04. Oktober 2018, 11:29 Uhr

Bürgermeisterwahl

Plötzlich Kandidatin: Sabrina Zeaiter will Bürgermeisterin in Langgöns werden

Sabrina Zeaiter hatte noch vor einem Jahr nichts mit Langgöns zu tun. Nun will sie Bürgermeisterin werden. Ein schwerer Schicksalsschlag führte dazu. Was hat sie in Langgöns vor? Mit Video.
04. Oktober 2018, 11:29 Uhr
Sabrina Zeaiter (Foto: Henß,Schaal/MDV-Grafik: N. Becker)

Noch vor einem Jahr kannte Sabrina Zeaiter gerade mal einen Langgönser. Die 37 Jahre alte Wetzlarerin lacht. »Willi Eimer«, sagt sie. Auf dessen Schrottplatz habe sie sich vor knapp 20 Jahren bisweilen Autoteile geholt. Ansonsten hatte sie mit Langgöns bislang wenig zu tun. Nun will Zeaiter die erste Bürgermeisterin der Gemeinde werden. Am 28. Oktober stellt sich die SPD-Kandidatin rund 9000 Langgönser Stimmberechtigten zur Wahl.

Im Mai zauberte die SPD Zeaiter aus dem Hut. In einer Situation, als der Ortsverband am Boden lag. Kurz zuvor war die ursprüngliche SPD-Kandidatin Anja Asmussen aufgrund einer Krebserkrankung ausgefallen. Im Sinne der Demokratie entschieden die Genossen dann doch, im Bürgermeisterrennen zu bleiben – mit einer frischen, in Langgöns unbelasteten Kandidatin: Sabrina Zeaiter.

Wie ich meinen Charakter beschreiben würde? Ich bin das Gegenteil von still

Sabrina Zeaiter

Landrätin Anita Schneider hatte die 37-Jährige vorgeschlagen, kannte sie aus einem Mentorenprogramm der Landes-SPD. Kurz hat sich Zeaiter anfangs mit Asmussen ausgetauscht, lässt sie nun im Wahlkampf allerdings in Ruhe. »Sie soll gesund werden«, sagt Zeaiter. »Wenn ich ihre Gesundheit gegen das Amt eintauschen könnte, würde ich es sofort machen.«

Ein Treffen vor dem Rathaus mit der Kandidatin: Zeaiter spricht mit heller Stimme, bisweilen in rasantem Tempo. Auf die Frage, wie sie ihren Charakter beschreiben würde, antwortet sie: »Sehr energiegeladen. Temperamentvoll. Das Gegenteil von still.« Kurz hält sie inne, dann fügt sie hinzu: »Der Begriff ›laut‹ ist so negativ behaftet.« Im Wahlkampf höre sie hin und wieder den Spruch, sie sei für das Bürgermeisteramt zu jung. »Dabei bin ich älter als mein Gegenkandidat.«

 

In Berlin aufgewachsen

Zeaiter ist 1981 in Berlin-Kreuzberg zur Welt gekommen, wuchs im Wedding auf, mit ihrer Mutter und zwei Schwestern. Die Mutter ist noch heute Fabrikarbeiterin, der Vater spielte nie eine große Rolle in ihrem Leben. »Ich bin ein Arbeiterkind«, hält sie fest. In ihrem heutigen Beruf musste sie sich daher in besonderer Weise durchbeißen. Die Sprachwissenschaftlerin arbeitet an der Marburger Universität am Institut für Anglistik und Amerikanistik sowie in der Uni-Verwaltung. »Das akademische Deutsch war am Anfang sehr einschüchternd «, sagt sie. Doch inzwischen fühle sie sich auch in dieser Welt wohl.

Im Frühjahr war Zeaiter dann plötzlich Bürgermeisterkandidatin in Langgöns. »Ich mache nicht Politik, weil ich eine politische Karriere anstrebe«, betont sie. Die Kandidatur in Langgöns habe sie sich durchaus ausgesucht. »Ich habe mir Zeit erbeten und mich gefragt, ob ich das überhaupt will.« Sie sei zunächst durch die Langgönser Ortsteile gefahren. »Es ist ähnlich wie Hermannstein «, stellte sie fest. »Viel Natur. Und eine Infrastruktur, in der man alles findet, was man zum Leben braucht.« Sie habe sich gefragt: »Könnte ich mir vorstellen, hier zu leben?« Sie antwortete mit Ja – und ging ins Rennen um das Bürgermeisteramt. Ihre Ziele hat sie auf mehreren Rundgängen durch Langgöns und auf Diskussionsabenden vorgestellt.

Wenn ich Anja Asmussens Gesundheit gegen das Amt der Bürgermeisterin eintauschen könnte, würde ich das sofort machen

Sabrina Zeaiter

Zeaiter will bezahlbaren Wohnraum. Sie steht für gebührenfreie ganztägige Kitas
auch für Kinder unter drei Jahren. Sie spricht sich gegen eine Erhöhung der Grundsteuer B aus und fordert den Wegfall der Straßenbeiträge. Sie wolle auch die Gemeinschaft der Ortsteile stärken, hält sie fest, möglicherweise durch gemeinsame Feste. »Gefühlt ist da noch zu häufig ein Gegen einander.« Dies sei zwar nicht ihr zentrales Ziel. »Aber für das Herz wäre das etwas, wenn ich helfen könnte.« Seit 61 Jahren stellt die SPD den Bürgermeister in Langgöns. Zeaiter wäre die erste Bürgermeisterin.

Auf Zeaiters Plakaten steht in großen Lettern der Slogan: »Kompetenz entscheidet«. In lokaler Kompetenz allerdings dürfte Gegenkandidat Marius Reusch – als Oberkleener von Geburt an – die Nase vorn haben. »Ich glaube nicht, dass das ein so großer Vorteil ist«, entgegnet Zeaiter. »Ich habe keine Seilschaften«, sagt sie. »Mit mir würde Tabula rasa einziehen, ich begegne jedem offen.« Dann sagt die Kandidatin einen Satz, der gleichsam entwaffnend ehrlich und amüsant ist, der ihr im Wahlkampf auf dem Lande allerdings schaden könnte. Sie sei naturverbunden, sagt die Kandidatin – »auch wenn ich als kleines Mädchen in Berlin für kurze Zeit gedacht habe, Kühe wären lila«.

+++Lesen Sie auch: Acht Fragen an Sabrina Zeaiter+++

 

Erfahrung mit Verwaltung und Lokalpolitik

Erfahrungen hat Zeaiter in der Marburger Uni-Verwaltung und als Lokalpolitikerin gesammelt. In Wetzlar, wo sie seit 22 Jahren lebt, ist sie Kreistagsabgeordnete, sitzt im Stadtparlament, zudem ist sie Mitglied des Ortsbeirats in Hermannstein. Ihre Stärke sieht Zeaiter außerdem im Kommunizieren, im Kontakt mit den Bürgern. »Ich bin Sprachwissenschaftlerin«, sagt sie. »Kommunikation ist mein täglich Brot.«

Zudem kenne sie die Sorgen und Nöte von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, durch eine Vielzahl an Jobs und Tätigkeiten. »Ich habe in einem Praktikum monatelang in einer Kita  von morgens bis abends geschuftet. Ich kenne die Abläufe in Kindergärten.« Sie habe neben dem Studium unter anderem in einer Bäckerei, in einem Kino und in einer Papierfabrik gearbeitet. Für einen Moment beugt sie sich sitzend nach vorne, stützt ihre Arme auf den Oberschenkeln ab – und erklärt: »Arbeiten ist ein massiver Teil meines Lebens.«

Info

Hochzeit verschoben

Mit der Bürgermeisterwahl in Langgöns am 28. Oktober entscheidet sich auch Sabrina Zeaiters Hochzeitstermin. Eigentlich wollte sie ihren langjährigen Partner Christopher Bursukis bereits diesen Sommer heiraten. Durch die Kandidatur aber fiel der Termin ins Wasser. Sollte sie die Wahl gewinnen, geben sie sich im Frühling kurz vor Amtsantritt das Jawort. Sollte sie verlieren, wird im Sommer geheiratet.

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