23. Mai 2017, 10:00 Uhr

Freie Stellen

Neue Pfarrer braucht das (flache) Land

Im evangelischen Dekanat Grünberg ist ein halbes Dutzend Stellen vakant, die Nachfolgeregelung gestaltet sich schwierig. Ein Indiz für die geringe Attraktivität des flachen Landes?
23. Mai 2017, 10:00 Uhr
Gottesdienst in der evangelischen Stadtkirche Grünberg: Dekan Norbert Heide (2.v.l.) mit Pfarrer Lukas von Nordheim, Präses Elke Sézanne und Kantorin Ulrike Sgodda (von links). Für die Pfarrstelle Grünberg II ist jetzt ein Nachfolger von Hartmut Miethe gefunden, im Dekanat Grünberg mit seinen 34 Gemeinden aber sind einige Stellen noch vakant. (Archiv-Foto: fp)

Der Trend ist ungebrochen: Die Kirchen verlieren Mitglieder. Verschärfen dürfte sich die Situation auf dem flachen Land, wo sich der demographische Wandel viel stärker als in den Städten bemerkbar macht. Nicht zuletzt aus finanziellen Gründen muss sich Kirche darauf einstellen. Tut sie auch. Als Beispiel sei das ev. Dekanat Grünberg genannt. 2019 steht dort erneut die Überprüfung der Strukturen an: Wie hat sich die Zahl evangelischer Christen entwickelt, braucht es weitere Kooperationen oder gar Fusionen, sind die Pfarrerstellen neu zu bemessen?

 

Vakanzvertretungen als Behelf

 

Das freilich ist Zukunftsmusik, zurzeit geht es erstmal darum, bestehende Stellen besetzt zu bekommen. Gleich für ein halbes Dutzend gab oder gibt es Vakanzen, in einem Fall ging keine einzige Bewerbung ein. Erste Anzeichen dafür, dass wegen der unsicheren Perspektiven das flache Land für Geistliche zu unattraktiv ist?

Vorweg zum Stand der Dinge: Mit 3069 »Schäfchen« (Stand: 30. Juni 2016) ist Grünberg mit Abstand die größte der 34 Dekanatsgemeinden. Die Pfarrstelle Grünberg I, sie umfasst neben einem Teil der Kerngemeinde auch Lehnheim und Stangenrod, ist seit Februar, der Pensionierung von Pfarrer Hartmut Miethe, nicht mehr besetzt. Seither behilft man sich mit Vakanzvertretungen.

Das Ende des »Notbehelfs« aber naht: Der Kirchenvorstand hat sich jüngst für Eberhard Hampel entschieden, zum 15. August wird er seinen Dienst antreten. Hampel hatte bislang eine Stelle in Geiß-Nidda inne, ist 58 Jahre alt. Wie es heißt, hat sich die Gemeinde für einen Älteren entschieden, ist doch Grünbergs zweite Pfarrstelle seit Juni 2016 mit einem Jüngeren, Pfarrer Lukas von Nordheim, besetzt. Apropos: Zum 1. August geht der in Elternzeit, Grünberg II allerdings bleibt sozusagen in der Familie: Ehefrau Mareike von Nordheim übernimmt. Es ist ihre erste Stelle, im August wird sie ordiniert.

Was Grünberg angeht, ist von einer dritten Veränderung zu berichten: Die halbe Stelle im Gemeindedienst, bisher von Dekan Norbert Heide versehen, wird an die örtliche Theo-Koch-Schule verlagert. Heißt: Heide ist dann mit der einen halben Stelle Schulpfarrer, mit der anderen Dekan.

»Neue Pfarrer gesucht« heißt es auch bei den beiden halben Stellen in Rüddingshausen und Weitershain: Nach 18 Jahren geht das Ehepaar Claudia Kautzmann und Frank Paulmann, er wird dem Probst beigeordnet, sie stockt ihre Stelle als Schulpfarrerin an der Max-Eyth-Schule Alsfeld auf. Auch hier gibt es noch keinen festen Nachfolger, Andrea Rink-Rieken (bis Februar in Lehnheim) übernimmt die Vakanzvertretung.

Unterbesetzt ist bislang auch die mit 2038 Mitgliedern nach Londorf (2049) drittgrößte Dekanatsgemeinde Laubach: Hier aber ist jetzt eine Bewerberin für die vakante halbe Stelle gefunden. Kein Erfolg dagegen bei der neu strukturierten, sprich fusionierten Stelle Ettingshausen/Hattenrod/Harbach: Nicht eine Bewerbung ging dort ein, trotz mehrfacher Ausschreibung. Propst Matthias Schmidt wird die Stelle nun mit einem Pfarrer auf Probe besetzen. Bis dahin vertritt Pfarrer Bink (Queckborn), unterstützt vom Kollegen Miethe.

Zum Glück für die »Grünberger« gibt es diese »stillen Reserven«, also Männer und Frauen, die für Vakanzvertretungen bereitstehen. Etwa Anke Stöppler (Winnerod), deren Ehemann Christoph Stöppler künftig Senioren- und Altenheim-Seelsorger wird.

Sind also die Vakanzen, die teils schwierige Bewerbersuche Zeichen für einen Attraktivitätsverlust des ländlichen Raums? »Generell ist das nicht zu beantworten«, betont Dr. Angela Stender, Pressesprecherin der Dekanate-AG Grünberg, Hungen, Kirchberg. Vielfach resultierten die Veränderungen aus Neubemessungen der Stellen. Das könnte wie erwähnt nach 2016 bereits 2019 wieder anstehen; voraussichtlich aber ist laut Stender das Dekanat dann so aufgestellt, dass weiteren Kürzungen nicht nötig seien.

 

Chancen der Fluktuation

 

Grundsätzlich werde auch in diesem Berufsfeld die Attraktivität einer Stelle von Faktoren wie ÖPNV-Anbindung, sozialer wie kultureller Infrastruktur oder schulischen Angeboten mitbestimmt. Oft seien es auch persönliche Anliegen, Wünsche. »Vakanzen können zuweilen auch etwas Positives haben«, meint Stender. Etwa dann, wenn die für eine ganze Pfarrstelle übliche Zahl von 1600 Gemeindegliedern nicht gegeben ist, mittels Zusammenlegung – wie in Harbach – wieder eine 100-Prozent-Stelle entstehe.

Das flache Land ist nach Stender bislang weder zweite noch dritte Wahl. Dafür spreche auch, dass es in allen drei Dekanaten der AG Vikare gebe. Am Ende zitiert sie dann noch die Antwort eines dieser »Pfarrer-Azubis« auf die Frage, warum er sich hierher beworben habe: »Oberhessen ist einfach cool.«

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