09. April 2018, 13:00 Uhr

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Lang-Göns – mit Bindestrich und zwei Wundern

Langgöns oder Lang-Göns? Für Uneingeweihte ist die Schreibweise oft ein Rätsel. Doch auch andere rätselhafte Dinge haben sich bereits in dem Ort ereignet.
09. April 2018, 13:00 Uhr
Einst ein Bauerndorf, heute eher Pendlerdorf: Die Kerngemeinde Lang-Göns. (Foto: Henß)

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In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.

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Ortsvorsteher Gunther Bieneck erklärt immer zu Beginn der Ortsbeiratssitzungen, worum es geht: »Lang-Göns mit Bindestrich«. Zugegeben, für Zugezogene kann es verwirrend sein, wenn von Lang-Göns die Rede ist. Geht es um die Gemeinde oder geht es um das Dorf?

Lediglich ein kleiner Strich macht den Unterschied. Im Zuge der Gebietsreform wurden 1977 sechs Orte, darunter Lang-Göns, zur Großgemeinde Langgöns zusammengeschlossen.

 

Landwirtschaftlich geprägt

 

Der rund 6700-Seelen-Ort war lange Zeit ein Bauerndorf. So ist auch heute noch die Umgebung landwirtschaftlich geprägt. Kein Wunder, ist doch der Boden im Ausläufer des Gießener Beckens sehr fruchtbar.

»Deshalb war das Einkommen der Landwirte zu früheren Zeiten vergleichsweise hoch«, erklärt der Lang-Gönser Heimatforscher Otto Berndt. Redensartlich lebten sie wie die Mäuse im Speck. Daher auch der Spitzname »Speckmäus«, den man auch heute noch kennt. »Aber mittlerweile gibt es nur noch zwei bis drei Landwirte im Ort, die das hauptberuflich machen«, sagt Berndt.

 

Kleinstädtischer Charakter

 

Heute ist Lang-Göns eher ein Pendlerdorf. Warum das so ist, erklärt Ortsvorsteher Bieneck: »Unser Ort liegt günstig zwischen Gießen, Butzbach und Wetzlar. Dazu kommen die direkten Autobahnanbindungen an die A 485 und die A 45 und die Zuganbindung.«

Nicht schlecht für die ländliche Gegend. Deshalb werden auch die Bauplätze langsam knapp. Überhaupt hat Lang-Göns eher kleinstädtischen Charakter. An Einkaufsmöglichkeiten, Ärzten und auch einer Grundschule mangelt es nicht. »Man kann im Ort alles kaufen. Von Lebensmitteln bis zur Schraube«, hält Bieneck fest.

 

Viele Heimatvertriebene kamen nach 1945

 

Einen großen Einwohnersprung verzeichnete das Dorf nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals kamen viele Heimatvertriebene nach Lang-Göns. »Zum Teil wurden sie zwangseinquartiert. Trotzdem haben sich die meisten schnell integriert. Das lag sicher auch daran, dass die Sprache kein Problem war. Man hat sich verstanden«, meint Bieneck.Viele haben später gebaut und sind geblieben.

Auch im Zuge der Flüchtlingswelle 2015 kamen viele Asylbewerber in Lang-Göns an. Bieneck ist bei der Seniorenwerkstatt aktiv, die den Flüchtlingen Fahrräder stellt und ihnen bei der Reparatur behilflich ist. Er stellt fest: Wenn beide Seiten wollen, funktioniert das mit der Integration. »Man merkt richtig, wenn der Funken überspringt. Wenn sie spüren, dass man mit Herz bei der Sache ist.«

 

Tote werden lebendig

 

Sieht man in die Geschichtsbücher, stößt man auf Besonderes. Gleich zwei Wunder sollen sich in Lang-Göns zugetragen haben: Eines im Jahr 1232. Damals gebar eine Lang-Gönserin ein scheinbar totes Kind. Eine Frau namens Jutta half ihr einen Jungen zur Welt zu bringen, dessen Körper schon zur Hälfte schwarz war.

Nach der Geburt läutete die Kirchenglocke zur Messe, Jutta legte das Kind ab und eilte zur Kirche. Als die Mutter das tote Kind sah, gelobte sie eine Wallfahrt an das Grab der Landgräfin Elisabeth von Thüringen in Marburg, wenn das Kind wieder zu leben begänne. Daraufhin soll das Wunder geschehen sein: Das Kind atmete und konnte getauft werden, bevor es starb.

Jutta berichtete davon im Zuge des Heiligsprechungsverfahrens für Elisabeth. Es wurde 1235 als »13. Wunder von Langengunsne« aufgenommen. »Und deshalb gibt es im Vatikan eine Urkunde, in der Lang-Göns erwähnt ist«, erklärt Berndt.

 

Gebetsbüchlein übersteht das Feuer

 

Das zweite Wunder soll es 1624 im »Paradiesgärtlein« in der Obergasse gegeben haben. Man nimmt an, dass das Haus zur damaligen Zeit zum Teil Gasthaus war. Während des 30-jährigen Kriegs kam Leutnant Zacharias von Brechen mit Gefolge nach Lang-Göns und übernachtete dort.

Als sein neugieriger Trompeter den Ort erkundete, fand er im Pfarrhaus das evangelische Gebetsbüchlein »Paradiesgärtlein« auf der Fensterbank liegen und nahm es mit ins Wirtshaus. Der Leutnant, ein strenger Katholik, warf es wütend ins Feuer.

Später fand die Wirtin das Gebetsbuch unversehrt in der Glut liegen. Dieses Ereignis verbreitete sich schnell, und das Büchlein kam zur Aufbewahrung in die Bibliothek des Landgrafen Philipp III. in Butzbach. Der Leutnant wurde versetzt, erkrankte und verstarb.

Für die Lang-Gönser ist ihr Ort jedenfalls ein ganz besonderer. Oder wie es im Lang-Gönser Heimatlied heißt: »Ean schu immer hotts gehaaße, eas gebbt nur oa Lang-Gies.«

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