04. Januar 2017, 19:40 Uhr

Ohne Nachwuchssorgen

Ein paar Tage noch, dann beginnt die hohe Zeit der Jahreshauptversammlungen – und mit ihr in etlichen Vereinen das Klagen über mangelnden Nachwuchs. Frei davon ist die Jugend- und Volkstanzgruppe Salzböden. Der Werbeträger fürs Gießener Land hat indes andere Sorgen. Blick hinter die Kulissen eines Traditionsvereins.
04. Januar 2017, 19:40 Uhr
Salzböden liegt etwas abseits, nahe der Grenze zum Gladenbacher Hinterland, zählte – als es den noch gab – zum Landkreis Wetzlar, und das Dorf ist immer noch Teil der Rheinischen Landeskirche. Da wundert es kaum, dass ausgerechnet dort seit den 1970er Jahren erfolgreich eine Nische in der Traditionspflege besetzt wird. So gut, dass es landesweit in der Szene Beachtung findet: In der Jugend- und Volkstanzgruppe sind momentan zwölf Kinder und 23 Jugendliche aktiv, und es gibt die Erwachsenengruppe.
Der Verein ist Mitglied der Hessischen Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege. Unter den Mitgliedsvereinen gibt es bis runter nach Butzbach nur zwei weitere mit Kinder- oder Jugendgruppen. Bei der Erwachsenengruppe liegt das Durchschnittsalter deutlich unter dem Schnitt. Aufbäumen gegen das Vergessen eines Brauchtums ist in Salzböden eine Herzensangelegenheit. Entschlossene Frauen und Männer wollen dem Aussterben eines Kulturguts nicht tatenlos zusehen.

Mit Square Dance ging’s los

Vorsitzende Lore Klein spricht aber von einem absterbenden Ast, weil vor allem eine tüchtige Lobby fehle. Um in der Sparte Volkstänze mit Kindern und Jugendlichen nachhaltig etwas zu bewegen, benötige man befähigte Übungsleiterinnen und jede Menge Eigendynamik. Das funktioniert etwa durch das Einbinden von langjährig Aktiven wie Lara Rolshausen (15 Jahre), die selbst schon zehn Jahre tanzt und sich mittlerweile gern bei den Jüngeren mit einspannen lässt.
»Es macht viel aus, wenn Kinder sich Tanzschritte untereinander zeigen können«, sagt Klein. Die Erfahrung habe gezeigt, das Jugendliche, die nach der Konfirmation weiterhin kämen, dem Volkstanz meist treu blieben. Wer jedoch einmal abgesprungen sei, komme selten zurück.
Ihren Ursprung hatte die Tanzbegeisterung in Salzböden beim Fasching 1970. Da gefiel ein Square Dance, vorgetragen von einer losen Tanzgruppe. Auf alten Fotos fallen die Halstücher und Cowboyhüte ins Auge. Wolfgang Heuser († 2010), die lokale Feuerwehrlegende, hatte jedoch anderes im Sinn.
Als Aktiver bei der Volkstanz- und Brauchtumsgruppe »Die Marburger« im nahen Fronhausen holte Heuser den Volkstanz und die Marburger Evangelische Tracht in seinen Heimatort. In Salzböden war zu jener Zeit die Darmstädter Tracht üblich, im Farbenspektrum aber noch dezenter als die neue aus der Nachbarschaft.
Die Pionierzeit ist längst vorüber und aus dem Volkstanz stellenweise ein Salzbödener Familiengeschäft geworden. Waltraud Steiß war in den Jahren des Aufbruchs 15 Jahre, Enkelin Katharina ist jetzt gerade zehn und trägt heute die Tracht aus der Kinderzeit ihrer Großmutter.
Weitere Teilnehmer kommen aus Odenhausen, Ruttershausen, Lollar und Bellnhausen. Neu ist Dara, ein Mädchen aus Eritrea. Sie lebt schon länger mit ihrer Mutter in Rodheim. Kontakte zu Kindern von Geflüchteten in der näheren Umgebung scheiterten am einzurichtenden Fahrdienst.
Auch vier Jungs fühlen sich in der Kindergruppe wohl. Sie tragen den blauen Hessenkittel. Nicolas und Arian (beide zehn) erklären übereinstimmend, die Mädchen hätten immer viel zu quatschen. »Es macht aber Spaß«, sagte Nicolas. Arian kann beim Paartanz auf seine Schwester Kristin setzen. Dann gibt es noch den zehnjährigen Leon und den drei Jahre jüngeren Max.
Tanzfreude wird in Salzböden vererbt und generationenübergreifend gelebt. Denn eine häufige Formation beim Volkstanz ist der Kreis und darin finden Jung und Alt ihren Platz; Steiß mit Enkelin Katharina oder Tanja Rolshausen mit ihren Kindern.
Lore Klein zitiert den Fußball. »Die Besten spielen auf dem Feld, die Einsatzgeschwächten sitzen auf der Bank«, derweil Rolshausen vollendet, beim Volkstanz machten alle das Gleiche zur gleichen Zeit. Rücksicht werde auf die genommen, die noch nicht so gut seien. In den Übungsstunden tragen die Teilnehmer weinrote T-Shirts oder Sweatshirts und von der Tracht lediglich die schwarzen Spangenschuhe.
Daher kann beim Auftritt in voller Montur unversehens mal ein Malheur passieren, es rutscht der Rock, ein Stülpchen fällt aus dem Haar und manchmal geht sogar ein Schuh verloren, weil die weißen Kniestrümpfe so dick sind. Schwarze Spangenschuhe in Kindergrößen verkaufen nur noch wenige Geschäfte, erfährt man. Die Mädchen meinen, ihre Alterskameradinnen hätten das Tanzen noch nicht kritisiert, bestenfalls »lustig« gefunden.

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