17. Oktober 2018, 10:00 Uhr

Brandopfer

Nordecker Brandopfer: »Wir müssen nach vorne gucken«

Knapp zwei Wochen sind seit dem Hausbrand in Nordeck vergangen. Die Hilfsbereitschaft anderer und die Aussicht auf ein neues Zuhause geben den drei Brandopfern Hoffnung.
17. Oktober 2018, 10:00 Uhr
Die Vogelperspektive macht deutlich, wie stark das Haus in Nordeck vor knapp zwei Wochen zerstört wurde. (Foto: FFW Allendorf/Lumda)

Jens Ulmers, Jutta und Kerstin Wollenhaupt sitzen mittags bei Kaffee am Küchentisch. Ein Moment zum Runterkommen. »Wir haben den ganzen Tag Termine«, sagt Ulmers. Möbelspenden entgegennehmen, das Telefon abmelden, Behördengänge.

 
Fotostrecke: Dachstuhlbrand in Nordeck

Einen Auszug hinter sich bringen, einen Einzug planen – das ist oft ein vergleichsweise schöner Anlass für Stress. Doch diese Drei wechseln das Zuhause nicht freiwillig.

An Durchschlafen ist für sie zurzeit nicht zu denken. Regelmäßig zwischen drei und vier Uhr nachts schrecke sie auf, sagt Kerstin Wollenhaupt – genau zu jener Uhrzeit, zu der vor knapp zwei Wochen die Katastrophe hereinbrach.

 

Vom Brandgeruch wach geworden

»Eigentlich schlafe ich wie ein Murmeltier, aber in dieser Nacht bin ich vom Brandgeruch wach geworden.« Dann habe sie den Rauchmelder gehört, berichtet die 52-Jährige. Ihr Schlafzimmer ist im Dachgeschoss, ihre Mutter und deren Lebensgefährte schliefen ein Stockwerk tiefer.

»Ich habe meine Mutter gerufen: Geh raus und nimm den Jens mit – es brennt!« Zwei Hunde waren noch im Dachgeschoss, Kerstin Wollenhaupt trieb sie herunter.

Als die Löscharbeiten auf Hochtouren liefen, saß Jens Ulmers gegenüber im Haus der Nachbarn. Diese hätten sich rührend um ihn gekümmert, blickt der 68-Jährige dankbar zurück. »Schön war, dass auch immer wieder Feuerwehrleute reinkamen und nach uns geschaut haben.«

Er selbst habe sich wie erstarrt gefühlt. »Durch das Fenster habe ich den Leiterwagen der Feuerwehr gesehen, aber auf das Haus wollte ich nicht gucken.« Für einen Moment herrscht Stille am Kaffeetisch. »Weißt du: Ich habe lange nicht geheult«, sagt Ulmers mit leiser Stimme und wachem Blick. »Aber in dieser Nacht durchgehend – wenn man merkt: Es ist alles aus.«

 

Kaum etwas war noch zu retten

Nun könne man im Brandhaus vom Erdgeschoss in den Himmel gucken. Neben dem Feuer hat auch das Löschwasser viel Schaden angerichtet, das ließ sich freilich nicht vermeiden. Ein paar Dinge konnte die Feuerwehr noch vor den Flammen retten – etwa das Hundefutter aus der Gefriertruhe.

Was es bedeutet, wenn von einem Tag auf den anderen aller Besitz ein Raub der Flammen wird, mag man sich kaum ausmalen. Auch Ulmers realisiert erst nach und nach, was alles fehlt. Mitunter sucht er einen lieb gewonnen Gegenstand. Bis ihm plötzlich einfällt, dass auch das verbrannt ist.

»Mein ganzes Bildarchiv, die Fotoapparate – alles weg«, das schmerzt den freien Lokaljournalisten besonders. Er hatte die gut sortierte Foto-Sammlung noch auf eine Speicherkarte überspielt, falls der PC mal den Geist aufgibt. Doch auch die lag in seinem Büro.

Neben all den Akten, wichtigen Dokumenten und Wertgegenständen sind auch unzählige Habseligkeiten ohne großen materiellen Wert dahin. »Mir fehlen die Andenken am meisten«, sagt Kerstin Wollenhaupt, »Erinnerungsstücke von meiner Oma, Schmuck, Geschenke, die ich kurz vor dem Brand zum Geburtstag bekommen hatte.«

Von vielen Städtereisen in ganz Deutschland brachte sie stets eine Kleinigkeit mit. »Selbst wenn ich die Sachen neu kaufen würde – es wäre nicht das Gleiche.« Wollenhaupt schluchzt. »Aber Kerstin, wir müssen nach vorne gucken!«, wirft ihre 74-jährige Mutter ein.

 

Zuhause ist jetzt in einer anderen Richtung

Die Brandnacht selbst sei wie ein Film an ihr vorbeigezogen, beschreibt Jutta Wollenhaupt. Nach und nach kommen Momente, in denen bittere Erkenntnis einsetzt: »Ich war gestern in Allendorf unterwegs und bin dann nach Nordeck abgebogen – ich wollte doch heim!«, sagt Jutta Wollenhaupt. Ein paar Meter später fiel ihr ein, dass ihr Zuhause momentan in einer anderen Richtung liegt. Fürs Erste sind die Brandopfer bei Freunden in Staufenberg untergekommen.

Es ist nur ein Beispiel für die Anteilnahme von vielen Seiten, die den drei Obdachlos gewordenen Halt gibt: Kerstin Wollenhaupts Nichten haben eine Online-Spendenaktion ins Leben gerufen, auch die Landfrauen starteten einen Aufruf.

Viele Menschen, darunter nicht nur enge Freunde, spenden Möbel, Geld, Pflegeartikel und andere Dinge, die es im Alltag braucht. Wem die Kleidung einst gehörte, die sie nun tragen, wissen die Drei nicht immer auf Anhieb. Auch einige Unternehmen zeigen sich hilfsbereit.

 

Teils unbürokratische Hilfe

Was Behörden, Telefonanbieter und andere Stellen betrifft, mit denen die drei Nordecker nun in Kontakt stehen, ist das Bild geteilt: Manche reagierten, berichtet das Trio, relativ unbürokratisch und verständnisvoll, etwa die Polizei. Andere seien wenig flexibel, hätten anscheinend wenig Verständnis für die komplizierte Situation.

Zwischen die Traurigkeit mischt sich bei den Dreien auch Hoffnung: Der Rauch hatte sich kaum verzogen, da boten ihnen Bekannte aus Allendorf an, in ein Mietshaus dauerhaft einzuziehen. Das Anwesen in der Londorfer Straße steht zurzeit leer, ab November wollen Freunde es renovieren. »Spätestens an Weihnachten können wir einziehen«, sagt Kerstin Wollenhaupt und lächelt.

Wenn wir nicht die Aussicht auf ein neues Haus hätten, wären wir seelisch auf einem ganz anderen Stand

Jens Ulmers, Brandopfer

Auch für Ulmers ist es ein Lichtblick: »Wenn wir nicht die Aussicht auf ein neues Haus hätten, wären wir seelisch auf einem ganz anderen Stand. Zu sehen, dass wir eine neue Aufgabe haben – das gibt auch Auftrieb.«

 

Info

Ursache war technischer Defekt

Zwar sind die Ermittlungen zur Brandursache noch nicht endgültig abgeschlossen. Wie Polizeisprecher Jörg Reinemer am Dienstag mitteilte, hat sich aber der Verdacht erhärtet, dass ein technischer Defekt im Bereich eines Nachtspeicherofens den Brand ausgelöst hat. Man schließe vorsätzliche Brandstiftung aus. (jwr)

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