26. Juni 2018, 11:49 Uhr

Gericht

Lindenerin schildert vor Gericht: »Ich dachte, hier sterbe ich jetzt«

Vergewaltigt, verprügelt und eingesperrt: Tagelang soll eine Frau in Linden in der Gewalt ihres Ehemanns gewesen sein. Am Montag sagte sie vor Gericht aus.
26. Juni 2018, 11:49 Uhr
(Foto: dpa/Symbolbild)

Eine »Endlosschleife des Horrors« – mit diesen Worten beschreibt eine Frau fünf Tage in einem Hochhaus in der Gießener Straße in Leihgestern im Januar 2015. Ihr Mann soll sie in einer Zweizimmerwohnung immer wieder geschlagen und vergewaltigt haben. Die beiden hatten erst zwei Wochen zuvor geheiratet. Die 47 Jahre alte Frau sagte nun vor Gericht aus.

Schluchzend erklärte sie, der Angeklagte habe sie rund um die Uhr terrorisiert und nicht einen Moment aus den Augen gelassen. »Wenn er auf die Toilette gegangen ist, hat er mich an den Haaren gezerrt und mitgenommen.« Den Schlüssel habe er an einem Band um seinen Hals gehängt. Ständig habe er sie beschimpft, bespuckt und verprügelt, außerdem eine Pistole auf sie gerichtet. Immer wieder habe sie epileptische Anfälle erlitten. »Ich lag einmal ohnmächtig auf dem Boden. Er hat mit einem Gürtel auf mich eingeschlagen.« Wie im Traum habe sie dies erlebt. Sie habe es zuerst nicht geglaubt, habe sich dann aber später im Spiegel betrachtet. »Ich hatte überall Striemen, war grün und blau.«

Die Prügelattacken, sagte die Frau, hätten ihren Mann indes sexuell erregt. Mehrmals habe er sie kurz darauf vergewaltigt. Sie habe die aufputschende Substanz »Alpha pvp« zu sich nehmen müssen. Wir waren die ganzen fünf Tage ununterbrochen wach.« Der Mann soll die Substanz auch verkauft haben.

Erst wenige Monate zuvor hätten sich die beiden kennengelernt, über eine Single-Seite im Internet. Sie sei aus Herborn zu ihm nach Linden gezogen. »Er hat mal Rosenblätter in der Wohnung ausgelegt. Es war Liebe pur.« Bereits früh in der Beziehung habe er ihr aber auch wie aus dem Nichts mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Trotzdem habe sie ihm das Jawort gegeben.

Immer wieder habe sie während des mutmaßlichen fünftägigen Martyriums um Hilfe geschrien. »Irgendwann hat es geklingelt. Er hat gesagt, die Polizei stehe draußen, ich sollte ruhig sein. Ich dachte, vielleicht kommt Hilfe, aber dann ist die Polizei wieder gegangen. Das war schlimm für mich.«

Während sie am Montag aussagte, blätterte der Angeklagte in Aktenordnern, hin und wieder lachte er leise auf. »Ich finde das nicht zum Lachen«, hielt die von ihm inzwischen geschiedene Frau fest, bevor Richter Dr. Klaus Bergmann den Mann maßregelte.

In dramatischen Worten beschrieb sie dann den 20. Januar 2015. Sie habe sich selbst verletzt, habe Weingläser in ihrem Gesicht zersplittert. »Ich wollte etwas Krasses machen, damit er den Notarzt ruft.« Doch er habe auf die blutüberströmte Frau eingetreten. »Verreck doch«, soll er gerufen haben. Wieder habe die Polizei geklingelt – und sei abgezogen, nachdem er die Tür nicht geöffnet habe. »Ich dachte, das war es jetzt. Jetzt werde ich in dieser Wohnung sterben.« Plötzlich habe ihr der Mann mit sanfter Stimme einen Verband angelegt. Im nächsten Moment habe er sie vergewaltigt. Schwach, kraftlos, habe sie im Wohnzimmer gelegen, ihr Mann habe geduscht. »Da habe ich den knallroten Schlüsselbund entdeckt. Der Schlüssel steckte.« Sie sei hinausgerannt, mit blutverschmiertem Gesicht durch den Schnee, zum Kaufland-Supermarkt. Sie habe dort ihre Mutter angerufen und dann auf der Behindertentoilette gewartet – zitternd, weinend, in der Hoffnung, dass ihr Mann sie nicht finde. Bis sie die Stimme ihrer Mutter gehört habe.

Vor Gericht konnte die Frau mehrere angeklagte Taten zeitlich nicht genau einordnen. Verteidiger Henner Maaß kritisierte zudem, die Polizei habe ihr bei einer Vernehmung unerlaubterweise Protokollauszüge von vorherigen Aussagen vorgelegt. Richter Bergmann stellte unterdessen die Frage: Wie könne man einen mutmaßlich so gewalttätigen Mann heiraten? Sie antwortete, sie habe ihm den größten Liebesbeweis erbringen wollen. Dann räumte sie ein: »Ich war naiv wie ein zwölfjähriges Mädchen.«

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