Weltkrieg an das Nachbardorf Odenhausen verkauft, wie Salzbödens Ortsvorsteherin Ursula Rolshausen berichtet: In der Neubausiedlung Röderheide fanden damals Vertriebene aus dem heutigen Ungarn eine neue Heimat. Zu Lollar und dem Landkreis Gießen gehört Salzböden seit 1972. Vor der Gebietsreform war es ein Teil des Kreises Wetzlar. 1975 feierte das Dorf sein 1200-jähriges Jubiläum.

Nicht nur die Schmelz, sondern auch der Ortskern von Salzböden verfügt noch über architektonische Zeugen der Vergangenheit. Dazu gehören die alte Kirche und der Dorfbrunnen, die »Gosse«.

Was Infrastruktur, Gewerbe und Einzelhandel betrifft, so geht es Salzböden wie anderen vergleichbar kleinen Dörfern auch: Die fetten Jahre sind vorbei. Doch Rolshausen nennt Beispiele, die auf ein noch immer reges Dorfleben verweisen: Die Kirmes hat sich gehalten, und auch weitere Veranstaltungen wie das Grillfest am Dorfplatz und die Feier zum 1. Mai zeigen, dass Salzböden vital ist. Dazu tragen zahlreiche Gruppen bei, etwa der Gesangverein, der Schützenverein und die Volkstanz- und Trachtengruppe.

Auch in pädagogischer Hinsicht wird in Salzböden Gemeinschaft groß geschrieben. An der Salzbödetalschule werden Grundschüler, auch aus dem Nachbardorf Odenhausen, in der ersten und zweiten Klasse jahrgangsübergreifend unterrichtet. Sie werden nicht zurückgestellt, und die Verweildauer in der »Stammgruppe« kann – je nach Schüler – unterschiedlich sein, von anderthalb bis zu drei Jahren. Eine weitere Besonderheit: Einschulungen sind in Salzböden zweimal pro Jahr möglich.

 

Zwei berühmte Salzbödener

Einige Kinderlieder, die deutschlandweit über Generationen hinweg zu prägenden Ohrwürmern geworden sind, haben ihren Ursprung ebenfalls hier. Sie stammen aus der Feder eines berühmten Musikers und Autors, der hier vor Jahrzehnten in eine Kommune einzog und sesshaft wurde: Mit Kinderlieder-Hits wie »Anne Kaffeekanne« hat Fredrik Vahle, in Salzböden als »Fritz« bekannt, viele Menschen erreicht. Inzwischen ist Vahle außerordentlicher Germanistik-Professor an der Uni Gießen, außerdem Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande – und seit 2007 Ehrenbürger der Stadt Lollar.

Und auch das Grundgesetz der Bundesrepublik wurzelt ein Stück weit im beschaulichen Salzböden. Einer der Väter der bundesdeutschen Verfassung wuchs hier auf und prägte den Ort: Ludwig Bodenbender war in den 1920ern, als Salzböden noch eine eigenständige Kommune und Deutschland schon einmal eine Republik war, erster sozialdemokratischer Bürgermeister des Ortes. Als 18-Jähriger hatte er dort auch den SPD-Ortsverband gegründet, wie seine Enkelin Ursula Rolshausen erläutert. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wurde der gelernte Bergmann abgesetzt, kehrte nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in das Amt zurück. Ab 1946 saß er im Hessischen Landtag und wurde in den »Parlamentarischen Rat« entsandt, der das Grundgesetz erarbeitete. Auch als Landesminister für Landwirtschaft und Forsten machte er sich verdient.

An den berühmten Sohn des Dorfes erinnert seit 2010 eine Tafel auf dem Dorfplatz, der seither auch Ludwig-Bodenbender-Platz heißt. Es ist ein Treffpunkt für die Dorfgemeinschaft – das hätte womöglich auch dem Salzbödener Grundgesetzvater gefallen.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Biohöfe
  • Fredrik Vahle
  • Geologen
  • Grundgesetz
  • Hessischer Landtag
  • Justus-Liebig-Universität Gießen
  • SPD-Ortsverbände
  • Salzböden
  • Sehenswürdigkeiten
  • Sozialdemokratie
  • Vertriebene
  • Volkstanz
  • Von oben
  • Zweiter Weltkrieg (1939-1945)
  • Lollar
  • Jonas Wissner
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos