28. September 2017, 05:00 Uhr

Neue App

Literatur to go in Staufenbergs Vorstadt

Eine neue App soll Kurzecks Literatur und Staufenbergs Ortsgeschichte erlebbar machen. Wie sie funktioniert – und warum sie nur der Anfang für ein großes Tourismuskonzept ist.
28. September 2017, 05:00 Uhr

»Das Dorf meiner Kindheit ist Staufenberg. Als wir dort hin kamen, war das ein sehr kleiner Ort, den man nur über Feldwege und über eine Schotterstraße, eine eigentlich mürrische Schotterstraße, erreichen konnte. Es war einerseits winzig klein, aber es war auch sehr schön.« Ein typischer Kurzeck. Eine dahinfließende, vermeintlich nebenbei erzählte Geschichte voller Poesie, die dem Kleinen Größe gibt.

 

Gerade seine Spaziergänge, in denen Literatur auf Leben traf, in dem Protagonisten und Orte aus Büchern wie »Ein Sommer der bleibt« erlebbar wurden, waren ein Erlebnis. Nur: Kurz nach seinem 70. Geburtstag starb Peter Kurzeck in Folge mehrere Schlaganfälle. Damit endeten die Rundgänge durch einen lebendigen literarischen Raum. Fast vier Jahre nach seinem Tod gibt es nun eine App, die die Tradition dieser Kurzeck-Spaziergänge aufgreift. Am Mittwochnachmittag wurde sie auf dem Peter-Kurzeck-Platz vorgestellt.

 

»Weltweit einzigartig«

 

Die App ist eine Gemeinschaftsarbeit – und das ist keine Selbstverständlichkeit, findet Prof. Jörg Döring von der Universität Siegen. Er war zusammen mit dem Staufenberger Heimatgeschichtler Volker Hess, ebenfalls Uni Siegen, federführend bei der Konzeption. Unterstützer sind die Stadt Staufenberg, Staufenbergs Heimatvereinigung, der Verein Region Gießener Land, die Peter-Kurzeck-Gesellschaft und die Sparkassenstiftung. Vielleicht, sagt Döring, liege dies an der gewachsenen Verbindung von Kurzeck und Staufenberg.

 

Weltweit einzigartig sei die App, sagt Staufenbergs Bürgermeister Peter Gefeller, weil sie einen Schriftsteller und dessen Werk mit Lokalgeschichte und Zeitzeugen aus der Staufenberger Vorstadt verbinde. Sie sei »eine mobile Literaturausstellung« und mache erzählte Geschichte erfahrbar. Gekostet hat sie 50 000 Euro; großteils finanziert über EU-Mittel aus dem Leader-Programm.

 

So funktioniert die App

 

Die App funktioniert so: Auf dem Smartphone – oder am PC – die Seite peter-kurzecks-wege.de ansteuern. Dort gelangen die Nutzer über eine übersichtliche Menüführung auf Karten und Schauplätze aus Kurzecks Büchern. Wer mit dem Smartphone unterwegs ist und sich über GPS orten lässt, kann auf einer Karte von 1946 oder von heute seinen Standort sehen – und die nächste Station. Die ist gekennzeichnet mit einer Amsel. An den Punkten können Nutzer Auszüge aus Kurzecks Werk lesen, ihn sprechen hören oder Zeitzeugen wie Roland Heger oder Hans Fink in Ton und Bewegtbild lauschen. Ein Mix, der Kurzeck gerecht werde, sagt Landrätin Anita Schneider. »Er war ein Erzähler, dann konnte man ihn erleben.«
 

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Kurzeck-Wegbegleiterin Ilona Fuchs und Kurzecks Tochter Carina Richter probieren die App a...

Gerade dieses Wechselspiel von Erzählen und Literatur, von Kurzecks Sicht der Dinge und den Erinnerungen der Zeitzeugen macht den Reiz der App aus. Denn die Sichtweisen beider Seiten klaffen oftmals weit auseinander. Zum Beispiel bei der Frage, wer denn nun das erste Auto im Dorf hatte. Hess sagt, er habe das Projekt angestoßen, »um Literatur und vermeintlich authentische Mikrogeschichte zu verbinden«.

 

Zielgruppe: Studenten und Schüler

 

Den Machern der App war es wichtig, das Dorf nicht mit Schildern »zuzupflastern«. Es gibt drei große Tafeln mit Informationen: am Pendlerparkplatz an der B 3-Abfahrt, am Heimatmuseum und am großen Parkplatz in der Vorstadt, der frühere Frischwasserteich »Poul«. Zwei weitere – kleine – Infotafeln stehen außerdem am Südeingang der Burg und am Torturm. Eine feste Route gibt es nicht. Es bleibt den Nutzern der App überlassen, wie sie die jeweiligen Stationen wie die Burg, die Goetheschule oder Schlapps Laden ansteuern.

 

Wer ist die Zielgruppe der App? Zuerst einmal Kurzeck-Leser, die die Orte seines Schreibens kennenlernen wollen. Dann Menschen aus der Region, die Kurzeck noch nicht kennen, aber wissen wollen, wie ihre Heimat literarisch erzählt wird. Angesprochen werden Hörbuch-Hörer, die kein Interesse an Literatur, aber an erzählter Geschichte haben. Und dann Schüler und Studierende zwischen Gießen und Marburg.

 

Rilke in Londorf

 

Kurzeck soll nur der Anfang sein. Schneider betont, mit der App könne eine besondere Art des Tourismus in der Region beworben werden. »Das Lumdatal als Künstlertal.« Dies sieht Gefeller ähnlich: Kurzeck hat auch Lollar in seinem Werk abgebildet. In Allendorf wirkte der Bildhauer und Maler Wilhelm Heidwolf Arnold. Und in Londorf hat Rainer Maria Rilke Spuren hinterlassen.

Kommentar von Kays Al-Khanak

Glücksfall

Nicht jede Stadt hat das Glück, dass ein Schriftsteller von nationaler Bedeutung seiner Heimat ein Denkmal setzt. Wenn es dann auch noch ein Kurzeck ist, dessen Figuren und Orte nicht fiktiv sind, sondern wirklich existieren oder existiert haben, dann wäre es sträflich, dies nicht zu nutzen. Nur: Lange Zeit wussten viele in und um Staufenberg gar nicht, was für einen Schatz sie da direkt vor ihrer Haustür haben. Es ist gut und an der Zeit, dass sich dies nun ändert. Die Kurzeck-App kann ein erster, aber ganz wichtiger Schritt sein, um gerade in Sachen (Kultur-)Tourismus voranzukommen. Sie muss ein tragender Baustein sein für ein Tourismuskonzept im Nordkreis, das landschaftliche und kulturelle Besonderheiten beinhaltet. Das hat Vorbildcharakter, was hier in Staufenberg passiert. Dem sollten nicht nur, aber vor allem Universitäten und Schulen endlich Rechnung tragen. Was Schüler und Stundenten in Staufenberg finden, lässt sich in keinem Buch lernen. Sie müssen dafür nur ins Dorf auf dem Basaltfelsen gehen.

 

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