02. Januar 2017, 19:04 Uhr

Latein ab 1532 gelehrt

Linden (pm). Zwei Vorträge im Rahmen der Monatstreffen des Heimatkundlichen Arbeitskreises Linden hatten »Die Geschichte der Schule in Großen-Linden vom Mittelalter bis Anfang des 20. Jahrhunderts« zum Thema. Der Referent, Vorsitzender Helmut Faber, las dazu aus einigen Originalurkunden aus seinem Archiv zur Schulgeschichte vor. Grundlage waren die Aufzeichnungen von Otto Oskar Schulte, Pfarrer in Großen-Linden von 1906 bis 1927.
02. Januar 2017, 19:04 Uhr
PM
Die Aquarellskizze des Pfarrers Schneider aus dem Jahr 1822 zeigt die Kirche in Großen-Linden und im Hintergrund das ehemalige Schulhaus. (Repro: privat)
Zu Beginn erklärte Faber, dass die Anfänge einer Schule in Großen-Linden sicher in das frühe Mittelalter zurückgingen. Dafür habe man zwar keine Beweise. Aber ein so großes Kirchwesen hätte sicherlich nicht lange ohne eine Schule bestehen können. Die Schulpflicht begann 1527 auf Anordnung durch Landgrafen Philipp I. von Hessen. 1532 gab es bereits einen Schulmeister, 75 Jahre vor der Gründung der Universität Gießen. Erst 1605 gründete Landgraf Ludwig V. von Hessen-Darmstadt eine eigene Hohe Schule in Gießen, die als lutherische Anstalt vorrangig die Ausbildung von Pfarrern und Beamten gewährleisten sollte. In der Reformationszeit wurde die Großen-Lindener Schule zu einer Lateinschule ausgestaltet, die den besten Schülern die Möglichkeit bot, die »Sprache der alten Römer« zu lernen. Die Grundzüge von Latein wurden in Großen-Linden von 1532 bis 1635 unterrichtet. Wer die Abschlussprüfung bestand, durfte seinen Namen latinisieren. Es wurde aus Krämer »Mercator«, Schmidt »Faber«, Fischer »Piscator«, Bäcker »Pistor«, Müller »Molitor«, Schneider »Sartorius«, Weber »Textor« oder Weigel »Vigelius«.
Pfarrer Stockhausen, der von 1546 bis 1595 Pastor war, schreibt, dass »in dieser Schule schon viele Jungens erzogen worden seien, die jetzt Kyrchen und Schulen nützlich sind«. Auch weiß man, dass die Großen-Lindener Schule vor dem Ausscheiden aus dem Hüttenberg die Schule des ganzen Hüttenbergs war und die einzelnen Orte zu ihr beitragen mussten. Großen-Linden gab jährlich 15 Gulden, danach Lang-Göns »als der größte Fleck« – also eine Ortschaft, meist größer als ein Dorf – jährlich fünf Gulden, Leihgestern zwei Gulden, Pohlgöns und Nieder-Cleen je einen Gulden. Und sie war mit Stiftungen ausgestattet. Ihre Rechnung wurde in der Kirchenrechnung von Großen-Linden geführt.

Gegen Mädchen im Unterricht

Samuel Wollnhaupt war von 1560 bis 1574 in Großen-Linden der älteste bekannte Schulmeister und Pfarramtsgehilfe. Er war von Beruf Theologe, wie bis ins 18. Jahrhundert hinein alle Großen-Lindener Lehrer. 1574 wurde er der erste Pfarrer der neu gegründeten Pfarrei Leihgestern, wo er bis zu seinem Tod 1599 im Amt stand.
Im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts war die Schule hauptsächlich die Erziehungsanstalt zum evangelisch-lutherischen Christentum. Ihr Ziel war die Heranbildung von Christen, die in Gotteswort und Katechismus Bescheid wussten, am Abendmahl teilnehmen und das Patenamt bei der Taufe übernehmen konnten.
In jener Zeit wehte in der hessischen Schule ein neuer Wind. Der Landgraf und seine Regierung drangen darauf, möglichst alle Kinder zum Unterricht heranzuziehen, also auch die Mädchen. Der Wille des Fürsten, alle Kinder heranzuziehen, fand im Volke Widerstand. Manche Eltern weigerten sich, die Kinder zu schicken. Der Pfarrer, der für die Ausführung der Befehle des Landgrafen verantwortlich war, drohte mit Strafen und brachte die Sache vor den Kirchenvorstand, der Geldstrafen festsetzte. Aber das schreckte einige nicht. Sie erklärten, lieber aus dem Lande zu gehen. Auf das Äußerste ließ es aber der Pfarrer nicht ankommen. Er begnügte sich damit, wenigstens den größten Teil der Kinder in der Schule zu vereinigen. Die Anschaffung einer Orgel wurde erst um 1700 durch die hochherzige Stiftung des Stadtschreibers Johann Pistor ermöglicht, der einige liegende Güter – das »Orgelgut« –, Äcker und Wiesen zu diesem Zwecke der hiesigen Kirche vermachte. Der Schulmeister hatte im Gottesdienst und bei Beerdigungen mit seinen Schülern vorzusingen.
Die Großen-Lindener Schule vermittelte bis ins 18. Jahrhundert für den ganzen Hüttenberg die Grundlagen zur Erlernung der lateinischen Sprache. Obwohl die Schulaufsicht ausschließlich Sache der Kirche war, wurden die Lehrer vom Staat eingestellt und entlassen.
Die Schule wurde im 17. Jahrhundert in einem Gebäude abgehalten, das auf dem neben dem Rathaus an den Kirchhof angrenzenden Stück lag. Es wurde im Jahre 1733 abgebrochen und verkauft, vermutlich weil es die wachsende Zahl der Schüler nicht fasste. An seine Stelle trat 1734 ein Gebäude, das etwa 20 Schritte entfernt vom Eingangsportal der Kirche gegenüber lag und nur noch in einer Aquarellskizze des Pfarrers Schneider aus dem Jahr 1822 zu sehen ist.
Der Schulbesuch war bis Ende des 17. Jahrhunderts freiwillig. Noch dachte man nicht daran, Lesen und Schreiben zu einem Allgemeingut zu machen. Vor allen Dingen galt es damals, die Schüler zum Lesen von Bibel und Katechismus zu bringen und sie so in die Welt der Religion einzuführen und zu festigen. Die fähigsten Schüler lernten mithilfe des Donat, der das lateinische Elementarbuch der lateinischen Grammatik im Mittelalter war, die Sprache der Römer, die auch nach der Abkehr von der katholischen Kirche Jahrhunderte hindurch das Zeichen gelehrter Bildung blieb.

Ab 1848 zweiklassig

Von Schulmeister Friedrich Konrad Wilhelm weiß man, dass er das früher übliche Heiligdreikönigs- und Fastnachtssingen als einen »zum Unfug gewordenen Missbrauch« ansah, »da fast allemal Zank, Balgen, Hühnernester ausheben und eine Verstümmelung christlicher Gesänge damit verbunden waren«. Von Lehrer Heinrich Christian Praetorius gibt es ein Verzeichnis seiner Gehaltsbezüge. »Er bekam aus der Gemeinde und dem Kirchenkasten als Gehalt 66 Gulden, außerdem von jedem Kind, deren im Jahre 1807 100 waren, eine Meste Korn. Ferner musste jedes Kind einen Gulden sogenanntes Scheitergeld bezahlen.« In früheren Jahren mussten die Kinder allwöchentlich ein Holzscheit zur Heizung des Schulsaals mitbringen. Diese Leistung war in Geld umgewandelt worden. Dafür hatten die Lehrer lange gekämpft. Der Lehrer hatte schließlich noch den Nutzen von zwei Morgen Ackerland, der mit 18 Gulden jährlich angeschlagen war.
1848 wurde die einklassige Schule zwei-klassig. Die Oberklasse führte der Präzeptor, die Unterklasse wurde elf Jahre durch Vikare versehen. 1859 wurde der letzte Vikar Friedrich Pabst als zweiter Lehrer angestellt. Mit der Errichtung der zweiten Schulklasse ergab sich die Notwendigkeit, für einen neuen Schulsaal zu sorgen. Man half sich in der Weise, dass man 1848 den oberen Stock des alten Rathauses – heute ev. Gemeindehaus – umbaute, beide Klassen und ein Zimmer als Wohnung des Schulvikars hineinlegte und den nicht lange vorher gebauten Schulsaal abbrach. Weiterer Bericht folgt.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos