25. Januar 2018, 18:00 Uhr

Für zwei Francs

Mittelhessen gingen zum Straßenkehren nach Paris

Paris – die Stadt, die heute Millionen von Touristen anzieht, war einst auch Ziel der Auswanderer aus dem Landkreis Gießen. Ein Großteil von ihnen wurde Straßenkehrer.
25. Januar 2018, 18:00 Uhr
Paris anno 1862: Was auf den Straßen fallen gelassen wurde, kehrten die Mittelhessen weg, . (Foto: fotolia/Erica Guilane-Nachez)

Sie waren auf der Suche nach einem besseren Leben oder wollten einfach nur heiraten. Doch nicht (nur) das entfernte Amerika lockte die Menschen aus Orten wie Rüddingshausen und Saasen an – sondern die französische Hauptstadt. Und hier wurden viele von ihnen Straßenkehrer.

Pfarrerin Ingrid Volkhardt-Sandori ist auf die kuriose Geschichte gestoßen. Als 2013 der Weltgebetstag in Frankreich aus der deutschen evangelischen Kirche in Paris im Fernsehen übertragen wurde, sprach sie eine Reiskirchenerin an: »In der Kirche ist meine Urgroßmutter getauft worden.« Das machte die Pfarrerin neugierig. Sie besuchte die Gemeinde in Paris und ging in den Archiven auf Spurensuche. Zurück in Reiskirchen fiel ihr schließlich das Buch »Woher sie kamen, wohin sie gingen« von Marie Herber aus Queckborn in die Hände. Diese hatte die Spuren der Auswanderer rund um Grünberg nachverfolgt. Für Rüddingshausen oder Saasen füllen die Listen der Auswanderer nach Paris mehrere Seiten, doch auch bei den anderen Orten sind viele Familiennamen aufgezählt.

Ab 1830 zog es zahlreiche Mittelhessen nach Paris. Die Hessen flohen vor den schlechten Lebensbedingungen daheim. Die Auswanderer waren meist arme Leute, die unter anderem unter der Industrialisierung litten. Während es in Frankreich und England schon Fabriken gab, lehnte der Hessische Großherzog von Darmstadt diese ab. Die Folge: Die billigen Exporte aus dem Ausland ruinierten die Kleinbetriebe in Oberhessen. Der handbetriebene Webstuhl konnte mit einer Maschine nicht mithalten. »Das ist das Gleiche, wie wenn heute Textilien aus der Kleidersammlung nach Afrika gehen und dort keiner mehr die heimische Kleidung kauft«, zieht Volkhardt-Sandori eine Parallele.

 

Betten wurden untervermietet

Kurios: Sehr viele Oberhessen wurden Straßenkehrer. Volkhardt-Sandori hat dafür nur eine Erklärung: »Was der eine wohl ausprobiert hat, hat der andere weiter erzählt.« Vielen waren mit ihrer gesamten Familie ausgewandert. In mietskasernenartigen Häusern lebten die Straßenkehrer zusammen. Die Verhältnisse waren sehr beengt. Teils wurden die Betten an Schlafgäste untervermietet. Der Traum vom großen Erfolg erfüllte sich meist nicht. Der Verdienst lag zwischen 1,5 Francs, später bei 2 bis 3 Francs. Morgens um vier Uhr hieß es aufstehen und zur Arbeit gehen. Dabei mussten auch die Frauen und Kinder mit anpacken. Die Männer gingen nochmals nachmittags zum Straßefegen.

 

Hessen wollten sich nicht integrieren

Da fast alle Mittelhessen Protestanten waren, wuchs die zuvor kleine evangelische Gemeinde Paris sprunghaft an. Auch eine Schule wurde direkt im deutschen Wohnviertel errichtet – finanziert mit Spenden aus Deutschland. Unterrichtet wurde in Deutsch. Denn die Straßenkehrer konnten die Landessprache nicht: »Es war eine Ehrensache, nicht französisch zu sprechen«, sagt Volkhardt-Sandori. »Die Oberhessen haben sich kein bisschen integriert.« Selbst für die Straßen und Plätze, die sie kehrten, entwickelten sie eigene Namen.

In Reiskirchen gibt es ein Dokument aus dieser Zeit: Die Vorfahren von Richard Haas haben 1859 in Paris geheiratet. Als Geschenk erhielten sie von der »Pariser protestantischen Bibelgesellschaft« eine Bibel. Wenn man heute Deutsche in Paris trifft, stammen diese in der Regel nicht von den Straßenkehrern ab. Denn nicht nur, weil der wirtschaftliche Erfolg ausblieb, zogen viele wieder zurück in ihre alte Heimat. Nach der Schlacht von Sedan im deutsch-französischen Krieg hatte man die deutschen Männer aus der französischen Hauptstadt ausgewiesen. »Das war das Ende der Epoche der oberhessischen Straßenkehrer.«

Über viele weitere spannenden Details aus der Geschichte der Oberhessen als Straßenkehrer in Paris spricht Pfarrerin Ingrid Volkhardt-Sandori am Montag, 29. Januar, um 15 Uhr im evangelischen Gemeindehaus Reiskirchen. Dabei ist neben der historischen Bibel von Richard Haas’ Ahnen auch ein Besen zu sehen, welche die Pfadfinder aus Beuern nach dem Vorbild der Straßenkehrer angefertigt haben. Der Eintritt ist frei.

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