15. September 2017, 10:00 Uhr

Wahlkampf

Mit 76 nochmal in den Bundestag

Auch wenn er wohl nicht Alterspräsident des nächsten Bundestages wird, ist er doch einer der ältesten Abgeordneten, die in das hohe Haus einziehen: Hermann Otto Solms. Wir haben ihn begleitet.
15. September 2017, 10:00 Uhr
Auch wenn Genosse Matthias Körner zeigen will, wo es hingeht: Hermann Otto Solms war schon längst da. 33 Jahre lang, bis 2013, gehörte der FDP-Politiker dem Bundestag an. Jetzt will der Polit-Senior dahin zurück. (Foto: Schepp/so)

Fast knabenhaft schmächtig wirkt Hermann Otto Solms, wie er so da auf dem Podium der Schulturnhalle sitzt zwischen Joana Cotar von der AfD und dem gewichtigen CDU-Staatsminister Helge Braun. Die Mitbewerber Matthias Körner (SPD) und Ali Al-Dailami von der Linken diskutieren schon mächtig miteinander auch über den Kopf der Grünen Eva Goldbach hinweg, bevor es überhaupt offiziell losgeht mit der Kandidaten-Runde, die sich den Schülerfragen am Gießener Landgraf-Ludwigs-Gymnasium stellt. Solms sitzt derweil ganz ruhig auf seinem Stuhl, fast in sich gekehrt und die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet: Die personifizierte Contenance.

Der ältere Herr und die Schüler 

76 ist er, auch wenn man es ihm beileibe nicht ansieht. Aber der ältere Herr bei den Schülern, die allesamt seine Enkel sein könnten? Was hat er ihnen denn zu sagen? »2013 hatte ich eigentlich mit der Politik abgeschlossen«, erinnert er vor den Schülern, von denen die meisten nicht wissen, wie das war, 2012 beim Landesparteitag der FDP in Bad Homburg.

Damals hatten die hessischen Liberalen Solms als Spitzenkandidaten für die Landesliste zur Bundestagswahl durchfallen lassen. »Das Aus für den Prinzen«, schlagzeilte die »Bild« mit Blick auf den vollständigen Namen Hermann Otto Prinz zu Solms-Hohensolms-Lich. Und zitierte seinerzeit ungenannte FDP-Mitglieder, die das Alter von Solms gegen eine Spitzenkandidatur ins Feld führten: 71 – das stehe nicht für personelle Erneuerung.

Als die FDP 2013 rausflog, da dachte ich mir: Das kann es ja nicht gewesen sein

Hermann Otto Solms

Nun ist er wieder da. »Als die FDP 2013 rausflog, da dachte ich mir: Das kann es ja nicht gewesen sein«, beschreibt Solms die Motivation, die ihn auch als 76-Jährigen antreibt. Wobei er aus seinem Alter gar keinen Hehl macht: »Ich bin ein älteres Semester«, gesteht er im Dialog mit den Schülern.

Immerhin hat er bereits von 1980 an bis eben 2013 dem Bundestag angehört, war dort sieben Jahre FDP-Fraktionsvorsitzender, später für 15 Jahre Vizepräsident des hohen Hauses und wäre 2009 beinahe Bundesfinanzminister geworden.


In der Pflicht


Der »Spiegel« spöttelte über Solms und dessen Parteifreund Rainer Brüderle mit Blick auf deren Alter damals gar wenig charmant, die beiden seien wie die beiden Rentner aus der Muppet-Show: Astor und Walldorf… Und dennoch: Solms tritt nicht kürzer, scheint sich gar in der Pflicht zu sehen, seiner Partei, deren Kasse er bis heute führt, zu neuem, altem Glanz zu verhelfen.

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Kokettieren mit dem Alter?


Mit der Lebenserfahrung lässt sich sogar gut werben: »Engagement ist keine Frage des Alters«, hat Solms auf seine Plakate drucken lassen. Prominent dazu: »76 Jahre«. Und: »Denken wir neu«.

Ob es allein der Respekt vor dem Alter ist, dass man widerspruchslos duldet, als er bei einem kurzen Disput von Al-Dailami und Cotar über Finanzierung von Bildungpolitik sachlich moderierend dazwischengeht und mehr Gemeinsamkeit angesichts der Größe der Aufgabe anmahnt? In aller Höflichkeit, aber doch deutlich. Gänzlich unaufgeregt kommt der Nestor der FDP dabei rüber, fast abgeklärt. Aber gleichermaßen präzise und wohlabgewogen im Befund.


Beifall für den Bürgerrechtler
 

Beifall brandet auf, als sich der liberale Senior als Bürgerrechtler profiliert und beim Thema »Innere Sicherheit« im Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Freiheit mahnt, darauf zu achten, dass eben die Freiheit der Menschen nicht zu stark eingeschränkt wird.

Ein klares Nein von ihm zum ansatzlosen Sammeln von Daten: »Das geht nicht!«. Und damit meinte Hermann Otto Solms den Staat ebenso wie die Wirtschaft, die gleichermaßen Interesse an den Bürgern hat, um diese bei Konsum- und Kaufverhalten zu manipulieren.


Gegen die totale Überwachung
 

»Eine Vorratsdatenspeicherung ist in meinen Augen nicht zulässig, darf es nicht geben«, macht Hermann-Otto Solms klar. Weil es eben eine totale Überwachung möglich mache. Sehr wohl aber hält er eine gezielte Überwachung im Verdachtsfall für machbar. Da erfährt er übrigens Zustimmung von der Linken.

»Die individuelle Freiheit der Bürger und seine Daten müssen geschützt werden vor dem Zugriff des Staates«, wiederholt Solms an anderer Stelle nochmals. Und wenn der Liberale solche Sätze spricht, dann ist es mucksmäuschen-still in der großen Halle.

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