18. Januar 2019, 21:52 Uhr

Mit Kohle nichts mehr zu verdienen

Brennstoffhändler frieren nicht. Auch nicht im Winter. Hans-Joachim Jäger kann das nur bestätigen. Zurzeit ist der Laubacher von früh bis spät auf Achse. Liefert die Energie, die für wohlige Wärme sorgt. Im Fall der Jäger OHG ist es vor allem Heizöl. Doch als einer der letzten Brennstoffhändler im Kreis liefern die Laubacher auch noch Kohlen aus.
18. Januar 2019, 21:52 Uhr
Hartmuth und Hans-Joachim Jäger vor Briketts und Eierkohlen. Alles gebündelt, die Zeit, da bis zu 200 Tonnen lose auf dem Hof lagerten, sind lange vorbei. (Foto: tb)

Der Brennstoffhandel an Laubachs Ortsdurchfahrt firmiert nach wie vor unter dem Namen Georg Wilhelm Jäger, Großvater von Hans-Joachim und Hartmuth, den heutigen Inhabern. Am 16. Dezember 1926 hatte der Opa den Betrieb in der August-Krieger-Straße von Fritz Klipstein übernommen, um diesen bald auf die andere Straßenseite zu verlagern. Dort gab es den benötigten Platz, um die damaligen Materialmassen zu lagern. Jede Menge Kohle: Briketts, Koks, Eier- und Schmiedekohle.

Der Standort ist geblieben, der Platz auf dem großen Hof aber wird längst nicht mehr gebraucht. Einzig ein Häuflein Kohle wartet hier darauf, endlich verfeuert zu werden, deren Besonderheit: gebrochene Stücke, fast wie sie die tiefste Sohle des Bergwerks Sophia Jacoba in Hückelhoven hergab, mit schimmernder Oberfläche. »Anthrazitkohle«, klärt Hans-Joachim Jäger den Laien auf, »fast reiner Kohlenstoff und daher mit hohem Heizwert.« Meist zu hoch. Bei den heutigen Öfen brennen die Roste durch. Schlechte Karten für das letzte Häuflein Anthrazit.

Hans-Joachim Jäger, 49 Jahre alt, kann sich noch gut erinnern, wie in seiner Kindheit in den 70ern ständig Lkw vorgefahren kamen und die Kohlenberge auf dem Hof immer höher wuchsen. Die Briketts kamen – wie auch heute noch – aus Frechen, unweit des rheinischen Braunkohlereviers. Koks, mit dem man vor allem Gärtnereien mit ihren speziellen Kesseln belieferte, kam aus dem Ruhrgebiet. Ebenso wie die Eierkohlen, die doch nichts anderes sind als gepresster Steinkohlestaub, mit Pech gebunden. Nicht erst seit Schließung der letzten deutschen Zeche im Dezember kommen letztere aus Großbritannien.

Wie Margot Jäger, 82-jährige Mutter der Firmenchefs, schildert, war das begehrte Heizmaterial bis nach dem Krieg am Bahnhof Laubach angeliefert worden. Die Waggons fassten 26 Tonnen Briketts oder 13 Tonnen Eierkohlen, alles lose. Anfangs sei der Transport zur Firma noch mit dem Pferdefuhrwerk erledigt worden. Bis zu 200 Tonnen lagerten damals auf dem Hof.

»In den 70ern, spätestens Anfang der 80er wurde das immer weniger«, fährt Hans-Joachim Jäger fort. Die Kohlenberge wurden zusehends kleiner. Doch noch gab es viele Kunden mit Einzelöfen, die meist schon im Sommer einige Zentner des rußigen Brennstoffs bestellten. Immerhin 200 bis 300 Zentner habe man damals an einem Tag ausgefahren, da schon weniger als lose Ware, meist in Säcken. Abwiegen und Befüllen der 50-Kilo-Behältnisse, Be- und Entladen der Lastwagen – alles in Handarbeit. Unter den Abnehmern befanden sich damals sogar einige wenige Laubacher, die »für lau« Deputatkohle erhielten. »Ehemalige Bergleute, das haben wir über die RAG abgerechnet.«

Neben den Jägers gab es vor 50 Jahren allein in der alten Residenzstadt noch drei weitere Betriebe, die Kohlen ausfuhren. Heute bedient in Laubach einzig Jäger dieses Segment. »Wir beliefern gerade mal noch fünf Kunden«, sagt der 49-Jährige. Alte Leute im Vogelsberg. Die letzten, die noch mit Briketts oder Eierkohlen ihre Öfen bestücken. Hinzukomme etwas Laufkundschaft. »Ein Service für unsere Kunden, zu verdienen ist damit nichts.«

Der Niedergang der Kohle resultiert vor allem aus dem Siegeszug des Heizöls (weitere »Konkurrenz« sollte folgen). Den hatte Hans-Hermann Jäger vorhergesehen: Bereits 1957 kaufte er seinen ersten Lastwagen, ein Borgward, mit dem er auch Öl transportieren konnte. »Angefangen hat unser Vater mit 200-Liter-Fässern«, erzählt Hans-Joachim Jäger, der in diesen Tagen mit einem Laster in Oberhessen unterwegs ist, dessen Tank 18 000 Liter fasst. Auf dem Betriebshof an der Laubacher Hauptstraße herrscht derweil – mal abgesehen von den 20 Zentnern Anthrazitkohle – gähnende Leere. Alles ist unter Dach. Nichts mehr lose. Die Briketts in 10- und 25-Kilo-Bündeln, die Eierkohlen in Säcken zu einem halben Zentner. Dazu 30 bis 40 Raummeter Holz, als große Scheite oder kleine Späne zum Anzünden.

Kunden sind vor allem die Besitzer von Kaminöfen, die überwiegend Holz, aber auch mit Briketts verbrennen. Ein Wachstumssegment. Zugute aber kommt der Trend vor allem Baumärkten und Handelsketten: »Die ordern Riesenmengen, bekommen ganz andere Einkaufspreise, da können wir nicht mithalten«, sagt Jäger. Und mit etwas Wehmut zieht er nochmals dieses Fazit: »Mit Kohle ist heute nichts mehr zu verdienen.«

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