06. Mai 2019, 10:00 Uhr

Von oben

Laubach, die Stadt mit zwei Stadtmauern

Den Ort, den wir heute »von oben« betrachten, muss man eigentlich nicht vorstellen. Laubach kennt wohl jeder. Die Stadt hat aber mit neuen Herausforderungen zu kämpfen.
06. Mai 2019, 10:00 Uhr
Dafür ist Laubach bekannt: die Altstadt mit dem prächtigen Schloss. (Foto: Henß)

Von oben

In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.

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Laubach – das sei als »problemfreier« Einstieg vorausgeschickt – hat in jüngerer Zeit einige bekannte Persönlichkeiten in seinen Mauern beherbergt. Erwähnt sei Theo Clausen, 1955 bis 1975 Lehrer dort und Wegbereiter des deutschen Basketballs.

Oder Udo Samel: Der Schauspieler gehörte der in Fachkreisen sehr geschätzten, 1981 leider »verstummten« Laubacher Kantorei an. 1973 baute er am hiesigen Kolleg sein Abitur.

 

Profunder Kenner der Stadtgeschichte

Bekanntester Künstler aber, der auch sein ganzes Leben hier verbrachte, ist der Maler Felix Klipstein (1880-1941). Auch nach seinem Tod blieb seine Frau, die Schriftstellerin Editha Klippstein (1880-1953), in ihrem einsamen Haus am Ramsberg wohnen. »Ich weiß noch, wie sie mit der Milchkanne in den Schlosspark lief und an der Quelle Wasser holte«, erinnert sich Margarethe Roeschen.

Wie kaum eine Zweite kennt sie Laubach, wurde hier vor 89 Jahren geboren. Ein profunder Kenner der Geschichte der Stadt ist ihr Mann, der frühere Stadtarchivar Eberhard Roeschen (91). Bei einer Karaffe Apfelsaft heimischer Provenienz kommen sie rasch ins Erzählen.

Vorweg einige »harte Fakten«: Urkundlich erstmals 786 erwähnt, beging Laubach 1986 den 1200. »Geburtstag«. Einige Veranstaltungen fanden unter einem »strahlend blauen Himmel« statt, wie dieses Blatt titelte – die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl war erst wenige Tage her.

Die Gemarkung erstreckt sich bis auf rund 500 Meter hinauf in den Vogelsberg. Ein Großteil ist von Buchen bestanden, was (auch) der Kommune seit jeher satte Einnahmen beschert hat. Zwar hat die Kernstadt mit ihren rund 5500 Einwohnern ein prosperierendes Gewerbegebiet, gar noch mit Industrie.

Eine Belebung der Altstadt aber tut Not: leere Geschäfte, ein Metzger zwar, bis auf den Bioladen aber kein Lebensmittelgeschäft mehr, Märkte nur auf der Grünen Wiese.

 

Krise des Einzelhandels

Wie andere Städte hat Laubach mit der Krise des Einzelhandels zu kämpfen. Einher geht das mit dem demographischen Wandel. Herausforderungen, die die Kommune mit gleich mehreren Förderprogrammen zu bewältigen versucht.

Die Politik setzt zudem auf den Tourismus. Der Luftkurort verbucht 60 000 Übernachtungen jährlich, will diese Zahl weiter steigern – indem er mit seinen Pfunden, dem historischen Erbe und der Lage, wuchert. Genannt seien nur der Ausbau der Rad- und Wanderwege und das Kulturprogramm; vor allem im Schlosspark, im 19. Jahrhundert im Stile eines englischen Landschaftsgartens entwickelt.

Die Stadt hat ihn gepachtet, er ist jedoch weiter gräfliches Eigentum. Vom sozialen Engagement der Ahnen des heutigen Hausherrn Karl Georg zu Solms-Laubach, unterstreicht an dieser Stelle Eberhard Roeschen, habe Laubach doch sehr profitiert.

Nur zwei Belege: Gründung einer Lateinschule bereits 1555 und Bau eines Armenhauses 1711. Knapp 100 Jahre später war’s vorbei mit der selbstständigen Reichsgrafschaft, gehörte man fortan zu Hessen. Traditionen aus der alten Zeit aber blieben erhalten: Im Juni wird so der »Ausschuss« gefeiert, folgen die Schützenbrüder ihrem Hauptmann und stimmen ein in ein Hoch auf die Stadt, die Ausschussgesellschaft und das Grafenhaus.

Doch sollte man keine historisch-falschen Schlüsse ziehen, warnt da der frühere Lehrer und Schulrat. Durchaus nämlich hätten sich die Laubacher auch unterm Grafen als selbstbewusste Bürger geriert – sofern sie denn dank Grundbesitz dem Stande angehörten.

 

Zwei Stadtmauern

Weithin sichtbares Zeichen dafür war der »Bürgerturm« als Teil der Stadtmauer, die die Bewohner zusätzlich zu der des Grafen errichtet hatten. Wo gibt es schon eine Stadt mit zwei Stadtmauern?

1963 stürzte der Turm ein – ausgerechnet am Ausschuss, wie Margarethe Roeschen einwirft. »Kurz davor waren noch Pfadfinder drin gewesen.« Wie sie fortfährt, durften in der alten Zeit nur die Bürger Hüte tragen. »Sogenannte geringe Leut’ trugen ne Kappe.« Das aber ist Geschichte. Bis heute aus der feudalen Zeit erhalten hat sich dagegen der »Bürgernutzen«: drei Festmeter Holz aus dem Stadtwald. Der wird vererbt – aber nur an männliche Nachkommen!

Geht es um Laubach, darf die Stadtsanierung Ende der 60er nicht fehlen. Margarethe Roeschen: »Eines Tages stellte ich zu meinem Entsetzen fest, dass man vom Museum bis zum Denkmal an der Unterpforte sehen konnte.« Laubach war früher dran als andere, das Bewusstsein für den Wert alter Bauten war noch nicht so ausgeprägt, vieles wurde daher »plattgemacht«.

Selbst am Marktplatz. Dort hatte sie als 13-Jährige eine der schwärzesten Stunden Laubachs miterleben müssen. Noch heute hat sie vor Augen, wie an einem Herbsttag 1942 die Ehepaare Hulda und Sally Heynemann sowie Helene und Joseph Strauß in einen Lkw verfrachtet wurden.

Ihre Spur verliert sich in Polen, vermutlich wurden sie im KZ Treblinka umgebracht. Sie waren die letzten der Laubacher Juden. Roeschen kannte die alten Leute gut, waren sie doch öfters am Abend zum elterlichen Hof Lauth gekommen, um etwas zu essen zu holen.

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