23. April 2019, 10:05 Uhr

Bücher

Literaturkreise liegen im Trend

Ein Mensch und ein Buch: Üblicherweise ist das eine spannende Zweierbeziehung. Aber manchen Lesern reicht das nicht.
23. April 2019, 10:05 Uhr
Seit 2014 leitet Peter Ihring das Licher Literaturgespräch in der Stadtbibliothek. Die Teilnahme ist unverbindlich, alle Interessierten sind willkommen. Das nächste Treffen ist für den 7. Mai geplant. (Foto: us)

Lesen kann man überall. Allein am Küchentisch oder auf dem Sofa, im Liegestuhl, im Flugzeug, in der Bahn... Oder in Gemeinschaft. Letzteres tun offensichtlich immer mehr Menschen. In Deutschland gibt es Schätzungen zufolge etwa 70 000 Literaturkreise. »Es ist fast schon ein Trend«, sagt Dr. Peter Ihring. Wenn das stimmt, dann ist der 60-Jährige aus Lich ein Trendsetter. Seine Leidenschaft für Literatur teilt er nicht nur mit Freunden in einem privaten Lesekreis, sondern seit einigen Jahren auch öffentlich. 2014 hat er das »Licher Literaturgespräch« ins Leben gerufen. Seither treffen sich Lesebegeisterte einmal im Monat in der Stadtbibliothek, um sich bei einem Glas Wasser oder Wein über ein Buch auszutauschen, das zuvor jeder für sich gelesen hat. Das Angebot ist unverbindlich, eine Anmeldung nicht erforderlich.

Meist stehen beim Literaturgespräch belletristische Ersterscheinungen im Mittelpunkt. Am Dienstag vor Ostern ist das ein bisschen anders. Diesmal geht es um ein Buch, das schon 1896 erschienen ist, allerdings in Georgien. Man darf getrost darauf wetten, dass keiner der Besucher jemals zuvor von »Samanschiwilis Stiefmutter« gehört hat. Den zungenbrecherischen Namen des Autors kann selbst Ihring nicht unfallfrei aussprechen: Dawit Kldiaschwili.

Wie kommt man auf solch entlegene Lektüre? Der Gesprächsleiter lächelt. Georgien war Gastland der letzten Frankfurter Buchmesse; »Samanschiwilis Stiefmutter« ist im Herbst erstmals in deutscher Übersetzung erschienen und Ihring hat eine Rezension in der FAZ gelesen. »Ich dachte mir gleich: Das wäre was für uns.«

 

Keine dicken Wälzer

 

Rein äußerlich entspricht der hübsch aufgemachte Band einer wichtigen Anforderung, die ein Literaturgespräch-Buch erfüllen muss. Er ist schmal, mit 142 Seiten sogar sehr schmal. Richtig dicke Wälzer meidet Ihring, schließlich sollen die Besucher es möglichst schaffen, die Bücher vor dem Treffen zu lesen. Doch das gelingt nicht allen immer. Deshalb bereitet Ihring, der als Romanist an der Frankfurter Goethe-Universität auch beruflich mit Literatur zu tun hat, stets eine Einführung vor. Auf diese Weise können spontane Besucher etwas aus den Gesprächsrunden mitnehmen.

»Samanschiwilis Schwiegermutter«, dessen Handlung im ausgehenden 19. Jahrhundert unter dem patriarchalisch geprägten georgischen Landadel spielt, haben die meisten der Teilnehmer ganz offensichtlich gelesen. Und sie haben sich ihre Gedanken dazu gemacht. Ihrings These, dass es sich um ein ausgesprochenes »Männerbuch« handelt, wird sofort widersprochen: »Warum Männerbuch? Es geht doch um eine Frau, die man unbedingt haben will!«

Gespräche machen Literatur lebendig

Peter Ihring

Genau solche anderen Sichtweisen sind dem Organisator und den Teilnehmern wichtig. »Gespräche machen Literatur lebendiger«, sagt Ihring. Auch seine Gäste wollen Bücher nicht immer nur durch die eigene Brille wahrnehmen, sondern ihren Blickwinkel weiten: Was meinen die anderen? Empfinden sie bei der Lektüre das Gleiche wie ich? Manchmal entwickeln sich sogar hitzige Debatten. Die Diskussion um Ian McEwans »Kindeswohl« vor mehr als einem Jahr zum Beispiel ist einer langjährigen Besucherin lebhaft in Erinnerung geblieben. »Da ging es ewig hin und her«, erzählt sie noch immer ganz begeistert.

Mit »Vor dem Fest« von Sasa Stanisic nahm das Licher Literaturgespräch im September 2014 seinen Anfang. » Fast 40 Bücher haben die Teilnehmer seither behandelt. »Ich bin stolz, dass es uns noch gibt«, sagt der Initiator. Wieviele Leute kommen, sei ihm egal. »Wenn es mal nur fünf sind, sind es eben fünf.« Meistens sind es mehr, so um die 20, wie Michael Kämmler erzählt. Er unterstützt Ihring, hilft beim Stellen der Stühle und beim Getränke-Ausschank und freut sich über Anregungen für die eigene Lektüre. Er weiß, dass das Literaturgespräch nicht nur Licher anlockt. »Wir haben auch Gäste aus Gießen oder Laubach.«

 

Große Resonanz bei den Kulturtagen

 

Besonders viel Zuspruch findet das Literaturgespräch alljährlich im Rahmen der Licher Kulturtage. Dann geht es stets um den aktuellen Buchpreis-Gewinner, zuletzt war es »Archipel« von Inger Maria Mahlke. »Aber von den neuen Leuten, die an diesen Abenden kommen, bleiben die wenigsten dauerhaft hängen«, hat Ihring beobachtet.

Für das Gespräch über »Samanschiwilis Stiefmutter« interessieren sich fünf Männer und sechs Frauen. Das ist ungewöhnlich. »Meistens sind die Frauen deutlich in der Überzahl«, erzählt Ihring. Das berücksichtige er auch bei der Auswahl der Titel.

Meistens stehen aktuelle Romane im Mittelpunkt des Licher Literaturgesprächs. Aber nicht nur. »Hier geht es wirklich bunt durcheinander.« Bestseller von Elke Heidenreich oder Elena Ferrante standen genauso auf der Liste wie Klassiker, Theaterstücke, autobiographische Texte oder Reiseliteratur. Die Auswahl liegt beim Organisator, der aber offen für Anregungen ist. »Ich glaube, ich habe noch keinen Vorschlag abgelehnt.«

Das nächste Literaturgespräch ist für Dienstag, den 7. Mai, vorgesehen. Ihring hat schon einige Rückmeldungen erhalten: »Ich komme.« Kein Wunder, denn es wird nicht um einen georgischen Klassiker gehen, sondern um einen Bestseller aus den USA: »Alles ist möglich«, von Elizabeth Strout. Man darf vermuten: Frauen werden im Publikum in der Überzahl sein.

 

Infos zum Licher Literaturgespräch unter www.foerderverein-stadtbibliothek-lich.de

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