18. Oktober 2017, 05:00 Uhr

Immelmann-Denkmal

Pro und Kontra: Soll die Immelmann-Stele abgerissen werden?

Der Erinnerungsort fürs Sturzkampfgeschwader der Nazis an der Staufenberger Burg erhitzt kaum noch die Gemüter. Sollte das Denkmal abgerissen werden? Unsere Redakteure haben verschiedene Ansichten.
18. Oktober 2017, 05:00 Uhr
Das Immelmann-Denkmal in Staufenberg. (Foto: khn)
Völlig überdimensioniert und in der Wahl der Worte pathetisch und kitschig: »Opfermut überwindet den Tod«. In Gedenken an die »gefallenen Kameraden« des Sturzkampfgeschwaders 2 »Immelmann« hatte dessen Ehemaligenvereinigung 1964 von der Stadt Staufenberg die Erlaubnis erhalten, ein Denkmal aufzustellen.


Immelmann-Denkmal: Chronologie der Kontroverse in Staufenberg


Das Immelmann-Geschwader war aus Einheiten hervorgegangen, die im Auftrag Hitlers im spanischen Bürgerkrieg für den faschistischen Putschisten Franco gekämpft hatten. Später wurde das Geschwader im Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug gegen Polen und die Sowjetunion eingesetzt.

Erhalt 2000 beschlossen

Bis 1979 verliefen die Veteranentreffen am Denkmal ohne Zwischenfälle – bis erstmals der Stuka-Flieger und Propagandist faschistischer Organisationen, Oberst Hans-Ulrich Rudel, und mit ihm neonazistische Gruppen auftauchten. Es gab Zusammenstöße mit Linksradikalen und Proteste von Parteien und Gewerkschaften. Die Diskussionen zogen sich hin, bis die Stadtverordnetenversammlung in Staufenberg am 14. November 2000 den Erhalt beschloss.

Seit Beschluss nichts passiert

Nur: Passiert ist seit dem Beschluss des Parlaments im Jahr 2000 kaum etwas. Es gab Kontakt zu Schulen und Historikern von der Universität Gießen; dort beschäftigte sich ein Seminar mit einem didaktischen Konzepts für einen »außerschulischen Lernort Immelmann«. Das war’s.
Staufenbergs Bürgermeister Peter Gefeller ist gegen das Glorifizieren von »Wehrmachtshelden«. »Ich hätte überhaupt nichts dagegen, wenn diese ortsfremde Stele aus unserem wunderschönen Burgwald entfernt würde«, sagt er.

Soll das Denkmal erhalten werden? Unsere Redakteure Rüdiger Soßdorf und Kays Al-Khanak argumentieren:

PRO
- von Rüdiger Soßdorf

Es widerstrebt mir grundsätzlich, ein Denkmal abzureißen. Denn es hat eine Funktion, einen Zweck in einer Gesellschaft. Denkmäler sind Teil unserer Erinnerungskultur, können Menschen oder Ereignisse vor dem Vergessen bewahren. Ein Denkmal   kann zum Nach-Denken anregen. Es kann eine kritische Auseinandersetzung provozieren. Oder es kann etwas symbolisieren. Wobei der einem Denkmal innewohnende Symbolwert zu hinterfragen ist.

Das ist legitim und wird immer wieder praktiziert: Beispielsweise vor einer Generation im Osten Europas bei den ganzen Heerscharen von Lenins, Thälmanns, etc., die zu Zeiten des real existierenden Sozialismus die Stadtparks und Plätze bevölkerten. Die wenigsten sind geblieben… Die dem Denkmal zugrunde liegenden Werte sind auch in Staufenberg unbedingt erneut auf den Prüfstand zu stellen. Wobei klar ist, dass ein Wertekanon Spiegel einer Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit ist – und damit stetem Wandel unterworfen.

Aber zurück zu den eingangs skizzierten Aufgaben, die ein Denkmal haben kann: Werden diese nicht erfüllt und man kommt zum Befund, dass das Monument sinn-frei (geworden) ist – dann darf es auch in Frage gestellt werden.
Wie sagte der Heuchelheimer Sozialdemokrat Benjamin-Sebastian Unverricht vor zwei Jahren in der Debatte um ganz andere Erinnerungs-Elemente, nämlich die Stolpersteine: »Es darf nicht dabei bleiben (...) Mahnmale zu setzen. Weder Steine noch Stelen werden unsere Demokratie verteidigen. Es ist die Aufgabe eines jeden Einzelnen von uns, unsere freiheitliche Grundordnung in Worten und Taten zu leben.«


KONTRA - von Kays Al-Khanak

Ich habe grundsätzlich kein Problem damit, wenn ein Denkmal abgerissen wird – wenn dieser Schritt wohl überlegt und auch öffentlich diskutiert wird. Geschehen ist das oft genug: Die Beseitigung von NS-Symbolen an öffentlichen Plätzen ist wegen des Selbstverständnisses der Bundesrepublik selbstverständlich. Kollege Rüdiger Soßdorf nennt außerdem die vielen Lenins, die fielen. Aber unsere Demokratie lebt von der öffentlichen Auseinandersetzung. Manchmal kann es ganz gut sein, wenn wir an eine Zeit erinnert werden, an die manche nicht mehr erinnert werden wollen.

Nur: Dazu müsste am Denkmal aktiv Erinnerungskultur betrieben werden. Das Immelmann-Denkmal in Staufenberg heroisiert Krieg und Gewalt. In den Kontext eingebettet wird diese Botschaft nicht, und das ist problematisch.
Was es vor Ort braucht, ist zuerst einmal eine engagierte Gruppe von Menschen, die sich dem Thema widmen. Es braucht Infotafeln, die nicht nur das Denkmal in den Kontext seiner Geschichte stellt, sondern auch die Vergangenheit des Ortes als jüdischer Friedhof und Schauplatz antisemitischer Hetze.

Volker Hess ist uneingeschränkt zuzustimmen, dass hier die ganze Ambivalenz deutscher Geschichte an einem Ort gezeigt werden kann – in direkter Nachbarschaft zur Burg. Gerade deshalb wäre dieser Platz für Schüler und Studierende ideal. An so einem gepflegten Erinnerungsort könnten sie lebendigen Unterricht erleben, könnten das Für und Wider von Gedenken und Denkmälern diskutieren. Damit wir uns weiter damit auseinandersetzen, was manche vergessen wollen.

 

Hisotriker Volker Hess

Denkmal als Mahnmal erhalten

Vor allem der Staufenberger Historiker Volker Hess hatte sich darum bemüht, das Denkmal zu erhalten. Seine Idee: Ein Erinnerungsort, der Krieg und Gewalt verherrlicht, könnte zu einem Mahnmal für die Nachgeborenen und zum Gedenken der Opfer werden. Denn die Stele steht auf einem ehemaligen Friedhof der jüdischen Gemeinde Staufenberg-Kirchberg-Lollar. Ab dem 15. Jahrhundert begruben die Gläubigen dort ihre Toten. Im Zuge antisemitischer Ausschreitungen um die Jahrhundertwende wurde der Friedhof geschändet und beseitigt. In der Folge diente das Gelände als Steinbruch. Eingebettet in den räumlichen und geschichtlichen Kontext gebe es hier eine in der Region einzigartige Chance, deutsche Geschichte in all ihrer Ambivalenz deutlich zu machen, sagt Hess. (khn)

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