01. Januar 2017, 20:00 Uhr

Mama für acht Stunden

Ein Einfamilienhaus in einem Neubaugebiet von Lich. Sandkasten und Rutsche im Garten weisen auf spielende Kinder hin. Stimmt! Doch die Kinder der Hausbesitzerin sind erwachsen und längst aus dem Haus. Die Spielgeräte werden von anderen genutzt. Stephanie Häuser-Lang ist Tagesmutter. Aus tiefster Überzeugung.
01. Januar 2017, 20:00 Uhr
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Von Ursula Sommerlad
Jeden Morgen wird gemeinsam gefrühstückt: Stephanie Häuser-Lang ist Tagesmutter für fünf Kleinkinder. (Foto: us)
Jeden Morgen, so zwischen halb acht und acht, trudeln Laura, Elisa, Maja, Matthis und Marianna, die eigentlich anders heißen, bei der Tagespflege ein. Wenn sie zusammen mit ihrer Tagesmutter eine halbe Stunde später einträchtig beim Frühstück sitzen, wirken sie wie eine Familie. Allerdings sind die Kinder fast alle im gleichen Alter. Eineinhalb ist die Jüngste, die Älteste ein bisschen über zwei.
Stephanie Häuser-Lang hat vier eigene Kinder großgezogen. Als die beiden jüngeren klein waren, nahm sie jeweils ein Tageskind dazu. Das war der Anfang. Irgendwann entschloss sich die gelernte Lehrerin, nicht in ihren alten Beruf zurückzukehren, sondern den neuen auszubauen. Die Entscheidung liegt rund 20 Jahre zurück. Bereut hat sie die 61-Jährige bis heute nicht. »Meine Arbeit liegt mir sehr am Herzen«, sagt sie. Deshalb findet sie es schade, dass die Tagespflege als gleichrangige Betreuungsform neben Krippe oder Kita in der öffentlichen Wahrnehmung manchmal zu kurz kommt.
Der Tag bei der Tagesmutter folgt einer feste Struktur. Nach dem Frühstück spielen die Kinder ein bisschen vor sich hin, danach gibt es gemeinsame Aktivitäten. »Wir gehen gerne raus«, sagt die Häuser-Lang. »Es muss schon in Strömen regnen, um uns davon abzuhalten.« Dann zieht die Gruppe durchs Neubaugebiet oder besucht den Bauern gleich um die Ecke. Wenn es wärmer wird, nehmen die Kinder Sandkasten und Rutsche im Garten im Beschlag. Das Mittagessen, das währenddessen im Slowcooker vor sich hingeköchelt hat, steht um Viertel vor Zwölf auf dem Tisch. Dann ist es Zeit für ein Nickerchen. Nach dem Aufwachen wird vorgelesen oder gemeinsam gesungen und, schwupps, schon ist der Tag vorbei und die Eltern stehen vor der Tür.
Zwei Dinge fallen besonders auf, wenn man Häuser-Lang und ihre Schützlinge besucht. Erstens: Obwohl hier fünf Kleinkinder spielen, wirkt das gemütliche Wohnzimmer mit dem Sofa, dem großen Esstisch, dem Ofen und den vielen Sitzkissen ziemlich gut aufgeräumt. Und zweitens: Die Kinder sagen »Mama« zu ihrer Tagesmutter.
Bei der Sache mit der Ordnung wiegelt Häuser-Lang ein bisschen ab. Manchmal sehe es auch anders aus. »Aber die Kinder können nicht konzentriert spielen, wenn alles durcheinander liegt.« Und »Mama« sagten die Kleinen nur, solange »Stephanie« für sie zu schwierig sei. »Sie können aber zwischen mir und ihrer richtigen Mutter sehr genau unterscheiden,« versichert die Licherin. Das stellt sich später bei einem kleinen Fragespiel auch schnell heraus. »Wo ist die Mama?« fragt Häuser-Lang. »Mama Arbeit«, lautet die Antwort. Oder auch »Mama zu Hause. Bibi« – Majas Mutter ist mit dem neugeborenen Geschwisterchen daheim.
»Kindertagespflege« – so lautet der korrekte Ausdruck für das, was Menschen wie Häuser-Lang tun. Diese eher familiäre Form der Betreuung gilt als gleichrangige Alternative zu Krippe oder Kita und wird ebenfalls öffentlich bezuschusst. Eltern sollen frei entscheiden können, von wem, in welcher Form und in welchem Umfang sie ihre Kinder betreuen lassen möchten.
Befragt man Häuser-Lang nach den Vorteilen der Kindertagespflege, so muss sie nicht groß nachdenken. »Es gibt ganz viele, sagt sie. Zum Beispiel die kleinen Gruppen. Tagesmütter und -väter dürfen maximal fünf Kinder betreuen. In der Kita dagegen können 15, 20 oder mehr Kinder in einer Gruppe sein. »Allein vom Lärmpegel her macht das einen Riesenunterschied«, sagt die 61-Jährige. Zudem bleibe für das einzelne Kind mehr Zeit. Ein positiver Aspekt für die Eltern sei zudem die Flexibilität. »Bei mir kann das Kind auch mal länger bleiben, wenn außer der Reihe ein Termin ansteht.«
Aber die Tagespflege hat auch Nachteile. Was ist, wenn die Tagesmutter krank wird? Diese Frage ist nicht zufriedenstellend gelöst. Vor allem bei längeren Erkrankungen sei das ein Problem, sagt Häuser-Lang. Sie weiß von anderen Landkreisen, die für solche Fälle über »Springer« verfügen. Im Kreis Gießen gebe es die aber nicht. Da kann man nur einer alten Regel vertrauen: »Mütter werden nicht krank.«
Auch bei der postulierten Gleichrangigkeit von Tagespflege und Tagesstätte sieht die Licherin Lücken. Wenn ein Elternteil zu Hause ist, werden zum Beispiel nur 20 Stunden Tagespflege pro Woche bezuschusst. Die finanziellen Konsequenzen müssten die Tagesmütter tragen. Ein Ganztagsplatz im Kindergarten hingegen stehe nicht grundsätzlich in Frage. Von einer strukturellen Benachteiligung will Häuser-Lang allerdings nicht reden. »Ich glaube eher, das einige Sachen nicht ganz zu Ende gedacht sind.« Dennoch bereut sie es nicht, sich vor mehr als 20 Jahren gegen den Beamtenstatus und für die Selbstständigkeit entschieden zu haben. »Die Arbeit macht mir einfach Spaß.«


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