09. Februar 2017, 20:16 Uhr

Nachhaltige Hungener Erfindung

09. Februar 2017, 20:16 Uhr
Seit Generationen beeinflussen die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Hungener Forstmeisters Georg Ludwig Hartig die Forstarbeit. (Foto: Archiv)

Hungen (pm). Als 1982 zur 1200-Jahr-Feier der Stadt Hungen der bedeutende Forstmeister Georg Ludwig Hartig mit einer Bronzetafel im Schloss Hungen geehrt wurde, war er nur wenigen Hungener Bürgern bekannt. Er betreute von 1787 bis 1798 die Wälder des Fürsten zu Solms Braunfels und lebte mit seiner Familie in der Obertorstraße (Haus Schad, heute Bender), kaufte später ein stattliches Haus am Marktplatz (Restaurant Sterntaler).

Ulrich Stiehl, 1974 Mitbegründer der Schlossgemeinschaft und selbst Forsteinrichter i. R., hat dadurch eine besondere Beziehung zu Hartig. Im Erzählcafé beschrieb er den persönlichen und dienstlichen Lebensweg dieses außergewöhnlichen Mannes.

Hartig wurde 1764 in Gladenbach in einer Forstmeisterfamilie geboren. Durch seinen Vater erhielt er große Förderung. Damals ungewöhnlich ließ er ihn nach einer Jägerausbildung Naturwissenschaften studieren, die ihm nützlich sein könnten. Nach weiteren Ausbildungsstationen bewarb Hartig sich um die frei gewordene Forstmeisterstelle in Hungen. Kurz zuvor heiratete er Theodore Klippstein, die Tochter des Staatsministers Jakob Klippstein. Die an ein besseres Leben in Darmstadt gewöhnte Theodore fand die neue Wohnung nicht sehr schön, wie sie in ihren Lebenserinnerungen schrieb, gewöhnte sich aber an das einfachere Leben in Hungen und unterstützte ihren Mann sehr. Die Wohnung lag in der Nähe des Obertores, sie konnte die Schläge ihres Mannes an das Tor hören, mit dem er Einlass begehrte, wenn er wie so oft erst bei Dunkelheit nach Hause kam. Der Familie wurden in Hungen sieben Kinder geboren, insgesamt bekamen sie 13 Kinder. Hartig nahm bis zu 20 Lehrlinge auf, die auch meist im Haus lebten.

Durchforstung hilft bei Entwicklung

3200 Hektar Wald hatte Hartig zu betreuen. Der Brennholzbedarf war zu dieser Zeit sehr hoch. Außerdem wurde der Waldbestand durch Beweidung und Entnahme von Streu dezimiert. Der Nachhaltigkeitsgedanke, nur so viel Holz zu entnehmen wie nachgepflanzt wird, war schon lange bekannt, wurde aber nicht konsequent umgesetzt. Hartig erfand die »Durchforstung« – unterdrückte Bäume herausschlagen, die dominierenden stehen lassen. Er erkannte, dass sich der Wald dadurch viel besser entwickelte. Aber erst durch Veröffentlichung seiner wissenschaftlichen Theorien zum Holzertrag berechnet auf 120 Jahre wurde er bekannt. Seine Bücher erlebten mehrere Auflagen und wurden sogar ins Französische übersetzt. 1798 nahm er die besser bezahlte Stelle als Landforstmeister in Dillenburg an.

Neben der Vermessung und Taxation der Wälder regelte er die Forstverwaltung neu und trennte das Kassenwesen ab. Seine Forstschule hatte nun 50 Schüler. 1806 nahm er eine Stelle in Stuttgart an, da er nicht unter Napoleons Schwager Murat dienen wollte. 1811 wurde er technischer Leiter der preußischen Forstverwaltung und setzte auch dort die Trennung von Forstverwaltung und Finanzwesen durch und schulte Forsteinrichter. Die Familie lebte nun in Berlin. 1837 starben Georg Ludwig und Theodore Hartig kurz hintereinander an einer Grippe.

Dass die Theorien von Hartig ihre Bedeutung bis in die Neuzeit haben, stellte Ulrich Stiehl heraus. Die 1987 gegründete Hartig-Stiftung, auch die Stadt Hungen ist Mitglied, verleiht Preise an verdiente Forstleute. 2016 wurde im Blauen Saal des Schlosses Hungen der Biologe Dr. Claude Martin für seinen Einsatz zur Rettung der Regenwälder geehrt. In seinem Buch »Endspiel« (2015) beschreibt er seine Untersuchungen und kommt zu dem Fazit, auch tropische Regenwälder könnten ohne Zerstörung der Biotope planmäßig nachhaltig bewirtschaftet werden. Eine lebhafte Diskussion zu dem Thema schloss sich an den Vortrag an und ging auf die Situation verschiedener Länder ein, in denen Korruption oft die Rettung der Wälder verhindert. Ulrich Stiehl konnte durch seine Fachkenntnisse viele Fragen beantworten.

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