03. Januar 2018, 13:00 Uhr

Disko-Serie

Planter’s Club in Grünberg: Warten auf die nächste Foxtrott-Runde

1968 bringt ein Wetzlarer Schwung in das Grünberger Nachtleben. Mitten in der Altstadt eröffnet er eine Disko: den "Planter's Club". So manche Gäste warteten nur auf die Foxtrott-Runde – und verschwanden.
03. Januar 2018, 13:00 Uhr
Saturday Night Fever im »Planter’s Club« in Grünberg – eine Aufnahme aus dem Jahr 1987. (Fotos: pm)

Disko

In den 70er und 80er boomten Diskotheken. Viele der legendären Tanztempel gibt es längst nicht mehr. In unserer Serie »Saturday Night Fever« öffnen wir noch einmal die Türen.

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Die Geschichte des Planter’s beginnt ums Jahr 1968, als Peter Lederer die Räume in der Judengasse in Grünberg pachtete und sein Lokal eröffnete. Zunächst unter dem Namen »Old Forester« und eher rustikal eingerichtet. Wie von Gästen der ersten Stunde berichtet wird, gehörten alte Wagenräder, Fässer und Apfelsinenkisten zur Ausstattung. Ein Foto aus dieser Zeit zeigt die Theke mit groben Schalbrettern verkleidet. In den Regalen stand das damals übliche Spirituosensortiment – von Jim Beam bis Asbach Uralt.

Lederer stammt aus Wetzlar, gemeinsam mit seiner ersten Ehefrau Margret brachte er Schwung in das Nachtleben der Gallusstadt. Margret starb drei Jahre später, gerade mal 23 Jahre jung, an einer schweren Krankheit.

Sie tanzten nur eine Stunde

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»Laaang, laaang, schnell-schnell, laaang, laaang, schnell-schnell«: Foxtrott zählte zu den...

In den 1970ern wurde modernisiert. »Old Forester« war Vergangenheit, »St.Claire« hieß nun der Tanztempel. Für die passende Musik sorgten Discjockeys, mit festen Dienstzeiten. Mittwochs und sonntags aufgelegt hat Jörg-Peter Schmidt. Schon immer ein Musikkenner und -liebhaber, erst recht was Blues, Soul und Rock betrifft. Schmidt hat schöne Erinnerungen an diese Zeit, zumal damals so manche Freundschaft begründet wurde, die bis zum heutigen Tage Bestand hat. Lederer hatte ihm anfangs die nötigen Tipps gegeben. Einer davon: »Den Rhythmus halten! Legst du eine Scheibe auf, auf die die Gäste im 4/4-Takt Foxtrott tanzen können, dann bleib erst mal dabei!«

Im »St. Claire«, und nicht nur da, liefen zu dieser Zeit die Hits von ABBA oder Boney M. rauf und runter. Bestens geeignet für den Tanz mit der Schrittfolge »Laaang, laaang, schnell-schnell ...« Der einstige DJ erinnert sich: »Es gab da eine Gruppe, die wartete nur darauf, dass die Foxtrott-Runde kam«. Sie tanzten nur eine Stunde – und verschwanden. Bis zum nächsten Abend.

Musikwünsche, mal mehr, mal weniger nachdrücklich erbeten, wurden auch in dieser »Disse« erfüllt. Jedoch seien, so die überraschende Antwort Schmidts, am späteren Abend keineswegs nur Schmuse-Songs angesagt gewesen. Von wegen immer Barry White, jetzt kamen auch mal harte Gitarrenriffs und satte Bässe zu Ehren. Auswahl gab’s genug, der Diskjockey war Herr über zwei Plattenteller und rund 1000 Singles und LPs.

Freilich stand diese Lokalität nicht für die ganz so harten Sachen. Wer auf Metal oder den damals aufkommenden Punk stand, war hier falsch. Die frühen Genesis gehörten dagegen zur richtigen Musikfarbe, auch Stones, Mamas & Papas.

 

Brand Ende der 1970er

Sonntags, wenn weniger los war, konnte Schmidt seinem Faible frönen und selten gespielte B-Seiten spielen. So verhalf er manchem Gast zu einer Entdeckung: Wer hätte denn gedacht, dass Boney M. neben »Daddy Cool« und »Rivers of Babylon« auch Bob Marleys »No woman no cry« im Repertoire hatte. Selbst Sonderwünsche kamen zum Zuge, »auch mal Zappa«. Der aber wohl eher zu ziemlich fortgeschrittener Stunde.



Ein jähes Ende fand das St. Claire dann in einer Freitagnacht des Jahres 1979: Ein Schwelbrand zerstörte die Einrichtung komplett. Doch Lederer wagte den Neuanfang, renovierte mit vielen eigenen Ideen. Unter dem neuen Namen wartete das »Planter’s« jetzt mit einer exklusiven Club-Atmosphäre auf, mit Holzvertäfelungen aus Mahagoni an den Wänden, plüschigen Sitzecken, einer stilgerechten Bar.

In der Szene bekannte DJs wie Heiko Stehr und »Happy Tom« alias Thomas Pfeiff, später Wirt des »White Elephant« in Gießen, legten auf. Auch Achim Fernow (†), der älteren Partygängern aus dem Troher »Atlantis« bekannt sein dürfte. Das »Planter’s« stand ebenso für Live-Events, etwa Modenschauen und Konzerte. Das Highlight war hier sicher der Auftritt von Jennifer Rush 1984.

 

Modenschauen und Konzerte

Passend zur Einrichtung stand Grünbergs Tanztempel Nr. 1 für ein eher gediegenes Publikum. Da hatte nicht jeder Zutritt. »An der Tür gab es ein Guckloch«, berichten Gäste aus dieser Zeit, »dahinter stand der Peter«. Später erfolgte die Eingangskontrolle per Kamera. Ein Grund wohl auch: Die damals übliche Sperrzeit von 1 Uhr wurde hier schon mal »ausgesetzt«.

1992 jedoch kehrten Peter Lederer und seine zweite Frau Helga Grünberg den Rücken, übergaben das Lokal einem neuen Pächter, der freilich nach nur wenigen Jahren wieder zusperrte – die Geschichte des »Planter’s« war damit endgültig zu Ende.

74 Jahre ist der einstige Chef des kultigen Tanztempels heute alt, er lässt es längst ruhiger angehen als in den schönen, doch gewiss auch stressigen Planter’s-Zeiten. Mit seiner Ehefrau Helga führt er ein Hotel in Hameln, und gemeinsam frönen sie ihrem Hobby, dem Reisen.

Info

Jennifer Rush – in Nonnenroth vermisst, in Grünberg gefeiert

Wie es der Zufall so will: Im ersten Teil unserer Disco-Serie spielte Jennifer Rush bereits eine Rolle. Und jetzt noch einmal. Doch anders als im Nonnenröther »Skyline« wurde es was mit dem Konzert im Grünberger »Planter’s«. 1984 war das. Allerdings hatte die Sängerin und Tänzerin da noch nicht den Zenit ihrer Karriere erreicht, dürfte ihre Gage noch bezahlbar gewesen sein. Der Kritiker der Gießener Allgemeinen musste dann auch im Gespräch mit dem Popstar in spe gestehen: »Entschuldigung, ich kenne von Ihnen noch nichts.« Damit stand er ziemlich allein, war doch der Saal gerammelt voll.

Rush hatte 1984 mit Titeln wie »Ring of Ice« erste Platzierungen in der Hitparade, war auch in TV-Sendungen wie »Musikladen« präsent. Der große Durchbruch aber folgte erst später, als sie mit »Destiny« einen Welthit landete. Die 24-Jährige begeisterte das Grünberger Publikum, »es wollte sie gar nicht mehr von der Bühne lassen«. Und sie begeisterte auch den GAZ-Kritiker (js), der noch heute von ihrer Stimme und Ausstrahlung schwärmt.

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