26. Juli 2018, 22:11 Uhr

Riskanter Selbstfindungstrip

26. Juli 2018, 22:11 Uhr
Vogel

Als Christian Vogel im Mai 2015 zu einer einjährigen Motorradtour rund um die Erde startet, ahnt er kaum, dass daraus einmal eine zweistündige Dokumentation werden soll; der Entschluss reift erst während der Reise. Am Mittwoch stellte er »Egal was kommt« im ausverkauften Kino Traumstern vor. Ausgangspunkt der Weltumrundung durch die USA, Asien und Europa bildet Orlando. Von dort fährt er zunächst ins nördlichste Alaska und begegnet etwa Mike, dem Erfinder des Computer-Joysticks sowie einem Mann mit Marihuanaplantage. Zu beiden habe er noch heute Kontakt, wie er gegenüber dem Publikum äußerte.

Mit dem Flugzeug geht es weiter nach Asien. In Nordpakistan wäre er gern länger geblieben – das Gebirgspanorama beeindruckte ihn, zudem hätten die Menschen dort Vorurteile in ihm abgebaut. Als er in der Mongolei eine Panne hat, rettet ihn eine Nomadenfamilie in höchster Not. Es bleibt nicht bei diesem Zwischenfall: Bei einem Unfall in dem zentralasiatischen Staat bricht er sich zwei Rippen an. Noch Schlimmeres widerfährt ihm in Indien: Von jemandem die Vorfahrt genommen, zieht er sich eine Handgelenksfraktur zu und muss operiert werden.

Rückblickend kommentieren seine Freundin Miriam sowie seine Mutter das Geschehen. Deutlich wird, dass die Tour ohne familiären Rückhalt kaum möglich gewesen wäre. So unterstützen ihn die Eltern bei der teuren Motorradreparatur, schicken Ersatzteile nach Indien. Klar wird aber auch, in welch hohem Maße die Motorradfahrer eine große Gemeinde bilden, sich bereitwillig gegenseitig helfen. Immer wieder übernachtet Vogel bei Gleichgesinnten. Als zum Ende der Reise das Geld knapp wird, ermöglichen sie es ihm, das Ziel in Portugal doch noch zu erreichen.

Mit der Tour erfüllt sich der Protagonist einen Traum. Er unterbricht seine Tätigkeit als Fernsehjournalist; ungewiss, wann er seine große Liebe Miriam wiedersehen wird. Fast 55000 Kilometer legt er in den folgenden zwölf Monaten zurück. Bescheiden erscheinen für dieses Projekt die Gesamtkosten von rund 20 000 Euro.

Angesprochen auf die heikle Menschenrechtssituation in diversen Ländern, die er durchquerte, äußerte Vogel, es sei verstörend, sich vor Augen zu halten, als Deutscher privilegiert zu sein; die Thematik habe ihn sehr beschäftigt. Mit am meisten zu spüren bekommt er staatliche Willkür in China. Dort ist er tagelang vom Internet abgeschnitten und bekommt zwangsweise einen Reiseführer zugewiesen, der ihn überwachen soll.

Dem vor allem an technischen wie praktischen Dingen interessierten Licher Publikum merkte man an, dass viele Motorradfahrer darunter waren. Überrascht haben dürfte manche Zuschauer Vogels Erkenntnis, von den sechs Monaten Vorbereitungszeit sei ein Großteil eigentlich nicht nötig gewesen. Im Nachhinein habe sich herausgestellt, dass nicht alles organisiert werden müsse. Vogel betonte, die Reise habe ihn zufriedener gemacht.

Der Aspekt der Selbstfindung nimmt in dem Film breiten Raum ein: Vogel vermittelt eine genaue Vorstellung davon, wie er an persönliche Grenzen geht und Rückschläge verkraftet. Deutlich zum Vorschein tritt die Fernseherfahrung des Protagonisten. Fürs Kinoformat überzeugt die Doku nicht restlos; Vogel hätte stärker inhaltlich Akzente setzen, sich auf bestimmte Erlebnisse konzentrieren können. Gleichwohl hinterlässt »Egal was kommt« einen soliden Eindruck – weit mehr als die Landschafts- und Städteporträts fasziniert, wie Vogel auf der Reise durch die Bewährungsproben sich selbst besser zu verstehen lernt. (Fotos: jou, Verleih)

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