07. Dezember 2018, 18:00 Uhr

Multitalent

»Ohne Dich«: Wie sich der Lindener Drehbuchautor Benjamin Bechtold zurück ins Leben kämpfte

Neben seiner Haupttätigkeit als Logopäde arbeitete Benjamin Bechtold lange an verschiedenen Drehbüchern. Bis er plötzlich eine Pause einlegte. Mit »Ohne Dich« erscheint er wieder auf der Bildfläche.
07. Dezember 2018, 18:00 Uhr
KGE
Ist Lara (Swantje Riechers) die, die Don (Nikolai Will) so vergeblich gesucht hat? Szene aus dem aktuellem Kurzfilm »Ohne Dich« in Regie von Benjamin Bechtold. (Screenshot/Kamera: Marc Schiemann)

Don sucht nach Liebe. Gedankenverloren zeichnet er die Gesichtszüge einer Frau in ein Notizbuch. Er fährt sich durch die Haare, wirkt einsam und verloren. Don reist per Anhalter durch das Land. Er will diese eine Liebe finden. Die Fahrer, die ihn mitnehmen, erinnern ihn manchmal an sie. Dann wieder nicht. Bis er zu Lara ins Auto steigt.

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Benjamin Bechtold (Foto: kge)

So beginnt Benjamin Bechtolds aktueller Kurzfilm »Ohne Dich«. Der Neunminüter des Kreativ-Labels »Fearling Entertainment« wurde am 18. November zum ersten Mal im Butzbacher Kino Capitol präsentiert und wird zurzeit auf zahlreichen Festivals eingereicht. Zum wiederholten Mal arbeitete der freiberufliche Drehbuchautor aus Großen-Linden dabei mit dem Schauspieler Nikolai Will aus Köln zusammen. Der übernahm nicht nur die Rolle des Protagonisten »Don«, sondern beteiligte sich mit »Tante Dora Film« auch als Co-Produzent. Viel wichtiger jedoch: Will war es, der im März dieses Jahres vor Bechtolds Türe stand und ihn wieder hinter die Kamera lockte.

 

Ein hartes Geschäft

Eigentlich wollte der 36-Jährige das Filmgeschäft erst einmal auf Eis legen. Vor zwei Jahren wuchs ihm alles über den Kopf. »Im Filmgeschäft gibt es leider nicht nur Freunde«, sagt Bechtold mit Bedauern. Viel würde sich um Geld drehen, der Druck wäre extrem und die Gefahr, in eine Schublade gesteckt zu werden, groß. Ende 2016 verstarb sein Vater: »Da kam einfach vieles zusammen«, sagt der Autor nachdenklich. Im Jahr darauf deutete sich eine Sinnkrise an und er zog sich zurück. »Ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich meine Prioritäten neu ordnen musste«, sagt er. In dieser Zeit nahm er seine alte Leidenschaft, die chinesische Kampfkunst Wing Tsun, wieder auf und kämpfte sich zurück ins Leben. »Das neue Projekt bedeutete für mich, von null auf 100 wieder voll durchzustarten«, wie er sich erinnert. »Und ich hatte wieder Spaß dabei.«

Die kreative Ader hätte er eigentlich schon immer gehabt. In seiner Jugend schrieb er Kurzgeschichten, auch ein kleiner Roman von 120 Seiten war dabei. Grundstein seiner Filmkarriere war – auch wenn er das damals sicher nicht gedacht hätte – eine Feier, kurz vor seinem Abitur im Jahr 2000. »Lass uns einen Film drehen!«, mit diesen Worten forderte ihn ein Freund damals heraus. Bereits am nächsten Tag begann der 18 Jahre alte Bechtold, an einem Drehbuch zu schreiben. »Ich stand damals total auf Gruselfilme wie ›Scream‹«, erzählt der Drehbuchautor. Davon inspiriert, drehten er und seine Freunde rund ein Jahr lang an seinem ersten Film.

Nach dem Abitur entschied sich Bechtold für eine berufliche Laufbahn abseits der Filmbranche. »Ich wollte nicht alles auf dieses eine Pferd setzen«, sagt er. Zunächst studierte er zwei Semester Germanistik. Mehr aus Zufall stieß er auf das Thema Sprachtherapie. In Idstein begann er dann ein Logopädie-Studium, dort lernte er auch seine jetzige Frau kennen. Zusammen wollen sie im nächsten Jahr eine eigene Praxis eröffnen. »Dieser Weg war eine gute Entscheidung. Ich würde es nicht anders machen wollen«, sagt er.

 

Nachts am Schreibtisch

In den elf Jahren, die Bechtold nun schon in seinem Beruf arbeitet, nahm er trotzdem immer wieder Schreib-Aufträge an. Hauptsächlich Drehbücher für Kurz- und Langfilme, aber auch als Lektor. Circa alle zwei bis drei Jahre arbeitete er an einem Kurzfilmprojekt. »So eine Produktion ist schon sehr aufwendig«, erklärt er. Neben seiner regulären 40-Stunden-Woche arbeitete er in Nachtschichten an seinen Filmen. »Es gehört schon eine große Portion Leidenschaft dazu«, sagt er lachend. Die würde aber nicht ausreichen, um alles zu tragen: »Logopädie sichert mein Leben und erfüllt mich auch.«

Heute, fast 20 Jahre nach seinem ersten Film, wurde Bechtold für mehrere Drehbuchpreise nominiert und empfohlen. Unter anderem für den »Sehnsüchte-Drehbuchpreis« und den »Hessischen Drehbuchpreis«. Die Kurzfilme »Lovely Wolf« und »Kleine Nachtgeschichten – Dämonisch« wurden auf nationalen und internationalen Filmfestivals präsentiert und mehrmals ausgezeichnet.

Alles kann, nichts muss: Dieses Motto beschreibt Bechtold gut. Obwohl ein Kinofilm lange sein Ziel war, hetzt er diesem Traum nicht hinterher. Er will bodenständig bleiben: »Es muss einfach passen«, sagt er. Mit dem richtigen Team, dem richtigen Skript und der richtigen Idee würde er in Zukunft gerne an anderen Projekten arbeiten.

 

Botschaft zwischen den Zeilen

Immer schon begeisterte ihn die etwas düstere Stimmung. In »Ohne Dich« hätte diese einen »realen Ton« angenommen und sei »kreativ erwachsen geworden«. Bechtold spielt gerne mit Botschaften zwischen den Zeilen, mit Emotionen, Kontrasten und Grenzen. »Ich konfrontiere Zuschauer auch gerne mal mit unangenehmen Momenten«, erzählt er. Diesen Stil verfolgt er auch in »Ohne Dich«: »Die Figur wird romantisch eingeleitet, vollzieht dann aber eine überraschende Wandlung.«

Seine Filme finanzierte er zum größten Teil selbst. »Ich wollte nicht nur ewig darüber reden, einen Film zu machen. Ich wollte es einfach tun«, sagt er. Unterstützung erhält er aus seiner Familie. »Teilweise waren die Filme eine richtige Familienproduktion«, sagt er. Für »Lovely Wolf« nähte seine Mutter das Kostüm des Werwolfs. Als gelernte Zahntechnikerin fertigte sie zusammen mit seinem Bruder, einem Zahnarzt, auch ein passendes Gebiss. Für »Dämonisch« baute ihm sein Vater eine Hundehütte. »Ohne diesen Rückhalt wäre das alles so nicht machbar gewesen«, sagt Bechtold. (Foto: kge)

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