01. Dezember 2016, 12:00 Uhr

Leise Worte von Armut und Stolz Die Tafel in Friedberg

Friedberg (vpf). 1700 Menschen sind auf die Essensspenden der Tafel in Friedberg angewiesen. Alle zwei Wochen stellen sie sich mit leeren Tüten an, um an Nahrungsmittel zu kommen. Einige kämpfen täglich gegen ihre Armut an, anderen ist sogar die Kraft zu sprechen ausgegangen. Sechs Menschen erzählen.
01. Dezember 2016, 12:00 Uhr
Es ist 13:45 Uhr, in einer Viertelstunde beginnt die Essensausgabe. Schon jetzt ist der Vorraum der Tafel randvoll. »Ich habe Hunger«, quengelt ein Mädchen mit Zipfelmütze, während es am Ärmel der Mutter zieht. »Gleich, mein Schatz«, antwortet die, scheint sich das Lächeln nur mit Kraft abzuringen. Auch sie hat Hunger, die letzte Ration hat nicht gereicht. Alle 14 Tage dürfen die Menschen, die so arm sind, dass sie ihren Kühlschrank nicht mehr füllen können, zur Tafel kommen. Wie viel es gibt, hängt davon ab, wie viel gespendet wird. »Es gibt gute und schlechte Wochen. Diese ist eine gute«, sagt Tafelhelferin Helga Radl.
Dicht an dicht stehen die Menschen. Einige sehen krank aus, manche tragen auch jetzt im Winter nur dünne, abgetragene Jacken. Andere sind gut gekleidet, perfekt frisiert, könnte man sagen. Schaut man in ihre Gesichter, sieht man aber tiefe Falten zwischen den Augenbrauen, einen Blick, der müde wirkt. Ihre Geschichten bleiben meist unerzählt, ihre Schicksale verborgen. Dabei gäbe es viel zu erzählen.
Achteinhalb Jahre hat Ingeborg Meier (alle Namen geändert, die Red.) als Altenpflegerin gearbeitet. Dabei hat sie den Beruf gar nicht gelernt, sondern sich die Fähigkeiten selbst angeeignet: »Ich musste meinen schwerbehinderten Sohn täglich pflegen. Bis er starb.« 18 Jahre ist das her, noch heute kann Ingeborg Meier nicht darüber sprechen, ohne, dass ihr die Tränen laufen. Nach dem Tod ihres Sohnes verließ sie ihren Mann: »Der hat nur gesoffen, aber ich wollte noch leben. Also bin ich abgehauen.« In ihrer neuen Heimat in der Wetterau nahm Ingeborg Meier jeden Job an, den sie finden konnte, egal ob als Küchenhilfe oder als Reinigungskraft. Richtig glücklich wurde sie, nachdem sie ihre Stelle als Altenpflegerin angetreten hat. Vor knapp zwei Jahren war dann alles vorbei: Die Knie machten nicht mehr mit, Ingeborg Meier bekam neue Gelenke, kann sich seitdem kaum noch bücken. Nun sei sie in Frührente, das Geld lange jedoch hinten und vorne nicht. »Ich wollte hier nie landen«, sagt sie und blickt nach unten. Der erste Gang zur Tafel sei schrecklich gewesen: »Wie so’n Schnorrer hab ich mich gefühlt.« Inzwischen habe sie hier jedoch Freunde gefunden, es gehe ihr ein wenig besser. »Nur die Weihnachtszeit, die könnte man streichen. Wenn ich daran denke, dass ich jetzt schon Oma sein könnte...« Ein Stück weiter hinten in der Reihe steht eine junge Frau, neben ihr eine Ältere, beide tragen ein Kopftuch. »Meine Schwiegermutter spricht kein Wort deutsch, ohne mich kann sie nicht mal sagen, wogegen sie allergisch ist«, sagt die Jüngere. Lisa Hartmann ist Deutsche, für ihren Mann hat sie afghanisch gelernt, ist dem Islam beigetreten. Ihre Schwiegermutter ist vor einem halben Jahr aus Afghanistan geflüchtet, nach wie vor fehlt es ihr am Nötigsten. Ohne die Hilfe der Tafel könnte sie nicht überleben, denn auch Lisa Hartmann und ihr Mann leben am Existenzminimum, können kaum ihre kleine Tochter ernähren. Die bekommt gerade von Helga Radl eine selbstgestrickte Mütze in lila aufgesetzt – eine der jüngsten Spenden, die die Tafel bekommen hat. Das Mädchen strahlt über das ganze Gesicht, lila ist ihre Lieblingsfarbe.
Fast 10 000 Mal klingelte der Wecker von Horst Schmidt um 5 Uhr morgens. Jeden Tag stand er am Band einer Fabrik. 36 Jahre lang. Sein rechter Fuß hielt der Dauerbelastung nicht Stand – als Schmidt 60 Jahre alt wurde, musste er kapitulieren, er konnte einfach nicht mehr stehen. »Seitdem bin ich in Frührente.« Es sind nur leise Worte, die aus dem Mund des 66-Jährigen kommen, hinter der Brille tropfen dicke Tränen auf seinen ausgewaschenen Pullover. »Es reicht nicht. Mein Geld reicht einfach nicht«, flüstert er.
Nicht alle, die bei der Tafel anstehen, sind arbeitslos oder in Rente. Sabine Stricker und ihr Mann zum Beispiel putzen jeden Tag, auch am Wochenende, bis zu 16 Stunden lang die Häuser von fremden Menschen. »Die Sommerferien waren scheiße. Da wart ihr nie da«, sagt die 12-jährige Marie. Sie ist eines der fünf Kinder, die Mama und Papa von ihrem schmalen Lohn nicht satt kriegen. »Es ist zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel«, sagt Stricker. Was im Essenskorb der Tafel steckt, ist ihrer Tochter egal: »Hauptsache Essen. Egal was.«
Viele kommen zu zweit oder zu dritt zur Essensausgabe, schauen gemeinsam, was sie aus dem sogenannten Bauchladen gebrauchen können. Dort gibt es ein paar Extras, heute sind Badespielzeuge und Weichspüler dabei. Petra Müller ist jedoch alleine hier, ihr Mann wartet im Auto. »Er bringt es einfach nicht fertig, um Almosen zu bitten.« Die Müllers sind es nicht gewohnt, nichts zu haben. Von einem auf den anderen Tag sind sie in die Armut gerutscht. Sie waren selbstständig, hatten Rücklagen gebildet – »für schlechte Zeiten«. Als die kamen (im Winter wurde die Auftragslage so schlecht, dass kaum noch Geld hinein kam), war alles weg. »Unsere beiden Söhne haben uns übers Ohr gehauen und uns alles genommen.« Sich bei der Tafel anzustellen hat auch sie Überwindung gekostet. Bis sie an einen Rat ihrer Oma denken musste: »Kind, du darfst Stolz nicht mit Armut verwechseln.« Auch Ina Schmidt wurde das irgendwann klar. Monatelang hungerte sie, weil ihr Geld nicht reichte, nachdem sie plötzlich arbeitslos geworden war. »Ich habe immer gedacht, anderen haben es nötiger.« Irgendwann wurde der Hunger aber zu groß, und sie sprang über ihren Schatten. »Heute bin ich einfach nur froh, dass es diese Menschen hier gibt.« Jeder, der Hartz IV, Sozialgeld oder Grundsicherung erhält, darf zur Tafel kommen. Wer die Hilfe der Tafel benötigt oder sich dort engagieren möchte, kann montags, mittwochs und freitags zwischen 10 und 12 oder 13 und 16.30 Uhr in die Kleine Klostergasse 11 kommen, um sich zu informieren. Das geht auch telefonisch unter 0 60 31/68 44 624. (vpf) “ Kind, du darfst Stolz nicht mit Dummheit
verwechseln „ “ Wie so’n
Schnorrer hab ich mich gefühlt „

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