18. November 2018, 18:05 Uhr

Erster Weltkrieg

Laubacherin zur Gedenkfeier in Frankreich eingeladen

In Chaptelat, ein Ort nahe Limoges, sind 116 deutsche Soldaten begraben. Auch der Großvater von Inge Zimmer. Die Stadt hatte Nachfahren der Toten zum Gedenken geladen. Zimmer war als Einzige dabei.
18. November 2018, 18:05 Uhr
Gedenken zum Ende des Ersten Weltkriegs auf dem Friedhof von Chaptelat: Inge Zimmer (2.v.l.) mit Tochter Anja Zimmer und Schwiegersohn Frank Gabian sowie den Bürgermeisterinnen der verschwisterten Städte Chaptelat und Oberasbach, Julie Lenfant (r.) und Birgit Huber (l). (Fotos: pm)

Mit fliegenden Fahnen zogen 1914 die Männer in den Krieg. Nur wenige mochten nicht dabei sein beim heroischen Kampf: »Gegen den Erzfeind Frankreich! Mit Gott für Kaiser und Vaterland!« Die Begeisterung sollte sich rasch legen, zumindest bei jenen, die – kaum dass der Krieg ein paar Tage alt – im September 1914 die Schlacht an der Marne erlebten. Albert Tröller ist einer von ihnen.

Der Unteroffizier war durchaus ein »Kaisertreuer«, hatte stolz von seiner Begegnung mit Wilhelm II. erzählt. 1906 war er Mundschenk des Kaisers gewesen, als der Tröllers Landwehr-Infantrie-Regiment 116 in Gießen inspiziert hatte.

 

An der Marne schwer verwundet

 

Acht Jahre später steht er unweit der Marne, wo die erste große Schlacht des Ersten Weltkriegs tobt. Sieht Freund und Feind ausbluten auf dem Feld, das doch der Ehre gereichen soll. Ein Kamerad aus seinem Heimatdorf, Karl Sann, stirbt am 8. September nahe Vitry-le-François. Am selben Tag erwischt es auch ihn, eine Kugel zerfetzt sein Auge, bleibt im Schädel stecken.

Der 32-Jährige kommt ins Lazarett von Chaptelat, unweit von Limoges. Ein halbes Jahr später, am 4. Mai 1915, stirbt er nach einer von vielen Operationen an Lungenentzündung. Just an diesem Tag feiert in der Heimat Tochter Minna fünften Geburtstag. In einem Brief, datiert auf den 6. Mai 1915, schreibt sein Arzt der Ehefrau: »Ich erfülle die traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass Ihr Ehemann verstorben ist.«

Am Sonntag wurde der 100. Jahrestag des Kriegsendes gefeiert. Nicht nur in Paris, am Arc de Triomphe, über den ausgerechnet Kampfjets donnern. Auch in Chaptelat.

Zum Gedenken hatten die Stadt und das Comité de Jumelage die Freunde aus der Partnerstadt Oberaspach eingeladen. Als Zeichen der Aussöhnung und Freundschaft sollten daran auch Angehörige der 116 deutschen Soldaten teilnehmen, deren Gräber man seit Jahrzehnten pflegt. Trotz der Unterstützung vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wird nur ein betagtes Paar aus Wien gefunden, für das die Anreise zu beschwerlich war. So kam’s, dass als einzige Nachfahrin Inge Zimmer an den Feiern teilnahm.

Im Haus am Ringweg 19 in Lauter, vom Großvater 1912 gebaut, erzählt sie nun davon. Zuvor aber blättert die 76-Jährige in den Briefen, die Großmutter Elise sorgsam aufbewahrt hat.

 

200 Menschen bei Feier am Friedhof

 

Der erste stammt vom 1. September 1914: Unterm Eindruck des massenhaften Sterbens an der Marne, ist der Tonfall nun ein ganz anderer als bei der Einberufung: Nachdem Albert Tröller eingangs berichtet, er habe an diesem Tag in einem »feinen Zimmer eines Offiziers« den ersten französischen Wein getrunken, endet er mit diesen Worten: »Der liebe Gott gebe, dass es bald fertig ist, denn es ist grässlich.« Für die Familie daheim folgen bange Tage ohne Lebenszeichen. Am 28. September 1914 endlich ein Brief. Aus Chaptelat, 550 Kilometer von der Front entfernt, wohin er verlegt worden war. In lateinischer Schrift, wie von der Zensur vorgeschrieben. Darin berichtet Tröller von seiner Verwundung, dem Kopfschuss, vom Lazarett, ein altes Hofgut, in dem er von deutschen Ärzten und Schwestern umsorgt wird. Seine Enkelin holt ein altes Foto hervor, es zeigt das Gut, im Garten Soldaten des Kaisers.

Zum Nachlass gehört auch ein Brief von Alberts kleinem Sohn Otto. Im Frühjahr 1915 schreibt der nach Chaptelat: »Uns geht es noch gut, ich schlafe bei der Großmutter.« Kurz darauf, am 26. April, die letzten Zeilen des Vaters: »Liebe Kinder, herzliche Glückwünsche zu Euren Geburtstagen. Mir geht es ziemlich gut, nur habe ich so schreckliches Kopfweh.«

Inge Zimmer ist noch immer beeindruckt vom würdevollen Charakter der Gedenkfeier. Nach der Kranzniederlegung am Ehrenmal für die Gefallenen nahmen nicht weniger als 200 Menschen den Weg zum Friedhof, darunter viele Kinder. Vorne Fahnenträger, dahinter die Bürgermeisterinnen der verschwisterten Städte, Julie Lenfant und Birgit Huber, sowie Inge Zimmer, Tochter Anja Zimmer und deren Mann Frank Glabian. »Das war wie bei einer Prozession.«

 

Intensivere Erinnerungskultur

 

An den Gräbern der Deutschen – erst jüngst erneuerte ein Bürger Chaptelats die Inschriften – machte der Zug halt. Zimmer legte Blumen an den letzten Ruhestätten des Großvaters und des Wiener Soldaten nieder. »Dann erklang ›Sag mir, wo die Blumen sind‹ ... Da läuft mir noch jetzt ein Schauer übern Rücken«. Was sie ebenso bewegte und beeindruckte: »Die Franzosen pflegen eine intensivere Erinnerungskultur als wir, gerade was den Ersten Weltkrieg betrifft.« Zur Gedenkfeier gehörte so auch eine von Schülern mitgestaltete Ausstellung. Sie zeigte auf, wie sehr sich die Schicksale der Soldaten, egal auf welcher Seite sie standen, glichen.

Was blieb von den Tagen in Chaptelat noch haften? Inge Zimmer: »Man bezieht dort bereits die Kinder mit ein, vermittelt ihnen, wie furchtbar Kriege sind und wie wichtig die Freundschaft zwischen den Völkern ist. «

 

Schlagworte in diesem Artikel

  • Briefe
  • Deutsche Soldaten
  • Erster Weltkrieg (1914-1918)
  • Gedenkfeiern
  • Kaiserinnen und Kaiser
  • Militärkrankenhäuser
  • Nachkommen
  • Omas
  • Opas
  • Schlachten (Krieg)
  • Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge
  • Laubach
  • Thomas Brückner
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 / 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.