09. Dezember 2018, 19:11 Uhr

Opferbereitschaft nicht belohnt

09. Dezember 2018, 19:11 Uhr
»Vom Eisernen Kreuz zum Judenstern«: Judith Sucher und Alexander Wicker.

Hunderttausend Deutsche jüdischen Glaubens zogen in den Ersten Weltkrieg, viele davon hatten sich freiwillig gemeldet. An der Front wollten sie ihre Loyalität, ihren Patriotismus und ihre Opferbereitschaft beweisen. Dadurch erhofften sie sich Gleichberechtigung in der deutschen Gesellschaft, die zwar in der Verfassung längst verankert, aber nicht gelebt wurde. »Eine Hoffnung, die von Anfang an auf wackeligen Beinen stand,« wie Alexander Wicker (Volkshochschule Main-Kinzig) sagte.

Kulturkampf als Ablenkungsmanöver

Zur Vortragsveranstaltung zu jüdischen Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg unter dem Titel »Vom Eisernen Kreuz zum Judenstern« kamen nur 22 Teilnehmer. »Kein Wunder, es ist ein unbequemes Kapital der deutschen Geschichte,« meinte Wicker. Höhere Erwartungen hatte auch Bürgermeister Dirk Haas nicht gehegt, der als Vorsitzender des Freundeskreises »Anger 10 Ehemalige Synagoge Großen-Buseck« die Anwesenden und Referenten begrüßte. Neben Wicker war dies Judith Sucher, Bildungsreferentin beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Die Opferbereitschaft der Juden wurde bekanntlich nicht belohnt. Schon während des Krieges wurde ihre Haltung zum Vaterland infrage gestellt. Das Misstrauen gipfelte in der sogenannten Judenzählung ab 1916, deren Ziel die Feststellung war, ob jüdische Deutsche im gleichen Umfang wie nicht-jüdische dienen. Obwohl die Beteiligung am Krieg dem Anteil an der Bevölkerung entsprach, hielt sich das Vorurteil der Drückebergerei hartnäckig. Auf der einen Seite die Reichstreuen, auf der anderen die Reichsfeinde. »Eine solche Abgrenzung entbindet von Integrationsangeboten und ist auf heute übertragbar,« betonte Wicker. Besonders in Zeiten wirtschaftlicher Fehlentwicklung wurden die Juden als Sündenböcke hingestellt, Kulturkampf als Ablenkungsmanöver.

Anhand von biografischen Fragmenten stellte Judith Sucher zehn Einzelschicksale vor. »Die Lebenslinien und persönlichen Aufzeichnungen unterscheiden sich nicht wesentlich von denen der christlichen Soldaten,« erklärte Sucher. »Die gemeinsame Fronterfahrung war das verbindende Element und die Beziehungen im Feld untereinander vermutlich positiver wie in der Zivilbevölkerung, die ja nach einem Buhmann gesucht hat.« Insgesamt sei die Quellenlage schwach, ein Kriegstagebuch sicher aussagefähiger als Briefe, die von den Soldaten an die Eltern eher »beruhigend« abgefasst wurden. Etwa 12 000 gefallene Juden, die Verleihung von 30 000 Tapferkeitsmedaillen, 17 000 Eisernen Kreuze zweiter Klasse und 900 erster Klasse sowie 23 000 Beförderungen schützten die Juden nicht vor der Verfolgung und systematischen Vernichtung durch die Nationalsozialisten. »Die Nazis setzten außerdem alles daran, das Andenken an die gefallenen jüdischen Soldaten auszulöschen,« berichtete Sucher. Jüdische Ehrenmäler wurden geschändet, Namen gefallener Juden auf Ehrenmälern entfernt.

Die beiden Referenten hatten zuvor die Ausstellung »Süß und Ehrenvoll« mit der Darstellung von Einzelschicksalen Busecker Juden in der Synagoge besucht und dafür lobende Worte gefunden. Sucher: »Respekt, was Sie in nur drei Monaten Recherche zusammengestellt haben!« (Foto: siw)

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