07. November 2017, 13:00 Uhr

Jubiläum

Manfred Schmitt (68) trägt seit 60 Jahren die Zeitung aus

Manfred Schmitt ist seit 60 Jahren der Mann der Gießener Allgemeine in Bollnbach, dabei ist er erst 68 Jahre alt. Warum er einst als Achtjähriger begann, und wie er es schafft, nie zu verschlafen.
07. November 2017, 13:00 Uhr
Ehemaliger Eisenbahner, Ortsvorsteher, Landwirt, freier Mitarbeiter, Austräger dieser Zeitung und noch viel mehr – Manfred Schmitt aus Bollnbach bei Saasen hat viele Jobs. Und an allen hat(te) er Freude. Foto oben: Manfred Schmitt als Achtjähriger. (Fotos: bb/privat)

Bollnbach gehört zum Dorf Saasen, und Saasen ist ein Ortsteil von Reiskirchen. Bollnbach hat 27 Häuser und 70 Einwohner. Jeder kennt hier jeden. Die Vogelsbergbahn führt direkt am Dorf vorbei. Zusteigen kann man in Bollnbach aber leider nicht. Da muss man rüber nach Saasen.

Wenn man nach Bollnbach kommt, sieht man links den Hof der Familie von Schmitts Sohn Mario. Und das Wohnhaus von Manfred Schmitt und seiner Frau Irene. Schmitt ist in dem kleinen Ort eine Institution. Hauptberuflich war er bei der Bahn, und ein überzeugter Eisenbahner ist er auch im Ruhestand geblieben. Nebenberuflich ist der 68-Jährige vieles: Landwirt, Ortsvorsteher (von Saasen, Bollnbach und Wirberg), freier Mitarbeiter unserer Zeitungsredaktion und noch ganz viel mehr.
 

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Manfred Schmitt als Achtjähriger: Damals fing er als Austräger an. (Foto: privat)

Zum Beispiel ist er einer unserer vielen Austräger. Und das seit nunmehr genau 60 Jahren. Ganz schön lang. Wie es war, mit acht Jahren das erste Mal Zeitungen auszutragen und was man am frühen Morgen alles erlebt, erzählt Schmitt im Jubiläums-Interview.

Herr Schmitt, wie kam es, dass Sie mit acht Jahren angefangen haben, unsere Zeitung auszutragen?

Manfred Schmitt: In Bollnbach wurde damals ein neuer Austräger gesucht. Ein Mitarbeiter der Allgemeinen kam ins Dorf. Weil er sich nicht auskannte, blieb er vor der ersten Hofreite stehen. Mein Opa war immer am Fenster oder irgendwo draußen ums Haus herum. Der Mann von der Allgemeinen, damals war es ja noch die Gießener Freie Presse, hat meinen Opa gefragt, ob er im Ort jemanden kennt, der die Zeitung austragen könnte. Mein Opa hat in schönster Mundart gesagt: ›Ei, das kann de Bub gemache‹.

Aber so ein kleiner Junge ...

Schmitt: Also nach Jugendschutzgesetz und so wurde damals nicht gefragt, der Vertrag lief ja auch auf meine Eltern. Ich habe jedenfalls ab diesem Zeitpunkt die Zeitung getragen. Bis zum heutigen Tag. Ich meine, Bollnbach ist ja nicht Gießen, es gab immer so zwischen acht und zehn, auch mal elf Abonnenten. Das kann man ja als kleiner Junge leisten.

Das war damals sicher noch etwas anders als heute ...

Schmitt: Ja, die Zeitung wurde im Fünf-Uhr-Zug aus Gießen angeliefert. Von Saasen wurde sie dann irgendwann am Vormittag nach Bollnbach gebracht. Die Regelung, dass die Zeitung bis sechs Uhr morgens ausgetragen werden muss, die gab es da noch nicht. Nach der Schule habe ich dann die Zeitungen ausgetragen. Später bekam ich ein Fahrrad, da habe ich die Arbeit schon vor der Schule erledigt.

Haben Sie nie ans Aufhören gedacht?

Schmitt: Nein, das hat sich auch später alles ganz gut eingependelt. Ich habe auch immer fleißig geworben. Viel Luft nach oben war da aber nicht. Das Höchste waren mal zehn oder elf Abos, das waren dann immerhin mehr als die Hälfte aller Haushalte. Die Urlaubsvertretung haben wir innerhalb der Familie geregelt. Jeder hat mitgeholfen. Als ich bei der Bundeswehr war, ist das auch familienintern überbrückt worden.

Ich richte mich noch immer nach dem Fünf-Uhr-Zug, dann geht's raus

Martin Schmitt

Was war denn Ihre Motivation?

Schmitt: Als Kind war es für mich ein toller kleiner Verdienst. Im Laufe der Jahre ist aus dem Muss eine ehrenvolle Verpflichtung geworden. Ums Geld ging es dann nicht mehr, aber der Kontakt zur Zeitung war sehr eng geworden. Man empfindet sich immer mehr Teil des Verlags. Ich habe ja auch die Gemeindeblättchen getragen. Dazu jetzt auch den »Hessenbauer«. In Bollnbach ist die Landwirtschaft ja noch gut aufgestellt. Da bleibt kein Stück Land lange unbearbeitet.

Hat so ein Austrägerjob denn nicht auch Auswirkungen auf das Freizeitverhalten?

Schmitt: Das ist alles eine Frage der Organisation. Urlaubsvertretung, das sagte ich schon, ist kein Problem. Aber man muss unter Umständen zurückstecken, wenn Feierlichkeiten anstehen. Ich muss ja morgens früh in der Lage sein, durchs Dorf zu gehen. Oder man sagt den Abonnenten, dass es am nächsten Tag etwas später werden kann. Aber meist ist es so, dass alle anderen Bollnbacher auch zu diesen Festen gehen und dann länger schlafen. Dann ist es ja nicht nötig, dass ich bis sechs Uhr fertig bin.

Gab es denn auch außergewöhnliche Ereignisse so am frühen Morgen?

Schmitt: Schon, da sind ein paar Dinge gewesen. Aber darüber decke ich den Mantel des Schweigens. Ist alles zu privat ...

Wind und Wetter ...

Schmitt: Ist natürlich gerade im Winter ein Thema. Es war tatsächlich manchmal so glatt, dass ich fast auf den Knien rutschen musste. Das war manchmal lebensgefährlich. Aber es ging gut. Einmal bin ich gefallen. Aber gebrochen habe ich mir dabei nichts.

Haben Sie mal verschlafen?

Schmitt: Ich richte mich noch immer nach dem Fünf-Uhr-Zug, dann geht’s raus. Manchmal passiert es mir aber schon mal, dass ich auch sonntags aus dem Bett hüpfe und dann erst merke, dass kein Zeitungstag ist.

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