11. Februar 2018, 09:05 Uhr

Einzelhandel in der Krise

Nach 125 Jahren kommt das Aus für »Papier Göbel« in Laubach

Die Krise des Einzelhandels in Zeiten von Internet und Outlet ist auch in Laubach zu beobachten: Nach 125 Jahren hat »Papier Göbel« geschlossen – für immer.
11. Februar 2018, 09:05 Uhr
Eines der letzten Kundengespräche für Kornelia Becher (rechts). Nach 125 Jahren schließt das Laubacher Geschäft »Papier Göbel«. Es lohnt nicht mehr. (Fotos: tb)

Geha oder Pelikan? Die Streitfrage aus alten Schülertagen dürfte in diesem Geschäft über 1000-mal gestellt worden sein. Dann eben, wenn Eltern mit ihrem Sprössling einen Füller erwerben wollten. Würde das Werbeschild an der Hauswand von »Papier Göbel« etwas zu sagen haben, hätte der Hersteller mit dem Vogel im Wappen meist die Nase vorn gehabt. Hat er aber nicht. Kornelia Becher, Eigentümerin eines der traditionsreichsten Laubacher Geschäfte, hat ihre Kunden stets unabhängig beraten.



Vor 52 Jahren hatte die 67-Jährige erstmals im Laden des Vaters Werner A. Becher gestanden. Fünf Jahre nach dessen Tod 1988 übernahm sie dann als »eingetragene Kauffrau« das Fachgeschäft für Bürobedarf, Papier- und Schreibwaren, führte es in vierter Generation weiter.«

 

Souvenier-Jäger blieben aus

Das Ende der Familientradition bietet Anlass zurückzuschauen. Wie sie zunächst erzählt, haben sich seit ihrem ersten Tag hinterm Tresen die Kundenwünsche radikal verändert – mal abgesehen von den Standardartikeln, vor allem alles aus dem Segment »Schulbedarf«.

Zu den Rennern ihrer Anfangszeit zählten Souveniers. Kein Wunder, kamen doch bis in die 60er ganze Busse mit Wander- und Keglerfreunden von Rhein und Ruhr in den Luftkurort. Und die standen auf Wandteller, Aschenbecher, Dosen, alles aus Porzellan, darauf Stadtansichten, fast immer mit Schloss. »Das lief richtig gut«, erinnert sich Becher. Nachgefragt wurden die Andenken auch von Austauschschülern, die ein Gastgeschenk brauchten.

Eine weitere Spezialität von »Papier Göbel« waren die Ansichtskarten mit Motiven aus der alten Residenzstadt. Ungezählte »Grüße aus Laubach« gingen so auf den Postweg, oft von Schülern, deren Klassenfahrt nicht nach Berlin oder London, sondern Laubach führte. Ende der 1990er war auch damit Schluss, gingen doch in der Jugendherberge am Ramsberg die Lichter aus. Längst Geschichte waren da bereits die Kegler und Wanderer.

Da bricht ein Stück Kultur weg

Kornelia Becher

Hinter dem Laden betrieb Werner Becher eine kleine Akzidenz-Druckerei. Wer Rechnungsformulare, Visiten- oder Trauerkarten in kleiner Auflage brauchte, der steuerte die Bahnhofstraße an. »Großkunde« war damals die Stadtverwaltung. Ein Steckenpferd hielt sich Werner Becher mit seinen Blättchen, die an alle Briefkästen gesteckt wurden. Darin gesammelte Dankesanzeigen, meist von den Konfirmanden. Seinem Hobby entsprechend, spickte er die Seiten mit Lokalhistorischem. Doch auch das Standbein Akzidenz brach bald weg. »Als der Offsetdruck kam, war das vorbei«, sagt Kornelia Becher. Einen Aufschwung sollte nochmal der Umbau 1981 bringen. Der Laden kam nun moderner daher, mit größerer Verkaufsfläche. Auch wenn es damals noch drei Mitbewerber gab, das Geschäft brummte: Manchmal war der Laden so voll, dass die Tür zugesperrt wurde.«

 

Seit zwei Jahren schon nicht mehr gelohnt

Anfang der Nullerjahre aber schwächelte dann auch der »Schulbedarf«, bisher eines der stabilsten Umsatzquellen. Neue Märkte und Discounter auf der Grünen Wiese erwiesen sich als übermächtige Konkurrenz. Boten sie doch auch die Vielfalt an Schulheften, für jeden Jahrgang ein anderes, an Wachsmalkreiden, Buntstiften. Nicht zu vergessen die Füller – und das nicht nur aus dem Hause Pelikan.

An dieser Stelle kommt der Kauffrau jene Kundin in den Sinn, die mit einem Einkaufszettel in den Laden kam, darauf fast alles durchgestrichen. »Sie fragte uns, was denn ein perforierter Zeichenblock sei. Wir antworteten ihr, dass sich daraus die Blätter leichter rausreißen lassen.« Darauf entgegnete die Kundin: »Hätte ich das mal vorher gewusst, die gab’s ja auch bei Aldi.« Es war einer der sehr seltenen Momente, da Kornelia Becher am liebsten einen Kunden vor die Tür gesetzt hätte.

Klar, auch ihre Branche bekommt neben den Märkten auch den Onlinehandel zu spüren. Seit zwei Jahren habe es sich eigentlich nicht mehr gelohnt, sagt Becher. Das 125-jährige Jubiläum aber mochte sie, obgleich längst in Rente, doch noch schaffen. »Das Kaufverhalten hat sich total geändert. Die enge Beziehung zum Fachgeschäft gibt’s immer weniger«, lautet ihr Fazit von 52 Berufsjahren.

Ebenso treffend ist Bechers Kommentar zum Sterben des inhabergeführten Einzelhandels: »Da bricht ein Stück Kultur weg«. So dürften es auch viele Laubacher sehen. Erst recht die Stammkunden. Einigen standen am Tag der Schließung Tränen in den Augen, sie bedankten sich bei der Chefin wie auch bei Cornelia Schäfer, seit 30 Jahren Angestellte des Ladens. Selbst Geschenke brachten sie mit: Blumen, einen Brief mit lieben Worten und ein gebackenes Herz für die 96-jährige Mutter von Kornelia Becher.

Vier Generationen in einer Familie

Blick in die Chronik von "Papier-Göbel"

- Mit der Schließung des Laubacher Papier- und Schreibwarenladens Göbel endet einen Familientradition, die sich über vier Generationen erstreckt. Den Anfang hatte Eduard Göbel gemacht, der in den 1870er Jahren in der Buchbinderei Merz gelernt hatte; jener Manufaktur, aus der manche der wertvollen Einbände stammen, die in der Schlossbibliothek zu bewundern sind.

- 1889 hatte sich Göbel selbstständig gemacht, zunächst am Markplatz neben seiner Werkstatt einen Schreibwarenhandel eröffnet. Hinter der Ladentheke stand Ehefrau Elisabeth. 1892 die Neueröffnung wenige Meter entfernt, in der Bahnhofstraße 3. .

- Auf Eduard Göbels Sohn Reinhold folgte dessen einzige Tochter Elisabeth, die 1949 den Schriftsetzermeister Werner August Becher heiratete. Der Siegburger erwarb sich bald auch ob seiner heimatkundlichen Schriften einen guten Namen in Laubach..

- 1981 wurde das Geschäft erweitert und modernisiert, das seit 1993 Tochter Kornelia Becher führte – bis vor wenigen Tagen, als sie den Laden für immer zusperrte. (tb)

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