Kreis Gießen

Plädoyer für Menschlichkeit

. – Wie schon vor fünf Jahren vermochte das Duo 2Flügel das Publikum im Rahmen der Licher Kulturtage erneut nachhaltig zu beeindrucken. Auf Einladung der Christusgemeinde entführten Christina Brudereck (Lesung) und Ben Seipel (Klavier) am Freitagabend die Hörer in der voll besetzten Pauluskirche in die Welt des Kinos. Beobachtungen und Gedanken, Instrumentalstücke und Songs fügten sich zu einem großen Ganzen. Das Thema des Programms schien geschickt gewählt, kann doch fast jeder mitreden, wenn es ums Kino geht und verbindet damit prägende Erlebnisse. So gab das Duo den Besuchern ausgiebig Gelegenheit, in Erinnerungen zu schwelgen.
18. März 2018, 19:12 Uhr
Sascha Jouini
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Christina Brudereck und Ben Seipel nehmen den Beifall entgegen. (Foto: jou)

. – Wie schon vor fünf Jahren vermochte das Duo 2Flügel das Publikum im Rahmen der Licher Kulturtage erneut nachhaltig zu beeindrucken. Auf Einladung der Christusgemeinde entführten Christina Brudereck (Lesung) und Ben Seipel (Klavier) am Freitagabend die Hörer in der voll besetzten Pauluskirche in die Welt des Kinos. Beobachtungen und Gedanken, Instrumentalstücke und Songs fügten sich zu einem großen Ganzen. Das Thema des Programms schien geschickt gewählt, kann doch fast jeder mitreden, wenn es ums Kino geht und verbindet damit prägende Erlebnisse. So gab das Duo den Besuchern ausgiebig Gelegenheit, in Erinnerungen zu schwelgen.

Zudem bot die Kunst bewegter Bilder Gelegenheit, gesellschaftlich relevante Themen zu beleuchten. So ging Brudereck gängigen Klischees über Männer- und Frauenfilme auf den Grund. Angesichts unterschiedlicher Vorlieben müssten beide Geschlechter nicht unbedingt zusammen ins Kino gehen, lautete ihr Schluss. Tiefschürfender muteten ihre Reflexionen über Roman Polanskis auf wahren Begebenheiten basierenden Film »Der Pianist« (2002) an, in dem einem jüdischen Mann im Warschauer Getto die musikalische Ader davor bewahrt, von den Nationalsozialisten ermordet zu werden. Den Film habe sie als wohl einzige Deutsche im Kino auf Malta gesehen und sei sich dort ziemlich allein vorgekommen.

Getragen von christlicher Zuversicht, warb das Duo für Menschlichkeit und Nächstenliebe. Vielen Besuchern dürfte vor allem die emotionale Wärme der Künstler im Gedächtnis bleiben. Die zeigte Seipel nicht allein in seinem Klavierspiel, vielmehr auch durch seine ausdrucksvolle Stimme, so gleich zu Beginn beim Song »In diesem Moment«. Mit kernigem Klang interpretierte er ein Instrumentalstück aus dem Film »Der Himmel über Berlin« und erweiterte hier mittels Manipulation des Flügelinneren gekonnt das musikalische Spektrum.

Seipel erwies sich als Meister diverser Genres bis hin zum Gospel. 14 Hits der 1980er Jahre fasste er virtuos in Kurzform zusammen. Überhaupt nahmen Potpourris wie fantasievolle Improvisationen breiten Raum ein. Eine besondere Stärke des Pianisten lag darin, Erkennungsmelodien prägnant anzuspielen – von »James Bond« bis »Miss Marple«. Den musikalischen Höhepunkt markierte seine leidenschaftliche Interpretation des Billy-Joel-Songs »Piano man«.

Mitunter untermalte der Tastenzauberer stimmungsvoll die Wortbeiträge seiner Duopartnerin und hob so starre Grenzen zwischen Lesung und Konzert auf. Brudereck erinnerte vornehmlich an Menschen mit Zivilcourage wie die Geschwister Scholl, die von den Nazis kaltblütig hingerichtet wurden. In dieses dunkle deutsche Kapitel führte auch der Film »Comedian Harmonists«.

Bis zum Schluss lauschten die Hörer dem Duo gebannt und spendeten kräftigen Beifall. Sascha Jouini

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/Kreis-Giessen-Plaedoyer-fuer-Menschlichkeit;art457,405147

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