08. September 2017, 20:41 Uhr

Musical

Pinke Pumps statt blinkende Skates

Was als kleines Chorprojekt begann, hat mittlerweile richtig große Ausmaße angenommen. Der Jugendchor Treis ist beim Aufführen seiner Musicals so professionell, dass das scheinbar selbst den Profis unheimlich wird. Nächsten Monat zeigt der Chor das Musical »Natürlich blond«.
08. September 2017, 20:41 Uhr
Voller Einsatz bei den Proben im Gemeindehaus Treis. (Foto: khn)

Dass der Jugendchor der evangelischen Kirche in Treis gut ist, beweisen sie jedes Jahr; ihre Musicalaufführungen im Staufenberger Stadtteil und in Annerod: immer ausverkauft. Dass die Gruppe aber so gut ist, dass die Bochumer Crew von »Starlight Express« eine Aufführung »ihres« Musicals in Treis verhindert, ist ein starkes Stück. »Die Rechte aus Wiesbaden und London waren bereits erteilt«, sagt Daniela Werner, Dekanatskantorin und Leiterin des Jugenchores. Doch die Bochumer hätten den Treisern einen Strich durch die Rechnung gemacht und alle Genehmigungen für Laienaufführungen von »Starlight Express« aussetzen lassen. Die Profis fürchteten, es käme weniger Publikum zu ihnen. »Skurril«, sagt Werner und lacht. Mund abgeputzt, weitergemacht: Wenig später präsentierte sie ihren Sängern zwischen zwölf und 30 Jahren ein neues Stück: »Natürlich blond«. Ohne Rollschuhe und blinkende Lichter, dafür mit ganz viel Pink und Pumps.

Dass der Jugenchor derart professionell agiert, hatte anfangs keiner geplant. 2006 übten gerade einmal sechs junge Frauen englischsprachige Gospels ein und traten beim Sommerfestival der Kirche in Treis und bei Gottesdiensten auf. Zwei Jahre später reifte der Entschluss, ein Musicalprojekt auf die Beine zu stellen. Die Gruppe um Werner suchte Mitstreiter – und die kamen zahlreich. 2009 gaben 40 Jugendliche vier Konzerte mit »Der König der Löwen«, 2010 dann »Aida« von Elton John. Die Zuschauer waren begeistert. Weitere Aufführungen folgten, die Inszenierungen wurden immer professioneller: »Jesus Christ Superstar« von Andre Loyd Webber in 2012, ein Jahr später »Die zehn Gebote« und 2015 dann Disney’s »Die Schöne und das Biest«. Im vergangenen Jahr zeigte der Jugenchor ein Best-of aus diversen Musicals.

In diesem Jahr also »Natürlich blond«, die Geschichte einer Blondine, die sich in Havard durchsetzt und es allen zeigt. »Wir dachten zuerst, das ist ja kitschig«, sagt Marian Moldenhauer, einer der 46 Mitglieder des Chores. »Aber wenn man sich mehr damit beschäftigt, dann macht es richtig Spaß.« Werner betont, das Stück werfe mit Klischees nur so um sich – aber bewusst, um diese später aufzubrechen.

Im Oktober 2016 starteten die Proben zu den sechsstimmigen Stücken. Die Solorollen wurden verteilt – was gar nicht so einfach war. Denn die sind so zahlreich, dass manche Darsteller zwei Rollen übernehmen müssen. Die Live-Band wurde zusammengestellt, die Technik gebucht und die Kostüme von Anni Hillgärtner entworfen. Herbert Becker und Peter Moldenhauer zeichnen sich für die Kulisse verantwortlich, und Sabine Moldenhauer koordiniert alles. Inga Jung und Lenke Roth unterstützen Werner. Die ist froh, auf so viel ehrenamtliche Hilfe zurückgreifen zu können. Aber auch für die Unterstützung des Kirchenvorstands: »Das ist ein finanzielles Engagement im nicht niedrigen fünfstelligen Bereich« – und keine Selbstverständlichkeit.

Im April ging es zum ersten Musicalcamp auf den Flensunger Hof. Hier probte die Gruppe Gesang und Schauspiel. Rolf Bernhardt arbeitete mit den Solisten, es bildeten sich Teams, die sich um Kostümideen, Choreografien, das Programmheft und Werbung Gedanken machten. Bereits hier schafften es die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, das Musical einmal komplett durchzuspielen. »So weit waren wir noch nie«, sagt Werner. Warum es so gut klappt? »Wir nehmen von Aufführung zu Aufführung immer mehr mit, werden professioneller«, sagt Marian Moldenhauer.

Nach einem zweiten Musicalcamp im Gemeindehaus in Treis, dem Bau der Kulissen und der Requisiten und den getrennten Proben von Solosängern, Chor und Schauspielern gehen die Mitglieder des Jugenchores auf die Zielgerade: Am 13. Oktober feiert ihr Musical in der Sport- und Kulturhalle in Treis Premiere. Die Gruppe ist eng zusammengewachsen. Die neuen Mitglieder fühlen sich zugehörig, werden von den »alten Hasen« mit- und aufgenommen. »Wir haben alle ein Ziel«, sagt Marian Moldenhauer, »der Chor führt alle zusammen.« Da sei es egal, was jemand in seiner Freizeit mache oder wie groß der Altersunterschied sei. »Das Miteinander ist ein Phänomen«, sagt Werner, »das gibt es in solchen gemischten Altersgruppen nicht so häufig.« Gerade dieser Zusammenhalt, der Respekt und die Freundschaft seien für sie geistliche Werte und stünden im Mittelpunkt des Musicalsprojekts – egal, ob der Titel des Stücks auf der Bibel oder auf einer Komödie basiert.

Trat der Jugenchor bisher immer in Treis und im Fernwälder Ortsteil Annerod auf, wird er in diesem Jahr sechs Mal nur im Staufenberger Stadtteil gastieren. Der logistische Aufwand mit Auf- und Abbau sei auf Dauer nicht zu stemmen, sagt Werner. Nun hat der Chor die Treiser Sport- und Kulturhalle für zwei Wochen geblockt, kann in Ruhe aufbauen und auf der Bühne proben. Ob’s da nicht Knatsch mit den anderen Vereinen gibt? Nicht in Treis: Einige Sportler wie die aus einer Yoga-Gruppe weichen ins Treiser Gemeindehaus aus, andere verzichten für zwei Wochen auf ihr Training. Und für die Turner, die sich auf eine Meisterschaft vorbereiten, wird die Bestuhlung für die Zuschauer vorübergehend weggeschoben.

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