04. Februar 2017, 18:00 Uhr

Fuchsjagd

Naturschützer und Jäger streiten über Nutzen

Notwendige Maßnahme zum Wohle der Natur? Oder sinnloses Töten? Die Meinungen über die Fuchsjagd gehen weit auseinander.
04. Februar 2017, 18:00 Uhr

Daniel Peller streift regelmäßig durch die Wälder Biebertals. Wenn er einem Fuchs begegnet, freut er sich besonders. Dann zückt er seine Ausrüstung, zielt auf das Tier – und drückt ab. Peller ist Naturfotograf. Er richtet nicht das Gewehr, sondern seine Kamera auf die Tiere. Einen Fuchs töten? Das käme für den Fellingshäuser niemals in Betracht. Umso größer ist sein Ärger über die heimische Jägerschaft, die in den zurückliegenden Wochen etliche Füchse geschossen hat. »Eine künstliche Regulierung der Fuchspopulation durch die Jagd ist auch in der modernen Kulturlandschaft völlig unnötig«, sagt Peller, der daher eine Online-Petition ins Leben gerufen hat. »Verbot der sinnlosen Fuchsjagd – nie mehr Fuchswochen im Kreis Gießen« lautet der Titel der Kampagne, der sich bereits über 8300 Menschen angeschlossen haben. Und es werden täglich mehr. Dieter Mackenrodt wird seinen Namen nicht auf die Unterschriftenliste setzen. Der Vorsitzende des Jagdvereins Hubertus hält die Fuchsjagd für richtig und wichtig. »Es geht nicht anders. Die Bestände haben sich dermaßen vermehrt, dass eine Regulierung notwendig ist. « In Hessen lebten derzeit rund 150 000 Füchse, vor 40 Jahren seien es nur 20 000 gewesen. Die Zahl der Rebhühner und Hasen, klassische Beute des Fuchses, sei hingegen um das Zehnfache zurückgegangen. Im vergangenen Jahr seien daher deutschlandweit rund 600 000 Füchse getötet worden, im Kreis Gießen seien es 55 gewesen. Am heutigen Samstag wird in Garbenteich das Ergebnis der aktuellen Fuchswochen präsentiert. Mackenrodt: »Wenn wir bei rund 50 Füchsen liegen, ist das ein gutes Ergebnis.«

Der Fuchs hatte in Deutschland schon immer einen schweren Stand. Er hat nicht nur die Gans gestohlen, sondern auch Enten, Hühner, Lämmer und Kaninchen. Bereits im 16. Jahrhundert setzte das Epos »Reineke Fuchs« das Tier in ein schlechtes Licht. Die Hauptfigur des Werks war ein durchtriebener, lügender und von Bosheiten geprägter Fuchs. »Die Intelligenz des Tieres wurde von den Menschen seit jeher als Listigkeit ausgelegt. Sie haben ihm stets negative Eigenschaften zugesprochen«, erzählt Peller. Er selbst habe sich davon aber nicht beeinflussen lassen. Im Gegenteil: »Ich habe während meines Abiturs angefangen, mich für den Tierschutz zu interessieren, besonders für Wildtiere. Ich bin dann schnell auf den Fuchs gekommen.« Kein Wunder, schließlich stammt Peller aus Fellingshausen, dem Ort, der den Fuchs im Wappen trägt. In den folgenden 15 Jahren vertiefte sich Peller immer mehr in die Lebenssituation des Tieres. »Dadurch habe ich mich zwangsläufig auch mit dem Thema Jagd beschäftigt. Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass die Begründung der Bejagung einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhält.«

Mackenrodt sieht das fundamental anders. Er ist der Meinung, die hohe Fuchspopulation sei Schuld, dass es kaum noch Fasane, Rebhühner oder Hasen gebe. Außerdem würden Füchse Krankheiten übertragen. »Hessen ist zwar seit zehn Jahren tollwutfrei. Dafür haben wir aktuell sehr viele Füchse, die von Räude befallen sind. Dann gibt es auch noch Staupe und den Fuchsbandwurm.« Vor allem erkrankte Tiere würden vermehrt in Wohngebiete vordringen, da die Mülleimer nicht nur ein Festessen böten, sondern im Gegensatz zum Hasen auch nicht wegrennen könnten. »Dadurch kommen die Tiere aber auch häufiger mit Hunden und Menschen in Kontakt. So werden Krankheiten übertragen«, sagt Mackenrodt.

Peller kennt dieser Argumente. Der Naturfotograf kommt aber zu einem anderen Schluss. Er vertritt die Meinung, dass sich Krankheiten in erster Linie ausbreiten, weil die Tiere durch die Bejagung häufiger das Revier wechselten. Zudem führt er an, dass es Füchse vor allem auf leicht zu fangende Beute abgesehen hätten – und somit zum Beispiel helfen würden, übertragbare Krankheiten beim Niederwild auszurotten. Der Fuchs als Gesundheitspolizei. Klar: Ein von Myxomatose befallenes und daher blindes Kaninchen ist leichte Beute.

Befürworter der Jagd entgegnen jedoch, dass der Hunger der riesigen Fuchspopulation durch kranke Tiere bei Weitem nicht gestillt werde. Daher werde vor allem im Januar gejagt, der Paarungszeit des Fuchses. »Dadurch lässt sich die Ausbreitung am besten eindämmen, denn im Frühjahr bringen die Fähen vier bis sechs Jungen zur Welt«, sagt Mackenrodt.

Im Internet finden sich unzählige »Fakten«, aus denen die Menschen – je nach Gesinnung – unterschiedliche Schlüsse ziehen. Mit fachlichen Vorkenntnissen hat das offenbar wenig zu tun, sowohl Jäger als auch Naturschützer erhalten Unterstützung von Wildbiologen und Wissenschaftlern. Ein grundlegende Frage, über die sich die Experten streiten: Hat die Jagd überhaupt einen regulierenden Einfluss auf die Population? Jagdkritiker sagen, dass eher das Gegenteil der Fall sei. Demnach leben die Tiere gewöhnlich in Familienverbänden, in denen nur die ranghöchste Füchsin Nachwuchs bekomme. Würden diese Familiengemeinschaften zerstört, seien nahezu alle Füchsinnen paarungsbereit. Zudem steige die Zahl der Welpen pro Wurf. Auch Peller vertritt diese These. »Die Natur reguliert sich selbst.« Die Gegenseite kontert, eine flächendeckende Jagd habe sehr wohl einen Einfluss auf die Population. Welches Lager recht hat, könnte in einigen Jahren ein Blick nach Luxemburg verraten. Dort ist die Fuchsjagd seit dem 1. April 2015 untersagt.

Das Verbot im Großherzogtum könnte auch Erkenntnisse im Bezug auf die Niederwildpopulationen geben. Dass Rebhühner, Hasen und Co. zunehmend seltener werden, leugnet Peller nicht. Das liege aber vielmehr am mangelnden Lebensraum, zum Beispiel durch Wohnbebauung und Landwirtschaft. Befürworter der Jagd verweisen hingegen auf eine Untersuchung in einem niedersächsischen Naturschutzgebiet. Das Areal wurde mit einem Zaun geteilt, auf der einen Seite wurden Beutegreifer wie der Fuchs eingefangen, auf der anderen nicht. Das Ergebnis: Auf der fuchsfreien Seite war die Überlebensrate von Nestlingen deutlich höher. Anschließend wurden die Seiten getauscht, damit örtliche Effekte das Ergebnis nicht manipulieren. Resultat: Auch hier hatte sich die Jagd positiv auf die Population der Brutvögel ausgewirkt.

Peller und Mackenrodt könnten noch viele weitere Argumente aufzählen, ihr Gegenüber werden sie nicht überzeugen. Immerhin bleiben die beiden auf einer sachlichen Ebene. Im hoch emotionalen Feld des Tierschutzes ist das nicht immer so. »Wir kriegen dich, Mackenrodt!« sei nur eine Drohung, die er in den vergangenen Tagen erhalten habe, sagt der Vorsitzende des Jagdvereins Hubertus. Drohbriefe und anonyme Beleidigungen am Telefon seien keine Seltenheit. »Dreckiges Jägerpack« und »Lustmörder« seien noch die harmloseren Beschimpfungen. »Die Lobby der radikalen Tierschützer ist sehr groß. Nicht nur wegen Erbschaften hat sie viel Geld. Die setzen einen richtig unter Druck.« Von einem »blutigen Hobby«, wie es die Tierschutzorganisation PETA in einer aktuellen Pressemitteilung formuliert, könne keine Rede sein. »Wir verstehen uns als Naturschützer. Im Landkreis Gießen gibt es über 2000 Menschen, die einen Jagdschein besitzen. Ich kenne keinen, der aus purer Lust tötet. Der Fuchs ist das schönste Wildtier in unserer Region. Wir müssen ihm mit Achtung und Respekt begegnen.«

Zumindest in diesem Punkt dürften Mackenrodt und Peller einer Meinung sein.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Fuchsjagden
  • Maßnahmen
  • Meinung
  • Naturschützer
  • Biebertal
  • Christoph Hoffmann
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos