07. Mai 2018, 13:00 Uhr

Von oben

Odenhausen im Porträt: Zwei Uni-Städte im Blick

Den besten Blick auf Odenhausen an der Lahn hat man vom Altenberg. Beim Aufstieg mit zwei Odenhäuser Jungs werden Erinnerungen wach, die viel über den Ort verraten. Ein Dorfporträt.
07. Mai 2018, 13:00 Uhr
Entlang des nördlichen Lahnufers, etwa auf halber Strecke zwischen Gießen und Marburg, erstreckt sich Odenhausen/Lahn. Der Altenberg, Hausberg des Stadtteils von Lollar, liegt jenseits der Felder am linken Bildrand. (Fotos: Henß/jwr/privat)

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In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.

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Heimat ist ein großes Wort. Und immer Ansichtssache. Stefan Pfetzing und Michel Sacher, beide Anfang 30, wohnen in Gießen. Groß geworden sind sie in Odenhausen. Sie kennen sich seit dem Kindergarten, haben beide in der Höhenstraße gewohnt, sind aber erst während des Abiturs an der Clemens-Brentano-Schule in Lollar dicke Freunde geworden, haben oft gemeinsam Musik gemacht. Nach wie vor sind sie ab und an in Odenhausen, zumindest ein paar Mal pro Jahr.

Geschichten auf Schritt und Tritt

Ein Ausflug auf den Altenberg gehört meist dazu. Als Jugendliche haben sie dort ungezählte Stunden verbracht, der Weg hinauf ist mit Erinnerungen gepflastert. Schon auf den ersten Metern, am Fuße des Hügels, lauern Geschichten.

Sacher zeigt auf einen bewaldeten Abhang. »Da hinten steht seit Ewigkeiten ein altes Auto und gammelt vor sich hin.« Mittlerweile ist es nur noch in Ansätzen zu erkennen. Wem es einst gehörte und warum es hinunterstürzte, weiß er nicht. Manche Geschichten werden eher spannender, je weniger Details man kennt.

Die neue Bank am Wegesrand

Es ist ein sonniger Tag. Sacher und Pfetzing fläzen sich auf eine abgerundete Holzbank am Wegesrand, eigentlich eher eine Liege. »Sehr gemütlich. Wenn es die früher schon gegeben hätte, hätten wir öfter hier gesessen«, sagt Pfetzing lachend.

Direkt gegenüber, ein paar Hundert Meter entfernt, erstreckt sich Odenhausen. Die beiden haben Abstand zu dem Dorf gewonnen – räumlich und zeitlich. Aus der Distanz zeigen sie auf ihre Elternhäuser, kommen ins Erzählen.

Nachbarort Salzböden

Links neben dem Ort ist Röderheide zu sehen, ein etwas abgelegenes Baugebiet. Formal gehört es zu Odenhausen und wurde nach dem Krieg zur neuen Heimat für Vertriebene. Noch etwas weiter links liegt Salzböden. Die Verbindung zu diesem Nachbardorf haben Sacher und Pfetzing immer als eng wahrgenommen, obwohl Ruttershausen räumlich näher liegt. Seit Ende der 1980 ist Odenhausen kein Schulstandort mehr, auch Sacher und Pfetzing haben schon in Salzböden die Schulbank gedrückt. Die Nachwuchsfußballer aus Odenhausen und Salzböden kicken in einem Team, so wie einst Sacher und Pfetzing als Rechtsverteidiger.

Die Aldi-Grenze

Im 19. Jahrhundert markierte Odenhausen die Grenze zwischen Hessen und Nassau. Von Lollar ist der Ort durch die Lahn und die Bahngleise getrennt. Inzwischen liegt das Dorf an einer eher vorteilhaften Grenze, erzählt Pfetzing: »Odenhausen ist der letzte Aldi-Süd-Ort, Fronhausen gehört schon zu Aldi Nord

Eine weitere Odenhäuser Besonderheit: die evangelische Kirche. Klingt nicht weiter ungewöhnlich. Doch wenn die Odenhäuser in den Gottesdienst gehen, betreten sie eine romanische Basilika, erstmals 1271 erwähnt. Eine der ältesten Kirchen im Landkreis.

Blumen zu Muttertag gepflückt

Nach einer Weile des Verweilens setzen sich die zwei Ortskundigen wieder in Bewegung, schwelgen weiter in Erinnerungen. »Von irgendeinem Baum hier bin ich seit dem Kindergarten Pate«, sagt Sacher, »aber ich weiß nicht mehr, von welchem«. Ab Frühling blüht es allenthalben auf dem Altenberg. Regelmäßig zum Muttertag pflückt er hier einen Strauß.

Einen Steinwurf weiter steht auf einer Lichtung eine runde Hütte. »Platz des Liedes«, verrät ein Schild. »Das gehört dem Gesangverein«, sagt Pfetzing, »hier hab ich meinen 17. Geburtstag gefeiert, hier hingen wir hin und wieder rum«.

"Uff de Gass"

Als Jugendlicher hatte der Diplom-Soziologe lange Dreadlocks, wich in Odenhausen »uff de Gass« vom gewöhnlichen Dresscode ab. Das sei aber kein Problem gewesen, sagt er. Manche in Städten wohnhafte Dorfkinder klagen darüber, was ihnen in der Kindheit alles gefehlt habe, wie beengend das Dorfleben gewesen sei. Die Odenhäuser Freunde blasen nicht in dieses Horn. Sie möchten die Jahre am Fuß des Altenbergs unterm Strich nicht missen. »Mir hat hier nicht mehr gefehlt als Leuten anderswo auf dem Dorf«, blickt Sacher pragmatisch zurück. »Mir hat eigentlich nichts gefehlt«, sagt Pfetzing.

Der ruhige, stets freundliche junge Mann würde wohl keiner Fliege etwas zu Leide tun. Doch im Schützenverein ist er bis heute passives Mitglied. Pfetzing fühlt sich dem Ort verbunden: »Das Elternhaus ist heute nicht mehr mein Zuhause, aber Odenhausen ist schon Heimat. Ich hatte auf jeden Fall eine schöne Kindheit hier.« Sacher, ebenfalls ein Mensch leiser Töne, nickt zustimmend.

Einmaliges Panorama

Auf den letzten Metern Richtung Bergkuppe frischt es auf. Wild wuchernder Ginster wogt im Wind. Nach dem Aufstieg auf den Altenberg bietet sich vom breiten Plateau ein einmaliges Panorama.

Im Südwesten sticht ein vergilbter Turm ins Auge – das Gießener Brauhaus. Gegenüber, ein paar Kilometer weiter weg, erhebt sich das Marburger Schloss. »Von hier aus kann man zwei Universitätsstädte sehen, das gibt es nirgendwo sonst«, sagt Pfetzing. Das ist schwer nachzuprüfen. Besonders ist es so oder so.

Von Marburg nach Gießen

In Marburg haben die beiden vor einigen Jahren in einer WG gewohnt, sind dann nach Gießen gezogen. Beide Städte sind von Odenhausen schnell zu erreichen, der Ort profitiert von einer guten Verkehrsanbindung, erklärt Pfetzing: »Die Bahnstation Friedelhausen und die Autobahnauffahrt sind quasi vor der Haustür.«

Ihren sehenswerten Hausberg über dem Lahntal haben die Odenhäuser teils ihren Vorfahren zu verdanken: »Der Berg war mal eine Müllkippe, eigentlich wäre er nicht so hoch«, erzählt Pfetzing. Einst habe hier oben eine Burg gestanden. »Es gibt eine Geschichte über einen alten Burgherrn, der nachts durch den Ort geht und mit seiner Kette wackelt«, berichtet er. Wenn ihn in Jugendjahren etwas vom Schlafen abgehalten hat, dann eher muhende Kühe auf der Weide hinter seinem Elternhaus.

Treffen mit zwei Wanderern

»Der Wald sieht ziemlich stark aus, wie hingemalt«, sagt Sacher. Obwohl er diese Aussicht in- und auswendig kennt, ist sie noch immer etwas Besonderes. Zwei Wanderer nähern sich. »Kommt ihr von hier?«, fragt einer die beiden Odenhäuser Urgesteine. Sie nicken. »Dann ist es ja noch ungewöhnlicher, die Landschaft zu schätzen«, sagt der Mann. »Ich komme aus Berlin, habe dort im Hinterhof gewohnt, und jetzt hier in einem Haus am Wald.« Für einen Moment teilt er mit Sacher und Pfetzing die gleiche Aussicht auf Odenhausen. Und hat doch eine ganz andere Perspektive. Alles Ansichtssache.

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