Kreis Gießen

Othmar Wirth aus Villingen: Der stille Hirte

Kein Computer, kein Urlaub, aber meistens in tierischer Gesellschaft: Othmar Wirth hütet hunderte Schafe, Tag für Tag. Ein Besuch bei einem Schäfer, der gern seine Ruhe hat.
29. Dezember 2018, 09:00 Uhr
Jonas Wissner
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Trüber Arbeitsplatz: Schäfer Othmar Wirth mit seiner Herde bei Queckborn. (Foto: jwr)

Dichter Nebel liegt über der Kreisstraße bei Queckborn und der Weide daneben. Die Schafe sind still, kein »Mää« zu hören. Nur das leise Klingeln der Glöckchen, die die wenigen Ziegen um den Hals tragen, verrät, wo genau die Herde grast.

Othmar Wirth – 62 Jahre alt, im Schäfergewand und mit einem Stock in der Hand – steht stoisch wie ein Baum auf weiter Flur, umringt von gut 500 Schafen. Wirth hat sie nicht einzeln benannt – wer könnte sich schon 500 Namen merken?

Den Überblick behält er trotzdem, weiß einzuschätzen, wie es seinen vierbeinigen Schützlingen geht. Er zeigt auf ein Schaf. »Das muss bald rein, es frisst kaum, ist nicht fit«, sagt er. »Sowas sieht man, man kennt die.« Wirth hat die Herde im Griff. Nur selten setzt kollektives Blöken ein, »immer, wenn es Durcheinander gibt«.

 

Schon der Urgroßvater war Schäfer

Wie man Schafe hütet, weiß der Hirte von Kindesbeinen an. Bereits als kleiner Junge half er auf der Weide aus. Wirth stammt aus einer Schäfer-Dynastie, schon sein Urgroßvater machte diesen Job. Und die Tradition lebt fort: Gemeinsam mit seinem Sohn führt Wirth, der auch Metzgermeister ist, die Herde und nebenher den heimischen Schlachtbetrieb. »Solange die Knochen noch mitmachen«, will Wirth Senior weitermachen.

Häufig hat der Schäfer Besuch auf der Weide, vor allem von älteren Herren, die teils Erfahrung mit Viehwirtschaft haben. Er höre dann geduldig zu und sage wenig, erzählt Wirth. Der Mann ist kein Freund vieler Worte.

Draußen sein und Ruhe haben, das gefällt dem Villinger an seinem mittlerweile selten gewordenen Beruf. Dass dieser Job auch hart und entbehrungsreich ist, wird allzu leicht vergessen. Was, wenn Wirth mal Urlaub nehmen will oder krank ist? Der Schäfer lächelt verschmitzt. »Gibt’s nicht.«

Auch über Weihnachten musste er für seine Vierbeiner da sein, Schafe kennen keine Feiertage. »An Heiligabend hatte ich abends zweieinhalb Stunden frei, dann musste ich wieder in den Stall«, sagt Wirth.

Silvester wird für ihn ein ganz normaler Tag, dann sucht er sich meist einen Weideplatz in einer Senke, damit die Schafe um Mitternacht von der Knallerei möglichst wenig gestört werden. Auch bei Sturm und Gewitter leistet er dem Vieh Gesellschaft, notfalls setzt er sich in seinen Geländewagen.

 

Perspektiven in der Region nicht günstig

In den vergangenen Jahren haben, seinem Eindruck nach, wieder etwas mehr junge Leute den Schäferberuf ergriffen. Doch die Perspektiven in der Region seien nicht allzu günstig, es mangle auch an Flächen. Und viele stiegen bald wieder aus. »Die denken: ›Acht Stunden am Tag, Freitagmittag bin ich fertig‹ – das geht nicht«, sagt Wirth, während ein Häuflein Asche von seiner Zigarette auf den wärmenden Umhang rieselt.

Eigentlich wollte Wirth seit Monaten in Allendorf sein, eine seiner regelmäßigen Stationen im Jahr. Doch der Zeitplan geriet durcheinander, denn nach dem trockenen Sommer ist sattes Grün rar. Ist eine Fläche abgegrast, dann treibt Wirth die Herde zum nächsten Ort.

Autobahnen kann er nicht überqueren, muss sich Ausweichstellen suchen, zum Beispiel Tunnel. Will er mit den Schafen über Bundes- oder Landstraßen, dann ist Timing gefragt: »Zum Beispiel bei der B 49 – da musst du irgendwann den ersten Schritt machen, sonst kommst du nie drauf.« Der motorisierte Verkehr muss dann warten.

 

Ein Jahr Ausbildung der Hütehunde

Plötzlich wird es laut. »Rex!«, schreit der Schäfer mit tiefer Stimme über die vernebelte Wiese. Rex ist einer von vier Hunden und seit zwölf Jahren Wirths treuer Diener. Rex rennt los, treibt ein paar Schafe zusammen.

Knappe Kommandos genügen. Wenn Wirth »napp«, »vorne« oder »hinne« ruft, wissen die Hunde, was sie zutun haben. Ein Jahr bildet er sie aus, bis sie zum Hüten taugen. Wenn er bei Einbruch der Dunkelheit die Weide verlässt, spannt der Schäfer einen Elektrozaun um die Herde, die Hunde nimmt er mit.

Ich brauch den Trubel nicht

Schäfer Othmar Wirth

Ab und an klingelt sein 15 Jahre altes Handy. Wirth greift ohne Hektik unter seinen Lodenumhang, schaut auf das Display, geht aber nicht immer ran. Auf Nachrichten antwortet er selten, »wer was will, soll anrufen oder vorbeikommen«. Wirth besitzt keinen Computer. Manchmal übernachtet er in einem Wohnwagen bei den Schafen, dann hört er nachts Radio, HR4. Doch meistens herrscht Stille.

Wird ihm manchmal langweilig, wenn er den ganzen Tag fast stumm auf der Weide steht? »Ach ne, ich brauch’ den Trubel nicht.«

Info

»Stadtschäfer« in Allendorf

Othmar Wirth ist über das Jahr in elf Gemarkungen im Landkreis unterwegs, meistens auf Flächen, die er selbst gepachtet hat. In Allendorf (Lumda) weiden seine Schafe dagegen auf kommunalem Grund. Die Stadt lässt in Kooperation mit der Landschaftspflegevereinigung Gießen Grünflächen von Wirths Herde abgrasen und entlohnt den Schäfer dafür. (jwr)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/Kreis-Giessen-Othmar-Wirth-aus-Villingen-Der-stille-Hirte;art457,533965

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