29. Januar 2018, 18:00 Uhr

Sozialer Wohnungsbau

Landrätin Schneider: "Bis 2030 werden 5900 Wohnungen fehlen"

Von wegen Landflucht, in Sachen Demografie ist der Kreis gut aufgestellt, sagt Landrätin Schneider. Im Interview erzählt sie, was sie über die Lumdatalbahn denkt und warum sie Gießen Berlin vorzieht.
29. Januar 2018, 18:00 Uhr
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Von Anja Schramm
Die Arbeit hierzulande reizt sie mehr als ein Posten in Wiesbaden oder gar in Berlin, sagt Landrätin Anita Schneider. (Foto: Schepp)

In ihrer zweiten Amtszeit als Landrätin hat Anita Schneider zwar noch vier Jahre vor sich, dennoch hat sie sich bereits Gedanken über ihre Zukunft gemacht. Im Interview erklärt die 56 Jahre alte Sozialdemokratin, warum der Kreis Gießen nicht unter Landflucht leidet und was sie von einer Reaktivierung der Lumdatalbahn hält.

In Berlin geht es gerade in Sachen Regierungsbildung hoch her, auch in Hessen stehen in diesem Jahr Wahlen an. Aber Sie sagen, die Lokalpolitik ist die Königsdisziplin der Politik.

Anita Schneider: Ja, ich empfinde das so. Mich reizen Berlin oder Wiesbaden nicht so sehr wie die Aufgaben hier.

Das müssen Sie jetzt schon mal näher erklären.

Schneider: Im Bundestag geben Sie vielleicht Millionen für die Breitbandversorgung frei. Aber was das genau für die Regionen heißt, das sieht man auf der kommunalen Ebene. Da kann man spüren, was man bewegt. Und das macht mich zufriedener.

Das klingt ja fast nach einer Bewerbung für eine dritte Amtszeit als Landrätin. Könnten Sie sich mit diesem Gedanken anfreunden?

Schneider: Eine dritte Amtszeit? Ja natürlich könnte ich mich damit anfreunden. Es gibt noch viele Projekte, die ich gerne angehen würde.

Bis 2030 werden bis zu 5900 Wohnungen im Landkreis Gießen fehlen

Anita Schneider

Dann werden wir doch mal konkret. Welche Projekte stehen bei Ihnen in diesem Jahr ganz oben auf der Prioritätenliste?

Schneider: Ein Ziel ist natürlich der flächendeckende Breitbandausbau. Im Frühjahr werden wir 99 Prozent der Fläche mit Breitband versorgt haben.

Das hört sich gut an, aber was ist mit dem restlichen Prozent?

Schneider: Genau das ist unser Ziel. Wir wollen nicht 99 Prozent, wir wollen 100 Prozent. Deswegen hat der Landkreis auch einen Antrag auf Bundesförderung gestellt. Und ich war kurz vor Weihnachten in Berlin und habe zusammen mit Bernd Klein, dem Geschäftsführer der Beteiligungsgesellschaft Breitband Gießen, 6,3 Millionen Euro dafür überreicht bekommen. Beim letzten fehlenden Prozent sprechen wir über Gehöfte und Häuser, die außerhalb liegen. Diese wollen wir über diese finanziellen Mittel anschließen. Ein großer Teil des Geldes wird jedoch in den Glasfaseranschluss für die Schulen in Stadt und Landkreis gehen. Damit wollen wir 2018 beginnen.

Und was steht noch auf Ihrem Programm?

Schneider: Ein großes Thema ist der soziale Wohnungsbau. Wir haben schon im vergangenen Jahr eine Wohnraumversorgungsanalyse auf den Weg gebracht, die uns klare Ergebnisse zeigt und Handlungsvorschläge macht. Wir müssen verstärkt den demografischen Wandel berücksichtigen. Wir müssen mehr kleineren und bezahlbareren Wohnraum schaffen. Bis 2030 werden bis zu 5900 Wohnungen im Landkreis Gießen fehlen.

Und wie wollen Sie dem begegnen?

Schneider: Eines der großen Projekte in diesem Jahr wird das Projekt Lich sein. Dabei wollen wir sozialen Wohnungsbau vorantreiben in dem wir eine Grundstücksfläche für Wohnungsbau anbieten und diese zusammen mit der Stadt Lich in einem Interessenswettbewerb ausschreiben.

Was heißt das konkret?

Schneider: Wir sprechen über ein Schulgrundstück, das entwidmet worden ist. Die Stadt Lich hat dieses Grundstück mit städtische Fläche arrondiert. Diese Fläche wird jetzt in einem Interessenswettbewerb ausgeschrieben.

Also der Meistbietende bekommt die Fläche?

Schneider: Nicht ganz. Wir haben unsere Bedingungen. Das Konzept muss stimmen. 25 Prozent der Wohnungen, die dort entstehen, müssen bezahlbar und auf Grund der Vereinbarung mit der Stadt Lich barrierefrei sein.

Bezahlbar ist immer relativ. Über welchen Quadratmeterpreis reden wir denn?

Schneider: Unter den vorgenannten Voraussetzungen wird er sich zwischen 6 Euro und 6,50 Euro bewegen.

Wir können doch nicht die gesamte Fläche auf komme, was wolle, versiegeln und Neubau um Neubau schaffen

Anita Schneider

Damit richten Sie sich vor allem an Geringverdiener.

Schneider: Auch, aber nicht nur. Es gibt auch immer mehr ältere Menschen im Landkreis, deren Rente nicht ausreicht, die Grundsicherung beziehen und die in eine Art Eigentumsfalle geraten sind.

Was verstehen Sie unter einer Eigentumsfalle?

Schneider: Diese Menschen leben alleine in ihren mittlerweile viel zu großen Häusern. Sie können sich, auch wenn sie wollten, nicht verändern, weil sie sich keinen neuen, passenderen Wohnraum leisten können. Entweder gibt es den vor Ort nicht, oder eine adäquate Wohnversorgung wäre viel zu teuer. Hinzu kommt, dass sie ihr Haus, je nachdem, wo es steht, nicht werthaltig verkaufen können. Das ist die sogenannte Eigentumsfalle. Für diese Menschen müssen wir ein bezahlbares Angebot vor Ort schaffen. Damit schaffen wir auch Wohnraum für Familien, die dann diese Häuser kaufen und sanieren könnten.

Und das ist Ihre Antwort auf den demografischen Wandel?

Schneider: Es ist zumindest ein Teil der Antwort. Wir können doch nicht die gesamte Fläche auf komme, was wolle, versiegeln und Neubau um Neubau schaffen. Das ist keine Antwort für den ländlichen Raum. Es geht darum, den demografischen Wandel auch im Wohnungsbau Rechnung zu tragen und zu steuern. Ich bin auch überzeugt, dass wir ein Umbauprogramm für die Siedlungen der 60er und 70er Jahre benötigen.

Warum?

Schneider: In diesen Häusern lebt zum Teil eine Generation, deren Kinder gar nicht mehr mit im Haus wohnen und auch nicht beabsichtigen dieses zu übernehmen. Damit stellt sich die Frage, wer übernimmt jetzt dieses Haus. Viele dieser Häuser sind aus energetischer Sicht äußerst sanierungsbedürftig. Hier braucht es mehr finanzielle Unterstützung bei der Sanierung.

Wird ein solches Programm auch 2018 auf den Weg gebracht?

Schneider: Ehrlich gesagt wünsche ich mir das Programm von Bund und Land. Ich habe es dort auch schon eingebracht. Wir benötigen mehr finanzielle Unterstützung im Bereich des sozialen Wohnungsbaus und der energetischen Sanierung. Wir müssen uns ja nichts vormachen, es wird unglaublich schwierig sein, für fünf, sechs Euro etwas zu bauen.

Sie meinen, so wie in Lich. Soll denn dieses Vorhaben im gesamten Kreis Schule machen?

Schneider: Ja, das ist ein Pilotprojekt. Wir haben noch andere Grundstücke im Blick. Wenn das Projekt in Lich erfolgreich ist, werden wir hoffentlich noch weitere Projekte in der Art initiieren. Darüber hinaus stellen wir auch 1,2 Millionen Euro zur Verfügung, um weitere Projekte im sozialen Wohnungsbau zu fördern. So dass 2018 hoffentlich ein erfolgreiches Jahr für den sozialen Wohnungsbau im Landkreis Gießen wird.

wir haben steigende Bevölkerungszahlen. Lediglich bei zwei Kommunen stagniert die Bevölkerungsentwicklung

Anita Schneider

Sozialer Wohnungsbau, Digitalisierung - das sind alles auch Projekte, um der Landflucht entgegenzuwirken. Kann man die wirklich aufhalten?

Schneider: Ja, wir haben steigende Bevölkerungszahlen. Lediglich bei zwei Kommunen stagniert die Bevölkerungsentwicklung.

Welche Kommunen sind das?

Schneider: Das ist zum einen Wettenberg. Wettenberg hat aber nicht mit der typischen Landflucht zu kämpfen, das ist die Wettenberger Politik. Das sagt der Bürgermeister selbst. Das Motto der Kommune ist: Wir wollen nicht schnell wachsen, wir wollen das geordnet machen. Das merkt man auch. Obwohl Wettenberg so nah an Gießen liegt, ist die Politik derzeit nicht auf schnelles Bevölkerungswachstum ausgerichtet.

Und welche Kommune ist es noch?

Schneider: Im ländlichen Raum ist es Rabenau. Hier ist die derzeitige Entwicklung auch ein Erfolg. Denn die Prognose sagte der Kommune erhebliche Verluste voraus.

In welcher Höhe?

Schneider: 2007 hieß es, es wird bis 2030 ein Verlust von einem Drittel der Bevölkerung geben. Jetzt haben wir eine kleine Abweichung von 0,2 Prozent, und die Prognose für 2030 ist positiv. Wir sehen, dass sich im Kreis Gießen die Bevölkerungszahlen festigen und leicht wachsen. Es gibt zudem einen Index für Zukunftsfähigkeit.

Sie meinen den Prognose-Atlas. Wie kann man die Ergebnisse zusammenfassen?

Schneider: Er zeigt, der Landkreis Gießen ist zukunftsfähig. Unser Demografie-Beauftragter hat für alle Städte und Gemeinden diesen Index ausgerechnet. Und das Ergebnis ist: Die große Mehrheit der Dörfer verzeichnet positive Indexwerte. In Sachen demografischer Entwicklung zählen wir zu den besten zwölf Prozent aller Landkreise in Deutschland.

Dann wäre Hungen ja fast schon ein Vorort von Frankfurt

Anita Schneider

Entscheidend für den Zukunftsindex sind unter anderem Parameter wie Vereinsdichte und Leerstände. Aber auch Mobilität spielt eine große Rolle.

Schneider: Das stimmt, die Zukunftsfähigkeit wächst, je besser die Mobilität ist. Ein Beispiel: Jetzt bin ich von der Rabenau etwa eine Stunde mit dem Bus nach Gießen unterwegs. Würde die Lumdatalbahn kommen, bin ich in gut 25 Minuten in Gießen. Auch Laubach und Hungen bekommen dieses Argument der Mobilität zu spüren. Mit der Horlofftalbahn ist eine Bahnverbindung in rund 40 Minuten nach Frankfurt möglich. Das macht den ganzen Ostkreis viel zukunftsfähiger. Dann wäre Hungen ja fast schon ein »Vorort von Frankfurt«. Das sind Signale für eine gute Entwicklung von Wohnen und Gewerbeansiedlung. Das Thema Stärkung der Mobilität im Sinne von ÖPNV ist für unsere Teilräume, die weiter von der Stadt Gießen entfernt liegen, eine gute Strategie.

Das heißt, in Sachen Horlofftalbahn und Lumdatalbahn erhoffen Sie sich zeitnah nächste Schritte?

Schneider: Ich erhoffe mir eine klare Entscheidung von allen beteiligten Kommunen. Bei der Horlofftalbahn ist es so, dass Hungen und Wölfersheim klar positioniert sind. Die wollen diese Verbindung haben. Was die Horlofftalbahn angeht, sind die Zeichen auf grün gesetzt. Ich hoffe, dass die derzeit in Arbeit befindliche Nutzen-Kosten-Untersuchung positiv ausfällt und eine Entscheidung über die Förderwürdigkeit durch das Land Hessen in 2018 fällt.

Und die Lumdatalbahn?

Schneider: Eines muss ich noch voranstellen. Der Rhein-Main-Verkehrsverbund betreibt sowohl die Reaktivierung der Horlofftahlbahn als auch die der Lumdatalbahn ebenfalls intensiv mit. So weit waren wir noch nie. Und deswegen erhoffe ich mir wirklich sehr, dass in diesem Jahr die notwendigen Entscheidungen getroffen werden. Von den Kommunen wie auch vom Land Hessen. Der Kreistag hat sich bereits grundsätzlich für diese Reaktivierungen ausgesprochen. Vom Land erwarten wir, dass bei Anerkennung der Nutzen-Kosten-Analyse 80 bis 85 Prozent der Investitionskosten getragen werden. Das wäre bei einer Reaktivierung dieser Größenordnung zu erwarten. Aber wir benötigen auch ein klares politisches Signal von den beteiligten Kommunen im Lumdatal. Einige Kommunen haben sich schon positioniert, andere noch nicht.



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