19. Juli 2017, 19:52 Uhr

Mehr als ein »Streichelzoo«

19. Juli 2017, 19:52 Uhr
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Von Rüdiger Soßdorf
Das Kaninchen der Rasse Meißner Widder fühlt sich sichtlich wohl auf dem Arm von Julia Bäuml. Die alte Nutztierrasse gilt als gefährdet und soll in Launsbach gezüchtet werden.

Häschen streicheln und Hühner füttern – das ist pure Freude für Kinder, wenn sie so lernen, mit Haustieren umzugehen. Und wenn sie dann ganz nebenbei noch erfahren, wie das mit der Henne und dem Ei ist, und dass »Stallhasen« eigentlich Nutztiere waren – dann ist viel gewonnen. Denn der kleinbäuerliche Nebenerwerb schwindet zunehmend aus den Dörfern; der Anschauungsunterricht »gleich um die Ecke« ist den Kindern immer seltener möglich. Gut, dass es den Belzgass-Hof in Launsbach gibt: Eine alte Hofreite mitten in im Dorf ist seit vielen Jahren als »Quiekendes Museum« Anlaufpunkt für Kinder- und Jugendgruppen.

Hasen, Hühner, Gänse, Schafe

Dort sollen nun wieder Tiere einziehen, auch wenn es keine Schweine sein werden. Den Anfang machen Hexe, Nariya, Amira und Fenja – vier junge Kaninchen der Rasse Meißner Widder. Hinzukommt demnächst ein Rammler, um mit Zucht diese selten gewordene Nutztierrasse zu erhalten. Streichelhäschen als Nutztier? Gewiss: Denn die Bewohner des Hasenstalls dienten noch vor wenigen Jahrzehnten vornehmlich der Bereicherung des Speiseplans.

Auch im Hühnerpferch soll schon bald wieder Leben einkehren, denn das letzte Federvieh wurde 2016 geschlachtet. Zum einen war das der Vogelgrippe geschuldet, und zum anderen, weil die Tiere ohnehin das entsprechende Alter erreicht hatten. Der Hahn, ein »Caruso« besonderer Art mit ausgeprägtem Mitteilungsbedürfnis, war wohl ebenfalls nicht ganz freiwillig aus dem Leben geschieden, berichtet Hans-Richard Wegener vom Naturschutzbund Wettenberg. Der NABU und der Bund für Vogelschutz haben im Handschlag mit der Landschaftspflege und der Kommune quasi die Patenschaft übernommen und unterstützen des Projekt.

Hinzukommen in der Belzgass noch Gänse und Schafe (»Skudden«), die zur Beweidung eingesetzt werden können. So greifen Landschaftspflege und der Erhalt von Arten auf dem Lernbauernhof idealerweise ineinander.

Um das Leben auf dem alten Hof kümmern sich in erster Linie Anne Spitzner und Julia Bäuml, die mit ihrem Umweltberatungsbüro »Biolution« dort seit gut einem halben Jahr Ankermieter sind. Dankbar sind die Macher vom Belzgass-Hof jedenfalls für weitere Unterstützer, denn die Tiere benötigen nicht nur Futter, sondern es sind beispielsweise auch Tierarztrechnungen zu begleichen. So nahm man jüngst erst erfreut eine 1000-Euro-Spende vom Porsche-Zentrum entgegen, und der Raiffeisenmarkt in Lahntal-Sterzhausen hat die Erstausstattung der Hasenställe beigesteuert. Die benachbarte Landwirtsfamilie Seibert spendiert Heu und Stroh, und auch der »Fressnapf« in Gießen hat sich bereits um die Belzgass verdient gemacht.

Um das Projekt langfristig weiteren Menschen zu erschließen, arbeitet man an pädagogischen Konzepten für den Hof. Idee ist, die Launsbacher Belzgass ähnlich wie etwa das Holz- und Technikmuseum in Wißmar als »Außerschulischen Lernort« zu profilieren.



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