Kreis Gießen

Mit 55 wieder in Lohn und Brot Firma Kretz + Wahl, Fernwald

Gießen/Fernwald (no). Er sei noch nicht wieder richtig zu Hause gewesen von der Vorsprache in der Agentur für Arbeit wegen Suche einer Arbeitsstelle, da hätten ihn »die Seelenverkäufer« bereits stapelweise mit Briefen überhäuft und ihre Dienstleistung angeboten. Seelenverkäufer – so nennt Michael Wolf die Leiharbeitsfirmen. »Aber ich wollte mich nicht unter Preis verkaufen.« Gemeint war eine Situation vor gut einem halben Jahr: Kurzfristig war der 55-Jährige aus Butzbach arbeitslos geworden, hatte sich auf einem gesellschaftlichen Abstellgleis gesehen. Jetzt kann er wieder lachen und optimistisch nach vorn blicken: Seit fünf Monaten steht er bei der Firma Kretz + Wahl in Steinbach in Lohn und Brot.
09. Dezember 2016, 12:00 Uhr
Norbert Schmidt
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Gesucht und gefunden: Michael Wolf mit Simone Siee und Jochen Kretz. (Foto: no)

Wolf ist eines dieser positiven Beispiele, die es sehr wohl auch gibt auf dem Arbeitsmarkt, während die politische Debatte dazu geprägt wird von der für Betroffene verhängnisvoll erscheinenden Ansicht, derzufolge Menschen über 50 schwer bis kaum wieder vermittelbar sind. Schwerer haben sie es auf jeden Fall. Das musste auch der gelernte Stahlbetonbauer erfahren.

»Altersmix« muss stimmen

Drei Monate lang hatte der verheiratete Mann mit seiner Familie von je 1050 Euro Arbeitslosengeld leben müssen. »Man kommt sich blöd vor mit seinen Bewerbungen, die mit der Bemerkung quittiert werden, man sei zu alt. Denen habe ich dann immer nur gesagt: Zwanzigjährige mit dreißigjähriger Berufserfahrung werdet ihr nicht finden. Die gibt’s nicht!« Schnell habe sich Existenzangst breitgemacht in seinem neuen Alltag. Bald 30 Jahre hatte er zuvor Lüftungsanlagen montiert; in dieses Metier sei er »reingerutscht«, als es einmal »auf dem Bau schlecht war«.
Dann war ihm in der Lokalzeitung eine Stellenanzeige von Kretz + Wahl aufgefallen, wo er sich – wie er sagte – zuvor bereits einmal beworben hatte. »Handschriftlich. Ich bin kein Computermensch.« Also dann der erneute Versuch. Diesmal kam er durch: Simone Siee, Assistentin der Geschäftsführer und so auch Leiterin der Personalverwaltung des familiengeführten 70-Mitarbeiter-Unternehmens vom Ruhberg, riet Jochen Kretz, einem ihrer Chefs, Michael Wolf zum Vorstellungsgespräch einzuladen.
Das war an einem Freitagnachmittag. Um 17 Uhr kam der Anruf – und am Montag der Folgewoche hatte der Butzbacher eine neue Arbeitsstelle, war er als Monteur von Klima- und Lüftungsanlagen eingestellt. »Ich glaube, es hat gepasst«, schmunzelte er im Gespräch mit dieser Zeitung und im Beisein von Kretz und Siee. Mehr noch. »Ich fühle mich wohl hier; auch mit den Kollegen.«
»Wir arbeiten ja selbst mit drei Generationen in der Geschäftsleitung«, sagte Dipl.-Ing. Jochen Kretz auf die Frage nach der Akzeptanz älterer Beschäftigter. Diese hätten eben in der Regel einen hohen Erfahrungsgrad vorzuweisen. »Von ihnen können die jüngeren Leute noch etwas lernen.« Apropos Ältere: »So sehr wir es jedem gönnen: Wir lassen erfahrene Leute ungern in Rente gehen«, fügte Kretz hinzu. Denn deren Erfahrung wiege umso mehr, weil das Unternehmen Spezialisten mit Allrounderqualitäten brauche: »Die Jobs hier sind nicht einfach. Jede Anlage gibt es nur einmal. Immer ist es eine Neuentwicklung.«
Heißt das im Umkehrschluss, dass man auf eher jüngere Beschäftigte verzichten kann? Von wegen: Das Unternehmen setze auf einen »gesunden« Altersmix. »Von 17 bis 82 ist alles da!« Man bilde zudem in allen Bereichen aus, habe jetzt auch jemanden, der an der Technischen Hochschule Mittelhessen einem Dualen Studium »Energie und Wärmetechnik« nachgehe. Und Kretz + Wahl stellte zusätzliche Azubis für die Berufe Technischer Systemplaner und Anlagenmechaniker ein, als kompetente Bewerber nachfragten. »Wir wollten die jungen Menschen nicht warten lassen und deren Bildungsbereitschaft nutzen.« Was eigentlich klingt wie eine abgedroschene Phrase, kommt bei Jochen Kretz überzeugend: »Unsere Personalplanung ist eine langfristige Investition in die Zukunft.« Was auch für die Beschäftigten gelte; für diese und ihre Familien sehe man sich in der Verantwortung. Nicht zu vergessen in diesem Kontext noch der Geschlechteraspekt: Frauen drängen bei Kretz + Wahl in ehemals männerdominierte Technikberufe. Konkret: Beschäftigt sind eine Projektleiterin, zwei technische Systemplanerinnen und in der Abteilung Einkauf/Kalkulation eine technische Projektkauffrau.
Bei der Agentur für Arbeit in Gießen freut man sich über den geschilderten Vorgang. Behördensprecher Johannes Paul: »Immer mehr Unternehmen wissen die Erfahrung älterer Arbeitnehmer zu schätzen und stellen diese auch neu ein. Von dieser Entwicklung profitieren Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen.« Im Landkreis Gießen waren im September 2908 Menschen über 50 Jahre arbeitslos gemeldet – von insgesamt 6567.
Und was rät Michael Wolf seinen arbeitslosen Altersgenossen, die bislang nicht so ein Glück hatten wie er? »Am Ball bleiben! Von allein ändert sich nichts.« Lüftungs- und Klimatechnik sowie Kältetechnik sind die Metiers der Firma Kretz + Wahl in Steinbach. Das betrifft Neuanlagen ebenso wie die Nachrüstung etwa von Büro- und Verwaltungsgebäuden, Industriehallen, Kliniken, Hallenbädern oder Schulen aus den 1970er oder 1980er Jahren. Auf der Referenzliste finden sich das Stadttheater, Stadthaus oder die neue Volksbank in Gießen ebenso wie zahllose große Gebäude in Frankfurt, darunter ECE, Le Byro, Skylight, Maintriangel, Lufthansa Flight Center und Metzler-Bürogebäude.
Internet: www.kretz-wahl.de

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/Kreis-Giessen-Mit-55-wieder-in-Lohn-und-Brot-Firma-Kretz-Wahl-Fernwald;art457,137590

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