29. August 2019, 10:05 Uhr

Unfallschwerpunkt auf B 276

Land beharrt auf Ausbau - Stadt droht Enteignung

Die Stadt Laubach lehnt den Verkauf von Grundstücken an der B 276 ab, die für das Begradigen einer gefährlichen Kurve benötigt werden. Das Land beharrt auf der Planung, will zur Not enteignen.
29. August 2019, 10:05 Uhr
Auf 600 Metern will Hessen Mobil die Kurve kurz vor Laubach begradigen. (Foto: tb)

Zwecks Entschärfung eines Unfallschwerpunktes auf der B 276 wird Hessen Mobil die Kurve kurz hinterm Ortsausgang Laubach begradigen. Nur später als geplant: Was sich im Juni angedeutet hatte, scheint jetzt sicher: Die Stadt lehnt den Verkauf der für die Maßnahme benötigten Flächen ab. Ebenso wie bereits ein, zwei Landwirte zuvor. Eine vereinfachte Bauleitplanung scheidet damit aus, es bedarf eines zeitaufwendigeren Planfeststellungsverfahrens - Enteignung inklusive. Statt 2021 rechnet die Landesbehörde jetzt für 2023/24 mit der Umsetzung.

Hessen Mobil: Ausbau kommt in jedem Fall

Dass der mit 750 000 Euro veranschlagte Ausbau wegen des hohen Gefahrenpotenzials, besonders für Motorradfahrer, aber in jedem Falle kommt, daran lässt Hessen Mobil keinen Zweifel.

Das letzte Wort zum Verkauf städtischer Flächen hat am 19. September das Stadtparlament, das klare Votum des Fachausschusses vom Dienstag aber erlaubt oben erwähnte Prognose: Sechs Nein-Stimmen von SPD, CDU, Grünen, BfL und FBLL standen ein Ja der Freien Wähler sowie zwei Enthaltungen von CDU und FW gegenüber.

Eingangs der Ausschusssitzung hatten Fachplaner Frank Lanfermann (Büro Ohlsen) und Frank Kaiser (Hessen Mobil) die Dringlichkeit des Ausbaus zu vermitteln versucht. So würden hier gleich mehrere Forderungen der »Richtlinie für die Anlage von Landstraßen« (RAL) nicht erfüllt: Kurvenradius von 40 bis 70 Meter statt 255 Meter (»Fahrer sehen nicht, was auf sie zukommt«); Querneigung von 4,5 statt 7 Prozent (»bei so engen Radien wäre eine Steilkurve angebracht«); mit 6,20 Meter zu schmale Trasse, keine Kurvenaufweitung (Gefahr bei Lkw-Gegenverkehr); unsteter Verlauf mit schneller Abfolge enger Kurven (Gefahr gerade für Ortsfremde, die dies auf Bundesstraße nicht erwarteten).

25 Unfälle in zehn Jahren

Dieser Abschnitt »verzeiht keinen Fahrfehler«, betonten die Planer. Und fügten nun Belege dafür an, dass dies eine von vier »Unfallhäufungsstellen« auf der B 276 ist: Danach weist die Polizeistatistik für 2009 bis 2018 an dieser Stelle 25 Unfälle aus, das sind 4,2 pro Kilometer und Jahr. Hingegen seien es auf dem gesamten Abschnitt Laubach-Schotten »nur« 3,8 pro Kilometer und Jahr gewesen. »Ganz klar ein Gefahrenpunkt«, schloss Kaiser. In erster Linie für Motorradfahrer, da sie an 65 Prozent aller Unfälle beteiligt sind. Eine letzte Zahl: Mit 84 Prozent seien Fahrfehler, Fehleinschätzung der Situation und meist zu hohes Tempo die Ursache eines Crashs. Dass dieses Klientel »resistent gegen Tempolimits« sei und unter einer kompletten Sperrung der Strecke auch die vernünftigen Biker litten, lautete die Replik auf Vorschläge aus dem Ausschuss.

Fazit der Experten, auch mit Hinweis auf jene Unfallopfer, die nicht aus Unvernunft, sondern etwa aufgrund der geringen Sichtweite verunglücken: »Es hilft nur ein Ausbau.« Dafür ist vor allem das Auseinanderziehen der Kurven in zwei große Bögen geplant. Wofür es aber fremder Flächen bedarf.

Gegner: Ohne Kurve wird das eine Rennstrecke

Die Argumente der Planer freilich überzeugten die Mehrheit nicht. Aufs Neue lautet das Hauptargument, mit einer Begradigung entstehe eine »Rennstrecke«, passierten noch mehr Unfälle, stiege die Lärmbelästigung der Anwohner weiter an. Michael Köhler (Grüne) verwies dazu auf die B 457, wo es trotz eines RAL-gemäßen Ausbaus fast täglich krache. Und wörtlich: »Die Richtlinien verführen die Leute nur dazu, sich die Rübe abzufahren. Das Geld sollte man besser für einen Kreisel am Münsterer Kreuz nutzen.«

Wie Planer Kaiser noch wissen ließ, laufen bereits die Voruntersuchungen für weitere Ausbaumaßnahmen bis Schotten, um die drei weiteren Unfallhäufungsstellen zu entschärfen. Da sich diese jenseits der Grenze zum Natur- bzw. Vogelschutzgebiet befänden, bedürfe es per se einer aufwendigeren Planung. Nur: Die Erwartung, zunächst die Kurve kurz hinter Laubach und diesseits der Grenze zum Naturschutzgebiet zügig auszubauen, dürfte sich nun zerschlagen haben.

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