04. Juni 2018, 11:00 Uhr

Von oben

Nieder-Bessinger können weit mehr als nur Gurken züchten

Einst war Nieder-Bessingen für seine Gurkenfelder in der Region bekannt. Heute sorgen vor allem die Feuerwehrfrauen dafür, dass man über den Licher Stadtteil spricht. Ein Dortporträt.
04. Juni 2018, 11:00 Uhr
Umgeben von Wald, Feldern und der Ortsumgehung, die 2010 endlich die erhoffte Entlastung bringt.

Von oben

In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.

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Einst wurden sie für ihre Gurken gerühmt. Heute sind sie für ihre Feuerwehr bekannt. Sogar über Deutschlands Grenzen hinaus. Die Rede ist von den Stadtteil-Lichern aus Nieder-Bessingen, die heute im Fokus unserer Serie von oben stehen.

Titel über Titel haben die Brandschützer in den vergangenen 20 Jahren eingefahren, zuerst als Jugendliche, heute als Aktive. Zwölf Jahre in Folge siegte der Nachwuchs seit 1998 bei den Kreismeisterschaften, wurde sechs Mal Hessenmeister, mehrmals Vize-Hessenmeister und 2004 sogar Deutscher Meister. Richtig durch starteten die Nieder-Bessinger, bei denen heute auch viele Auswärtige trainieren, weil sie die einzige CTIF-Wettkampfgruppe im Landkreis sind, 2011: In Grünberg sicherten sich die Frauen mit dem Hessenmeistertitel die Teilnahme bei den Deutschen Meisterschaften im Folgejahr, wurden dort Vizemeister und fuhren 2013 zum ersten Mal zur WM. Vier Jahre später maßen sich auch die Männer mit der internationalen Konkurrenz. Verantwortlich für den Erfolg der zur Zeit 26-köpfigen Truppe ist Trainer Thorsten Vekens. Er bestreitet mit seinem Team alljährlich ein Dutzend Wettkämpfe.

 

Eine Taufe für Zugezogene

 

Bei ihrer Gründung 1897 hatten die Brandschützer derlei Erfolge sicher nicht im Sinn. Damals waren es die örtlichen Gurkenzüchter, die den Wettbewerb mit anderen nicht scheuen mussten. Im 19. Jahrhundert waren die Nieder-Bessinger für das grüne Gemüse berühmt. Bis nach Gießen und Grünberg wurde es verkauft. Auch Karl-Heinz Klös, Stadtverordneter und langjähriger Ortsvorsteher, erinnert sich noch an Äcker voller Gurken rund um das Dorf. Seine Familie züchtete das Gewächs im Garten. »Es kamen extra Leute aus dem Vogelsberg, um sie zu kaufen«, erzählt er. Fraktionskollege Klaus-Wilhelm Gottuck, ebenfalls gebürtiger Nieder-Bessinger, weiß noch von der Sauerei zu berichten, die das Düngen bereitete. »Die Jauche wurde mit der Gießkanne aufgebracht, und wenn man beim Befüllen nicht aufpasste, hatte man die Schuhe voll.«

 

Gurkenverein gegründet

 

Seit 2013 erinnert im mittlerweile 633 Einwohner zählenden Dorf ein Verein an diese Zeiten. Die »Bessinger Gurken« haben mittlerweile 73 Mitglieder und wurden im Januar 2016 von der Landesregierung als Initiative des Monats ausgezeichnet. Die Truppe um den Vorsitzenden Alexander Gottuck hat sich die Traditionspflege auf die Fahne geschrieben. Als erstes Projekt wurde die Bank unter der Dorflinde saniert und damit ein zentraler Platz wiederbelebt. »Hier kamen schon immer Jung und Alt zusammen«, erklärt Gottuck die Intention von damals. Seitdem haben die »Gurken« viel getan, um das Dorf lebenswerter zu machen. Da wurde die Bessinger Taufe ins Leben gerufen, bei der Zugezogene durch ein Bad im Brandweiher in die Dorfgemeinschaft aufgenommen werden oder Veranstaltungen wie der bayrischen Abend und der Maskenball wiederbelebt.

All das und vieles mehr kann heute im Dorf ungestört geschehen. Weit ab vom Lärm tausender Fahrzeuge, die täglich zwischen Gießen und Laubach beziehungsweise dem Vogelsberg unterwegs sind. Denn seit acht Jahren führt eine Umgehungsstraße um den Licher Stadtteil herum. Im Oktober 2010 wurde sie eingeweiht und damit ein Bauvorhaben Realität, für das die Menschen vor Ort lange gekämpft hatten. Seit den 1980er Jahren waren verschieden Trassen geprüft worden – lange ohne Ergebnis und zwischendurch scheinbar ohne Aussicht auf Erfolg. Letztlich war es dem Engagement des früheren Bürgermeisters Ludwig Seiboldt zu verdanken, dass sie doch noch Wirklichkeit wurde. Gebracht hat sie den gewünschten Erfolg. »Es ist viel ruhiger heute, die Kinder spielen auf der Straße Fußball«, sagt Alexander Gottuck mit Blick auf die Erlesbergstraße in der früheren Ortsdurchfahrt. Als er selbst klein war, ein undenkbarer Vorgang.

 

Kein Kneipensterben

 

Was es sonst noch in Nieder-Bessingen gibt? Kein Lebensmittelgeschäft oder Metzger, dafür ein Bäckerlädchen sowie Eier, Nudeln, Wurst und Eis vom Bauernhof. Dazu einen Imbiss und zwei alteingesessene Gaststätten: Die Pension Zum Hasen und den Kaffeehannes. Letzterer besteht seit 1825 und wird bereits in siebter Generation von der Familie Lotz geführt. Früher hieß das Lokal »Zum Löwen«. Weil Anfang des 20. Jahrhunderts die Bauern aus der Wetterau, die ihr Holz mit Pferden aus dem Laubacher Wald holten, oft im Gasthaus – damals wurde es von Johannes Lotz, genannt Hannes geführt – einkehrten, Kaffee tranken und frühstückten, wurde es irgendwann »Kaffeehannes« genannt. Karl-Heinz Klös: »Vom vielerorts beklagten Gaststättensterben ist Nieder-Bessingen nicht betroffen.«

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